dpa

Schweigeminute in Köln

9.6.2019 17:26 Uhr

In Köln wurde Sonntag der Opfer des Nagelbombenanschlags der Neonazi-Terrorzelle "NSU" (Nationalsozialistischer Untergrund) gedacht. Tage zuvor wurden rund um die Keupstraße Flugblätter mit Hakenkreuzen und Drohungen gegen Muslime gefunden.

(Screenshot: Twitter)

Während der Schweigeminute wurden weiße Tauben als Friedenssymbol aus einem Käfig frei gelassen und stiegen in den Himmel auf.

Der Inhaber eines Cafés erinnerte an die Tat am 9. Juni 2004. "Es floss Blut aus meinen Ohren", sagte er. "Erst dachten wir an eine Gasexplosion, aber dann sahen wir die Nägel." 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer.

Die Polizei ging nach dem Anschlag zunächst von einer Abrechnung im kriminellen türkischen Milieu aus. In Richtung Rechtsextremismus wurde nicht ermittelt. Erst sieben Jahre später wurde deutlich, dass der NSU für die Tat verantwortlich war.

Opfer unzufrieden mit der Aufarbeitung

Bei einer Diskussionsveranstaltung zum 15. Jahrestag des Anschlags zeigten sich viele Anwohner und Opfer unzufrieden mit der Aufarbeitung. So beklagte sich ein Mann, der bei dem Anschlag verletzt worden war, darüber, dass seine Stimme nicht gehört werde und niemanden interessiere.

Der Komiker Ususmango sagte, als er gehört habe, dass beim Verfassungsschutz Akten zu V-Leuten in der Neonaziszene vernichtet worden seien, sei bei ihm etwas kaputt gegangen. "Ganz ehrlich, da war ich raus." Das führe dazu, dass man sich nicht mehr engagiere und die Haltung entwickle, "die da oben" machten sowieso, was sie wollten. "Es ist ein Gefühl, das dazu führt, dass du nicht rausgehst."

Mahnmal immer noch nicht realisiert

Enttäuschung besteht auch darüber, dass ein seit langem geplantes Mahnmal noch immer nicht realisiert worden ist. Geschäftsleute und Anwohner aus der türkisch geprägten Keupstraße wünschen es sich in der Nähe des Anschlagsortes, doch die Stadt hat keinen Zugriff auf das dort gelegene Grundstück.

Der türkisch-islamische Dachverband Ditib wirft der deutschen Politik und Gesellschaft mangelnde Anteilnahme angesichts einer angespannten Sicherheitslage und offenen "Hetze gegen Muslime und Juden" vor. Muslime seien sehr gefährdet, teilte der Generalsekretär des Ditib-Bundesverbands, Abdurrahman Atasoy, in Köln mit. "Das letzte Beispiel hierfür sind sicherlich die Flugblätter mit Hakenkreuzen und Todesdrohungen gegen Muslime in Köln-Mülheim wenige Tage vor dem 15-jährigen Gedenken der Opfer des Nagelbombenanschlags der Terrorgruppe NSU."

Am 9. Juni 2004 hatten NSU-Mitglieder vor einem Friseursalon in der Keupstraße eine Nagelbombe gezündet. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer.

(be/dpa)