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Sivas: Geschäftsleute in der Türkei tilgen Einkaufs-Schulden von 700 Familien

2.5.2020 16:34 Uhr

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten, die einen lächeln und den Glauben in die Menschheit zurückgewinnen lassen: In der zentralanatolischen Stadt Sivas haben anonyme Geschäftsleute gemeinsam die Schulden in Bakkals – kleinen Tante-Emma-Läden – von 700 Familien getilgt. Das bringt nicht nur die Familien, sondern auch die Bakkal-Besitzer zum Strahlen.

Wer hinter den Geschäftsfrauen und Geschäftsmännern steckt, ist nicht bekannt. Als Mittelsmann fungierte ein Journalist aus der Region, Muharrem Tagizade. Er stellte zunächst den Kontakt mit verschiedenen "Muhtars" – Dorf- oder Stadtteilvorsteher – her, um herauszufinden, welche Familien Hilfe besonders dringend benötigen könnten. Dann kontaktiere er die Bakkals und sah sich die Schuldenbücher an.

Bakkals sind mehr als nur Supermärkte

Tante-Emma-Läden, Spätis oder Büdchen werden in Deutschland immer seltener. In der Türkei jedoch gehört der Bakkal immer noch fest zum Straßenbild. Auch wenn in der Türkei die großen Supermärkte ebenfalls auf dem Vormarsch sind, viele Menschen, gerade in dörflichen Gegenden, gehen immer noch am liebsten zu ihrem Bakkal.

Denn man kennt sich hier und der Besitzer lässt einen auch schon mal anschreiben - viele Familien, die finanzielle Sorgen haben, können dank der Großzügigkeit vieler Bakkal-Besitzer beim Anschreiben über den Monat kommen. Doch werden die Schulden hier zu groß, bleibt meist kaum ein Ausweg mehr. Und genau hier wollten die anonymen Geschäftsleute ansetzen.

Saubere Schuldenbücher, glückliche Menschen

Muharrem Tagizande besuchte also Bakkal um Bakkal und tilgte dort die Schulden von insgesamt 700 Familien in Höhe von 120.000 Lira (ca. 15.400 Euro). Die Geschäftsleute wollten mit dieser Aktion zu Ramadan und während der anhaltenden Coronavirus-Krise ein kleines Zeichen setzen und den Menschen diese schwierige Zeit ein bisschen erleichtern, so Tagizande. "Das Ziel war es, zu diesem Ramadan für reich gedeckte Tische zu sorgen."

"Wir als Einwohner von Sivas sind zusammengekommen, um dieses Ziel zu erreichen. Die Menschen, denen wir helfen, wissen nicht, wer wir sind. Und wir haben die Bakkal-Besitzer nur darum gebeten, ihren Kunden zu sagen, dass sie nun schuldenfrei sind und wieder im Laden einkaufen können", so Tagizande.

Projekt soll weitergehen

"Noch mehr als die Verschuldeten haben sich die Bakkal-Besitzer gefreut. Schließlich stecken in den Büchern oft die Schulden von Monaten, wenn nicht gar Jahren. Als wir die Schulden auslösten, war das für die Bakkal-Besitzer wie ein Gewinn im Lotto. Aber wir haben Menschen hier, die, obwohl sie wissen, dass sie das Geld wahrscheinlich nie sehen werden, ihre Kunden trotzdem anschreiben lassen."

Die anonymen Geschäftsfrauen und Geschäftsmänner planen, diese Aktion zu wiederholen. In der Zukunft werde man diese Schuldentilgungen weiterführen. "Ich weiß nicht wann oder wo, aber dieses Projekt wird weitergehen. In der ersten Etappe wurden 120.000 Lira investiert. Dieses Budget wird noch weiterwachsen", so Tagizande.

Glückliche Bakkal-Besitzer

Bei den Verkäufern hat die Aktion für Begeisterung gesorgt. Yadigar Özdemir hat seit 40 Jahren einen Bakkal in Sivas. Er konnte es am Anfang überhaupt nicht glauben: "Mit dieser Aktion wurde eine große Last von den Schultern vieler genommen, die ihre Schulden nicht zahlen konnten. Möge Gott es den Spendern lohnen."

"Diejenigen, deren Schulden gezahlt wurden, haben sich sehr gefreut, genauso wie ich. So etwas ist mir zum ersten Mal passiert. Das ist eine große Erleichterung für die Kunden und für uns."

(Berna Ehrhardt)

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