Gürsel Köksal / Hürriyet

Prof. Dr. Werner Seeger: Es braucht eine ausbalancierte Normalisierung nach Covid-19

11.5.2020 16:51 Uhr

Die Universitätsklinik Gießen/Marbug (UKGM) gehört im Kampf gegen das Coronavirus zu den führenden Anlaufstellen im Land. Unter der Leitung des Direktors, Pneumologen und Vorsitzenden des Deutschen Zentrums für Lungenforschung, Prof. Dr. Walter Seeger, wird von hier aus die Zusammenarbeit von 17 Krankenhäusern in der Region koordiniert.

In einer von der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung e.V. unter der Leitung von Prof. Dr. Yasar Bilgin organisierten Pressekonferenz für die türkischen Medien in der Gießener Uniklinik in der letzten Woche, unterstrich Prof. Dr. Seeger die Wichtigkeit, möglichst schnell einen Impfstoff zu finden – ansonsten könne die Gefahr der Pandemie sich über Jahre hinwegziehen.

35 Intensivfälle in Gießen

Wie Prof. Dr. Seeger bei der Pressekonferenz erzählte, habe man in der Gießener Uniklinik 35 mit dem Coronavirus infizierte Patienten mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren auf der Intensivstation behandeln müssen. Sieben Patienten haben den Kampf gegen die Krankheit verloren - das jüngste Opfer war gerade einmal in einem Alter von 38 Jahren.

Deutschland hat schnell reagiert

"Dank der entschlossenen Maßnahmen konnten dramatische Ausmaße der Pandemie verhindert werden." Natürlich habe es hinsichtlich der Geschwindigkeit der Verbreitung des Virus und seiner Ausmaße eine Zeit der Ungewissheit gegeben, doch man habe gut reagiert.

"Zu diesem Zeitpunkt wurden sogar noch Bundesligaspiele ausgetragen. Doch schon kurz darauf wurden die nötigen Maßnahmen festgelegt und zeitnah umgesetzt." Auch die deutsche Bevölkerung sei mit den durch Angela Merkels Regierung ergriffenen Maßnahmen zufrieden gewesen. Was hinzukam, sei die Fähigkeit des deutschen Gesundheitssystems gewesen, von Anfang an die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Dazu sei eine große Zahl neuer Intensivplätze gekommen, die wegen Covid-19 geschaffen wurden. "Aber natürlich ist es nicht nur wichtig, viele Intensivbetten bereitzustellen - das kann schließlich jeder. Gleichzeitig muss auch das Personal da sein, welches in diesen Bereichen arbeiten kann. Die Pflege von Intensivpatienten erfordert besonders viel Geschick und Sorgfalt. Auch hier sind wir sehr gut aufgestellt", so Prof. Dr. Seeger.

Einen neuen Weg in die Normalität finden

"Die getroffenen Maßnahmen haben geholfen, aber man muss auch den Preis sehen, der dafür gezahlt werden musste", erzählt Prof. Dr. Seeger. Viele Menschen seien aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus mit anderen Erkrankungen nicht in Krankenhäuser gegangen – oder erst, wenn es schon zu spät war. Durch die wirtschaftlichen Ausfälle sehen viele Bürger ihre Existenz bedroht, wodurch es zu einem Anstieg bei Suizidfällen kommen könnte. Auch für die Kinder, die seit Wochen zuhause isoliert sind, ohne Gleichaltrige zu treffen, könne die Situation eine starke Belastung darstellen, so Prof. Dr. Seeger.

Deshalb müsse man jetzt einen ausbalancierten Mittelweg finden: "Zurück zum normalen Leben, aber ohne dabei die Gefahren der Krankheit aus den Augen zu verlieren und uns selbst und andere zu schützen". Im Falle eines erneuten Anstiegs von Neuinfektionen müsse man sofort zu strikten Maßnahmen zurückkehren. "Ich glaube daran, dass dies der richtige Weg ist. Ich hoffe, dass dies der richtige Weg ist."

Alle Hoffnungen liegen auf einem Impfstoff

Wie Prof. Dr. Seeger weiterhin erklärte, sei die beste Hoffnung auf vollständige Normalisierung ein Impfstoff gegen das Coronavirus und Covid-19. Mittlerweile gebe es weltweit rund 80 Studien, die aussichtsreich wären. Doch mit einem Impfstoff rechnet der Pneumologe nicht vor dem neuen Jahr. Und dieser Impfstoff müsse dann für die ganze Welt bereitgestellt werden. "Ein Impfstoff darf nicht nur denen zugänglich gemacht werden, die ihn bezahlen können, sondern der ganzen Menschheit".

(be)

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