dpa

Stuttgart: Randale in der Innenstadt

21.6.2020 16:03 Uhr

24 vorläufige Festnahmen und mehr als ein Dutzend verletzte Polizisten - das ist die erste Bilanz der Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt. Zwölf Tatverdächtige halten laut Polizei die deutsche Staatsbürgerschaft, drei davon mit Migrationshintergrund, zwölf Festgenommen hatte eine andere Staatsbürgerschaft. In der Nacht zum Sonntag hätten sich während einer Kontrolle anlässlich eines Drogendelikts viele Feiernde gegen die Polizisten solidarisiert, teilte die Polizei am Morgen mit.

Die Menschen, viele von ihnen vermummt, zogen demnach randalierend in Richtung Schlossplatz. Es flogen Pflastersteine auf vorbeifahrende Polizeiautos, Schaufenster wurden eingeschlagen und Geschäfte geplündert. Mehr als 200 Polizisten aus dem Stuttgarter Umland wurden vorübergehend in die Landeshauptstadt beordert, Polizeihubschrauber flogen über die Stadt. Erst nach Stunden beruhigte sich die Lage. Am Morgen war die Polizei dabei, Spuren zu sichern und Festgenommene zu vernehmen. Details und Hintergründe zu den Ausschreitungen wurden zunächst nicht mitgeteilt.

Nachtrag nach der Pressekonferenz

In den Social Media wurde im Nachgang zur Skandal-Nacht vom Stuttgart schnell gesagt, es seien politisch motivierte Ausschreitung gewesen, die der links-autonomen Szene zuzuordnen seien. Das ist nach Einlassungen der Stuttgarter Polizei falsch. Die Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt waren nach Angaben der Polizei nicht politisch motiviert. "Wir können aus der momentanen Sicht der Dinge eine linkspolitische oder überhaupt eine politische Motivation für diese Gewalttaten ausschließen", sagte der Stuttgarter Polizeipräsident Franz Lutz am Sonntag. "Es war heute Nacht eine nie dagewesene Dimension von offener Gewalt gegen Polizeibeamte und massive Sachbeschädigung bis hin zu Plünderungen."

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hat neben Alkohol auch das Geltungsbewusstsein in sozialen Medien als Grund für die Ausschreitungen in Stuttgart in der Nacht zum Sonntag genannt. Es könne nicht angehen, dass man aus welchen Gründen auch immer die Polizei angreife und Geschäfte plündere, sagte Kuhn bei einer Pressekonferenz am Sonntag. "Ein Grund wird Alkohol sein, ein anderer die Sucht, in sozialen Medien mit Filmchen zu kommen." Wenn er Facebook-Filmchen nach dem Muster "Fuck the police" sehe, dann sei das etwas, das in Stuttgart nichts zu suchen habe, sagte Kuhn. Er als Oberbürgermeister sowie die Stadt stünden voll hinter dem Einsatz der Polizei, betonte Kuhn. "Es geht nicht, dass man in dieser wunderschönen Stadt in der Nacht um halb zwei auf die Polizei losgeht und gewalttätig durch die Stadt marodiert." Die Polizei in Stuttgart und ganz Baden-Württemberg verfolge stets eine liberale Linie, es solle keine Gewalt geben. Doch wenn eine rote Linie überschritten werde, greife die Polizei auch ein.

Stuttgarter Partyszene eskaliert

An den Ausschreitungen auf dem Stuttgarter Schlossplatz waren nach Angaben der Polizei 400 bis 500 Personen beteiligt. Die Polizei habe gegen 23.30 Uhr einen 17-jährigen Deutschen im Schlossgarten wegen eines mutmaßlichen Drogendelikts kontrolliert, sagte Polizeivizepräsident Thomas Berger am Sonntag in Stuttgart. Sofort hätten sich 200 bis 300 Personen aus der Partyszene mit dem Jugendlichen solidarisiert und die Beamten vor Ort mit Steinen und Flaschenwürfen angegriffen. Auf dem Schlossplatz hätten sich noch mehr beteiligt, die Gruppe sei auf 400 bis 500 Personen gewachsen. 24 Personen seien vorläufig festgenommen worden. Es werde aber, das sei sicher, nach der Auswertung der Videos - auch aus den Social Media - weitere Verhaftungen und Vernehmungen geben. Man sei noch mitten in den Ermittlungen.

Auch wenn die genauen Hintergründe noch unklar sind, führten die Ausschreitungen in der Schwabenmetropole bereits zu hitzigen politischen Debatten. Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Baden-Württemberg, aber auch Stimmen aus CDU und AfD kritisierten etwa SPD-Bundeschefin Saskia Esken für ihre Äußerungen über einen "latenten Rassismus" bei der Polizei, für die sie teils auch aus den eigenen Reihen viel Kritik einstecken musste. Zwischenzeitlich hatte Esken ihre Äußerungen relativiert. Die SPD-Chefin selbst kritisierte am Sonntag auf Twitter die "sinnlose, blindwütige Randale" in Stuttgart. Die Gewalttäter müssten und hart bestraft werden. "Unbegreiflich, wie die Situation derart eskalieren konnte."

Zuletzt aktualisiert nach PK: 6/21/2020 16:16

(be/dpa)

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