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Streit um Wiederaufbau von Notre-Dame

28.6.2019 9:00 Uhr

Dass der Wiederaufbau von der Kathedrale Notre-Dame in Paris bis zum Start der Olympischen Spiele im Juli 2024 abgeschlossen sein soll, daran dürfte - außer vielleicht Emmanuel Macron - derzeit wohl niemand mehr so recht glauben.

Der französische Staatspräsident hatte nach dem verheerenden Feuer im April eine Restaurierung der Kathedrale innerhalb der kommenden fünf Jahren angekündigt. Aber die Frage nach dem zukünftigen Antlitz des Wahrzeichens der französischen Metropole ist zum Zankapfel der Nation geworden: modern oder originalgetreu?

Modernisten und Traditionalisten im Streit

Seit dem Brand, der am 15. April abends ausgebrochen war, reißt der Streit unter Politikern und Architekten um das über 850 Jahre alte Gotteshaus nicht ab. In die erhitzten Debatten zwischen Modernisten und Traditionalisten hat sich nun die Unesco eingeschaltet und daran erinnert, dass die Kathedrale auf der Liste des Weltkulturerbes steht.

Die Renovierungsarbeiten müssten in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der Konvention des Weltkulturerbes stehen, zitiert die französische Kunstzeitung "Le Quotidien de l’Art" das Unesco-Welterbekomitee vor dessen Jahressitzung in Baku (Aserbaidschan), die am Sonntag beginnt. Man fordere Frankreich auf, mit dem Komitee über den Ablauf der Restaurierung zu diskutieren.

Einigung noch lange nicht in Sicht

Wortmeldung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem Macron und seine Mitte-Links-Regierung ein Gesetzesprojekt in die Wege geleitet haben, das die politischen Lager spaltet. Der Text sieht unter anderem Lockerungen bei den Denkmalschutzvorgaben vor, um die Restaurierung zu beschleunigen.

Für viele will Macron damit auch eine Bresche für die Modernisierung des Gotteshauses schlagen. Kurz nach dem Brand hatte er wissen lassen, dass er sich eine zeitgenössische Architektur durchaus vorstellen könne. Im französischen Parlament wurde die Gesetzesvorlage nach erregten Diskussionen in erster Lesung zwar angenommen, im Senat wird sie aber nach einer ersten vergeblichen Runde am 10. Juli erneut die Gemüter bewegen. Eine Einigung ist noch lange nicht in Sicht.

Petition für den originalgetreuen Wiederaufbau

Der konservativ-populistische Politiker Nicolas Dupont-Aignan hat sogar eine Petition für den originalgetreuen Wiederaufbau von Notre-Dame lanciert. Der Gründer der euroskeptischen Partei "Debout la France" forderte darin auch, eine Ermittlungskommission einzurichten, um die wahren Ursachen des Feuers herauszufinden. Derzeit sind die Gründe für den Großbrand noch ungeklärt. Die Ermittler ziehen einen Fehler im elektrischen System oder eine nicht richtig ausgedrückte Zigarette in Erwägung. Einen kriminellen Hintergrund schließt die Pariser Staatsanwaltschaft bislang aus.

Bereits kurz nach dem Feuer hatte die Regierung einen internationalen Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Die eingereichten Ideen reichen von einem begrünten und begehbaren Dach bis zu einem hochmodernen Spitzturm, der an einen kleinen Wolkenkratzer erinnert oder an eine riesige Flamme - als Mahnmal für den Brand.

Vor Wochen schon haben Experten gemahnt, bei der Restaurierung des Gotteshauses nicht zu schnell sein zu wollen. Auf der Homepage der französischen Tageszeitung "Le Figaro" warnten rund 1000 Fachleute Macron davor, gegen die Regeln des Schutzes von Kulturgütern zu verstoßen.

Zu jenen, die Alarm schlagen, gehört auch Marc Le Fur von der konservativen Partei "Les Republicains". "Mal ein Swimmingpool, mal eine grüne Parkanlage (...), alles Architekturprojekte, die wir nicht wollen", findet Le Fur. Vor einer "rückschrittlichen Nostalgie" hingegen warnt der Chef der französischen Grünen Yannick Jadot. Man dürfe die Geschichte nicht in Stein meißeln.

Ergebnisse einer Bürger-Umfrage

Doch nicht nur Politiker und Experten sind gespalten. In einer Bürger-Umfrage im April haben sich 54 Prozent und damit nur eine knappe Mehrheit für einen originalgetreuen Wiederaufbau ausgesprochen. Die Zeit, in der das Unglück von Notre-Dame die Nation einte und die Kirche zum Symbol der Eintracht wurde, war nur von kurzer Dauer.

(gi/dpa)

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