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Prozess um den Tod von Sule Cet: ​Freiwild, weil keine Jungfrau?

7.2.2019 12:00 Uhr

Die Verteidigungsansprache mit dem Argument der "fehlenden Jungfräulichkeit" des Opfers sorgt in der Türkei für einen Sturm öffentlicher Empörung in den lokalen Medien und den Social Media. Die 23-jährige Universitätsstudentin Sule Cet starb am 29. Mai 2018 in den frühen Morgenstunden.

Die Anwälte von zwei Verdächtigen, die beschuldigt werden, eine junge Mitarbeiterin in der türkischen Hauptstadt Ankara zuerst vergewaltigt und dann getötet zu haben, haben mit ihrer Verteidigungsrede vor einem Gericht in Ankara einen landesweiten Sturm der Empörung ausgelöst. Die Anwälte der Verdächtigen führten an, dass das Opfer schließlich keine Jungfrau mehr gewesen sei. Und die Öffentlichkeit in der Türkei fragt sich nun berechtigt, ob fehlende Unschuld ausreicht, eine Frau als Freiwild anzusehen.

Was geschah am 29. Mai 2018 im Bürogebäude von Ankara?

Zwei männliche Geschäftspartner, Çagatay Aksu und Berk Akand, sind von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden, da der Verdacht besteht, sie hätten die 23-jährige Studentin Sule Cet zuerst sexuell missbraucht und dann dadurch ermordet, dass die Täter sie in Ankara aus dem Fenster eines Büroturmes warfen.

Quelle: Hürriyet Daily News

Die Verdächtigen, die am 6. Februar in der ersten Verhandlung vor dem Richter am 31. Großen Strafgericht in Ankara erschienen waren, sagten, sie seien unschuldig. Aksu behauptete in seinen Einlassungen, dass Cet, die als seine Assistentin arbeitete, aus dem 20. Stock des Büroturmes aus dem Fenster sprang. Er habe noch verzweifelt versucht, sie vom Sprung abzuhalten. Den Abend im Büro habe man damit verbracht, dass man gemeinsam Musik gehört und Alkohol getrunken habe. Der zweite Verdächtige in diesem Fall, Berk Akand sagte vor Gericht, er könne sich an nichts erinnern, da er zu berauscht gewesen wäre.

Verteidigung bringt fehlende Jungfräulichkeit ins Spiel und sorgt für einen Entrüstungssturm

Wie Beobachter des Prozesses bemängeln, zeichnen sich die Aussagen der Angeklagten durch Widersprüchlichkeiten aus. So wussten beide Angeklagten dem Gericht nicht schlüssig zu erklären, warum sie das komplette Büro penibel gereinigt hatten, nachdem das Opfer aus dem Fenster sprang – oder aus dem Fenster gestürzt wurde. So fehlten zum Beispiel sämtliche Fingerabdrücke am Fensterglas und ebenso auf den Getränkegläsern im Büro, aus denen der Alkohol konsumiert wurde. Darüber hinaus hatte die Gerichtsmedizin im Zuge eine Obduktion festgestellt, dass unter den Fingernägeln des Opfers Cet DNA von Bert Akand gefunden wurde. Ebenso wurde bei der Leichenschau ein Bissabdruck beim Opfer im Hüftbereich auffällig und man stellte fest, dass das Opfer einen gebrochenen Knochen im Bereich der Kehle hatte – als wäre sie gewürgt worden.

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Aksu bestritt hartnäckig, eine Beziehung zum späteren Opfer unterhalten zu haben. Dem widersprechen Handynachrichten des Opfers, in denen sie sich an einen Freund wandte und schrieb, der Mann würde sie nicht aus dem Büro lassen, da er sich in sie verliebt habe. Die Anwälte der Verteidigung von Aksu fokussierten sich darauf, Nebenschauplätze zu eröffnen. So wurden die Opferanwälte angegangen, da sie angeblich Fragen stellen würde, wie es sonst nur Polizeibeamte täten.

"Die Staatsanwaltschaft hat so viele Lücken in ihrer Anklageschrift und es ist lächerlich", sagte die Verteidigung und betonte, dass das Opfer "keine Jungfrau mehr war und in ihrem Analbereich keinerlei Risse oder Hämatome gefunden wurden".

Und exakt mit dieser Verteidigungsrede hat die Anwaltschaft der Verdächtigen einen Sturm der Empörung losgetreten. In den Social Media und in lokalen Medien der Türkei wurde die Aussage als "skandalös" bezeichnet.

Frauenverbände begleiten den Prozess und demonstrieren

Das Gericht hat die Verhandlung mit einer weiteren Befragung von Zeugen und Angeklagten auf den 15. Mai des Jahres terminiert. Ferner wird dann auch über die Haftfortdauer der Angeklagten entschieden, die sich in U-Haft befinden.

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Viele Frauenrechtlerinnen und Aktivistinnen betrachten den Prozess wegen des Todes von Cet als Lackmus-Test für die türkische Justiz in Bezug auf die Rechte und Freiheiten von Frauen in einem Land, in dem im Jahr 2018 exakt 440 Frauen von ihren gewalttätigen Ehemännern, Freunden oder männlichen Verwandten getötet wurden. An der ersten Anhörung nahmen mehrere Frauenverbände teil, die Plakate mit der Aufschrift "Wir fordern echte Gerechtigkeit, nicht Gerechtigkeit nur für Männer" bei sich trugen.

"Sule Cet war eine Studentin, die arbeiten musste, um so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr Tod wurde als Selbstmord getarnt, damit ihre Mörder freigesprochen werden können. Wir rufen weiter, dass es ein Mord gewesen ist. Unsere Anwesenheit hier ist dem Kampf der Frauen in der Türkei geschuldet", sagten die Aktivistinnen der Frauenplattform von Ankara, die vor der ersten Anhörung vor dem Gerichtsgebäude protestierten und sich Gehör verschafften.

(hdner)