Presseschau zum US-Rückzug aus Syrien

21.12.2018 9:10 Uhr

Der Standard (Österreich): "Der wachsende russische Einfluss in der ganzen Region scheint Trump egal zu sein. Aber die meisten Beobachter halten es für völlig ausgeschlossen, dass der US-Präsident mit Syrien auch seine Anti-Iran-Politik aufgibt. Alle warten nun darauf, dass er eine Strategie aus dem Hut zaubert, die die direkte US-Präsenz in Syrien ersetzt. Vielleicht wird es aber auch nur so sein, dass es sich Donald Trump noch einmal anders überlegt, morgen oder übermorgen."

Kölner Stadt-Anzeiger (Köln): "Gut möglich, dass Trump die Folgen seiner Entscheidung nicht bedacht hat. Dass er von seiner Rolle als siegreicher Feldherr und treusorgender Oberbefehlshaber so berauscht war, dass er darüber das Wohlergehen Israels vergessen hat. Seine Volte setzt den engsten Verbündeten einer existenziellen Gefahr aus: Ziehen die Amerikaner aus Syrien ab, steht einer iranischen Landbrücke von Teheran über den Irak und Syrien bis zu den Golanhöhen nichts mehr im Wege."

Stuttgarter Zeitung (Stuttgart): "US-Präsident Trump will im Nahen Osten nicht mehr den Polizisten spielen. Jetzt sollten beim Kämpfen andere ran, twitterte er an seine Kritiker in den eigenen Reihen. Die negativen Folgen für das strategische Ansehen der USA in der Unruheregion nimmt der Präsident damit bewusst in Kauf. Die kurdischen Mitkämpfer, die bislang unter hohen Verlusten das militärische Rückgrat gegen die Terrormiliz bildeten, fühlen sich verraten. Trumps Lieblingsfeind Teheran dagegen frohlockt. Bei der syrischen Nachkriegsordnung haben Iran, Türkei und Russland freie Hand. Entsprechend großzügig fiel das Lob von Russlands Präsident Wladimir Putin aus. Der IS allerdings bleibt durch Trumps Entscheidung auf Jahre eine unkalkulierbare Gefahr."

Süddeutsche Zeitung (München): "Solange Trump Präsident ist, bleiben die USA der militärisch mit riesigem Abstand stärkste, aber auch am wenigsten verlässliche Bündnispartner. Mit enormer Energie müsste nun der europäische Pfeiler im Bündnis gefestigt und die außenpolitische Handlungsfähigkeit der Europäischen Union verbessert werden. Das würde sehr viel Geld erfordern und noch mehr politischen Willen. Zu sehen ist von beidem zu wenig. Es mag sein, dass Angst kein guter Ratgeber ist. Dumme Furchtlosigkeit ist es aber erst recht nicht."

Neue Zürcher Zeitung (Zürich): "Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen, was Trump zu seiner Entscheidung bewogen hat, welche so offenkundig den Anti-Terror-Kampf gefährdet, die kurdischen Verbündeten ins offene Messer laufen lässt und obendrein noch den Iranern freies Feld in Syrien überlässt. Hatte nicht eben erst Trumps Sicherheitsberater John Bolton verkündet, die USA markierten so lange militärische Präsenz, bis das Mullah-Regime seine eigenen Einheiten zurückziehe? Gibt Washington seine Stützpunkte auf, dürfen sich Syriens Präsident Bashar al-Asad und seine Unterstützer in Moskau und Teheran freuen. Ihre wichtigste Forderung nach einem Rückzug der USA aus Syrien wäre erfüllt. Nur, was hat Trump davon? Welche Gegenleistung erbringt Erdogan?"

(an/dpa/afp)