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Prof. Dr. Ugur Sahin: Zellen des Immunsystems sind “kleine Armeen”

22.12.2020 9:48 Uhr, von Chris Ehrhardt

Das Unternehmen BioNTech hat am heutigen Montag (21. Dezember 2020) einen großen Erfolg erzielt: Der Impfstoff BNT162b2 gegen Sars-CoV-2 erfuhr zuerst von der EMA und danach von der EU-Kommission seine Zulassung. Damit schraubt sich die Zahl der Länder, in denen das Vakzin zugelassen ist, auf mehr als 40 hoch. Christian Ehrhardt hat noch am Montagabend für Hürriyet.de ein exklusives Interview zur Thematik mit Herrn Professor Dr. Ugur Sahin zum Impfstoff geführt.

Es kursieren viele "Gerüchte" zur Wirkungsweise der Impfstoffe gegen das Coronavirus. Was exakt stößt der genbasierte Impfstoff, der mRNA-Impfstoff im Körper der Geimpften an?

mRNA ist nichts anderes als ein natürlicher Informationsträger, der in jeder menschlichen Zelle vorkommt. Wir nutzen jetzt eine Variante des Bauträgers, die fast identisch wie die natürliche Variante aussieht, um damit einen Teil des Bauplans vom Virus in die menschliche Zelle hineinzubringen. Warum ist das wichtig? Weil wir so die Information dem Immunsystem zukommen lassen "Hier, da ist ein Stück des Virus, das musst du dir merken" und wenn diese Immunantwort erfolgreich ist, ist der menschliche Körper vorbereitet, das Virus, wenn es tatsächlich in den Körper eindringt, schnell zu erkennen und zu inaktivieren. Wir können dabei die mRNA vergleichen mit einer Nachricht, die Informationen übermittelt und die sich dann später selbst löscht. Das Schöne an mRNA ist, dass sie nicht stabil ist. Sie wird im Körper abgebaut. Das ist eigentlich die Revolution: Dass wir ein Nachrichtenformat für den Körper haben, das sich selbst wieder eliminiert. Es ist darum anders als andere genbasierte Wirkstoffe, die dann im Körper verbleiben könnten. Die Information hier ist nach einigen Tagen wieder weg. Und dadurch, dass es natürlich im Körper vorkommt, sehen wir auch keinerlei Gefahr, dass die menschliche Erbsubstanz dadurch verändert wird. Darauf greift die mRNA nämlich nicht zu.

Sie sagten, dass sich der Bauplan abbaut, verschwindet. Ist es dann vorstellbar wie bei einer Grippeimpfung, dass man Jahr für Jahr neu impfen muss oder wie ist der Zyklus ausgelegt?

Wie lange das bestehen bleibt, wissen wir aktuell noch nicht. Die mRNA verschwindet nach Tagen. Aber die Immunantwort ist eine Gedächtnisantwort. Wenn Sie zum Beispiel eine Nachricht per Mail erhalten, die mit "Wichtig" gekennzeichnet ist und sagt, hier ist das, was gemacht werden muss, dann erinnern Sie sich auch noch nach einem halben Jahr an die Botschaft. Auch wenn die Nachricht inzwischen wieder gelöscht und nicht mehr auffindbar ist. Und so funktioniert unser Immungedächtnis. Das Immunsystem erhält eine Nachricht, geht mit dieser Nachricht um und das kann als eine Art Gedächtnis über Jahre erhalten bleiben. Aber wir wissen jetzt nicht, ob das Gedächtnis bei diesem Virus-Antigen auch über Jahre besteht. Das müssen wir sehen. Und wir können erst über längere Strecken lernen, ob zum Beispiel der Impfschutz über ein Jahr oder mehr aufrecht erhalten wird oder nicht.

Muss man sich das also so vorstellen, dass die Zelle beim Eindringen des Virus in den Körper Wirkstoffe losschickt, die das Virus aktiv bekämpfen? Und wer schaltet die Wirkung ab oder wird dauerhaft die Antikörperproduktion aktiviert sein?

Das läuft schon über eine längere Zeit weiter. Sie müssen sich einfach nur die Zahlen vor Augen führen. Unser Immunsystem besteht aus tausend Milliarden Zellen. Da sind sehr, sehr viele Zellen. Und diese Zellen erkennen jeweils ganz viele verschiedene Viren. Sie haben im Körper grob gesagt 100.000 Zellen, die das Masernvirus erkennen. Und vielleicht noch einmal 50.000 Zellen, die das Mumpsvirus erkennen können. Das sind kleine Armeen, die sind vorbereitet. Wenn ein Virus in der Körper gelangt, können aus diesen 50.000 plötzlich ganz schnell wieder 500.000 oder fünf Millionen werden, die das Virus aktiv bekämpfen. Die werden sich dann vermehren und das Virus angreifen und zerstören. Aber auf das Eindringen vorbereitet zu sein, das ist das, was die Gedächtnisantwort darstellt.

Der Impfstoff ist eine Art Wache im Körper

Also wie eine Art "Wache", die merkt, nun müssen wir uns aktivieren und entsprechend auf das Virus reagiert?

Genau, ganz genau. So funktionieren grundsätzlich alle Impfstoffe.

Wird es nach der Verabreichung des Vakzins "Begleiterscheinungen" wie z. B. den milden Verlauf einer Infektion geben? Ist das, was man spürt, quasi eine "kontrollierte Infektion" oder stellt sich das anders dar?

Nein, die Symptome, die man bekommt, das sind Impfsymptome, welche die Aktivierung des Immunsystems abbilden. Natürlich aktiviert auch ein Virus das Immunsystem, aber die Krankheit, die durch das Virus verursacht wird, ist vielschichtig. Durch unsere Impfung kann man keine "leichte Coronavirus-Infektion" bekommen. Das ist nicht der Fall, weil wir dem Körper nur beibringen, das Virus zu erkennen und zu stoppen. Das Coronavirus zum Beispiel zerstört die Geschmacksempfindungen. Das macht der Impfstoff nicht. Oder das Coronavirus greift die Lunge und innere Organe an. Das macht ein Impfstoff nicht. Und das auch nicht in einer leichten Art und Weise, sondern gar nicht. Der Impfstoff aktiviert einfach nur das Immunsystem, indem wir den Körper trainieren, sich gegen das Virus vorzubereiten. Dadurch fühlt man sich möglicherweise ein bisschen krank.

Sie hatten bereits erwähnt, dass Ihr Impfstoff auch Wirksamkeit gegen rund 20 bisher bekannte Mutationen aufweist. Nun ist in Großbritannien eine neue Mutation aufgetaucht und Sie untersuchen, ob Ihr Impfstoff dagegen wirksam ist. Wie lange wird dabei die Testphase dauern?

Das wird rund zwei Wochen in Anspruch nehmen. Dann wissen wir diesbezüglich mehr.

Wem raten Sie zu einer frühen Impfung und bei wem sollte von einer Impfung abgesehen werden?

Da können wir derzeit keine Empfehlungen geben. Der Impfstoff ist zugelassen ab einem Alter von 16 Jahren. Die Empfehlungen und Priorisierungen werden über die Gesundheitsministerien geregelt.

Unterschrift mit der Türkei hoffentlich noch in diesem Jahr

Es wird berichtet, dass in Verhandlungen mit der Türkei stehen, um den Impfstoff zu liefern. Gibt es aktuelle Meldungen, wie weit die Verhandlungen fortgeschritten sind und wann es weitere Verhandlungsrunden oder gar Unterschriften gibt?

Wir führen seit Monaten Gespräche mit der Türkei. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir gerne schon viel früher eine Unterschrift gehabt. Und es sieht jetzt so aus, als wären wir in den letzten Zügen und ich drücke uns die Daumen, dass wir eine Unterschrift zur Belieferung der Türkei noch in diesem Jahr hinbekommen. Darüber würden wir uns sehr freuen.

Sind also aktuell Gespräche mit der Türkei im Gange?

Ja, die finden weiter statt.

Wäre es ein logistisches Problem wegen der Kühlung, den Impfstoff in die Türkei zu liefern oder ist man da schon einen Schritt weiter und hat Lösungen parat?

Das dürfte kein Problem sein. Der Transport von Boxen mit Trockeneis, den gibt es schon seit rund fünfzig Jahren. Das ist jetzt keine Hochtechnologie. In der Türkei gibt es auch Unternehmen, die diese Kühlketten aufrechterhalten können. Und die Universitäten in der Türkei haben eine ganz hervorragende Infrastruktur. Da würde ich mir absolut keine Sorgen machen, was den Transport auch vor Ort angeht. Daran sollte es nicht scheitern.

"Das Gesundheitssystem in der Türkei ist sehr gut aufgestellt"

Ist es dann so, dass die Ausbildung der medizinischen Kräfte in der Türkei ausgezeichnet ist und wurde in den letzten Jahren herausragende Arbeit geleistet?

Ja, absolut. Absolut hervorragend. Das Gesundheitssystem in der Türkei ist sehr gut aufgestellt.

Es sind Bilder aufgetaucht, die angeblich Sie und Ihre Familie in Hatay in der Türkei zeigen. Dabei soll es sich aber nicht um Sie und Ihre Familie handeln. Ist das richtig?

Richtig, diese Bilder zeigen nicht meine Familie und mich. Das möchte ich betonen.

Bisher liefen Ihre Krebs-Forschungen eher auf medizinisches Fachpublikum zugeschnitten ab. Wie geht man als Mensch damit um, wenn urplötzlich durch das Coronavirus jeder noch so kleine Baustein der eigenen Person im Fokus steht und man merkt, ein ganzes Land wie die Türkei ist stolz darauf, was Sie, der aus Hatay stammt, derzeit für die Menschen hinsichtlich einer "neuen Normalität" erreichen?

Ich empfinde es als große Verantwortung, die auf der einen Seite die medizinische Arzneimittelentwicklung angeht. Das, was wir machen, wird Menschen verabreicht und für mich ist es wichtig, dass der Impfstoff höchsten Standards genügt. Wichtig ist, dass wir niemanden durch die Impfung Schaden zufügen. Und dass wir etwas machen, was den Menschen hilft. Für mich ist das absolut energisierend, wenn ich sehe, dass Menschen den Impfstoff bekommen und wie glücklich sie sind. Das gibt mir Kraft und Energie. Ich weiß, dass das, was wir machen, auch viele Menschen stolz macht. Und ich kann das auch nachvollziehen. Gerade wir Türken freuen uns mit, wenn Landsleute etwas schaffen. Das ist eine sehr schöne Eigenschaft von Menschen türkischer Herkunft. Die Empathie der Menschen aus der Türkei, aus aller Welt, gibt mir Kraft und bringt eine Verantwortung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man weiß, dass man unter Umständen auch als Vorbild für andere Menschen dient. Wobei das Letztere bei mir eigentlich nur sekundär ist, da ich immer das Prinzip verfolge, dass man mit jedem Menschen freundlich und respektvoll umgeht. Und dass man als Wissenschaftler immer auf die Fakten achtet. Ich kann und werde weiterhin ich selbst sein und mich auf meine Arbeit konzentrieren.

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