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Pokerspieler betrügt live im TV

17.10.2019 16:26 Uhr

In den USA wird derzeit ein Pokerspieler beschuldigt, Hundertausende von Dollar erbeutet zu haben, indem er Zugriff auf die Karten seiner Mitspieler hatte. Das Unglaubliche dabei? Die ganze Geschichte spielte sich vor laufender Kamera ab!

So viel Nerven muss man haben: Der Amerikaner Mike Postle wird derzeit beschuldigt, über einen Zeitraum von knapp einem Jahr vor laufender Kamera mehr als 250.000 US-Dollar durch Betrug erspielt zu haben. Dazu soll der Spieler Zugriff auf die Karten seiner Spieler gehabt haben. Während man beim Poker normalerweise nur seine eigenen zwei Karten sieht, kannte er anscheinend die Karten von jedem Spieler am Tisch.

Der Schwindel flog auf, nachdem einer der Kommentatorinnen des Live-Streams auffiel, dass Postle in verdächtig vielen Händen die perfekten Entscheidungen traf. Sie machte ihre Vermutung daraufhin öffentlich, worauf sich die Pokergemeinde im Internet zusammen an den Fall machte und Hunderte von Stunden Videomaterial überprüfte.

Das Ergebnis? Fast ausnahmslos sind Pokerspieler auf der ganzen Welt davon überzeugt, dass Mike Postle eindeutig schuldig ist. Und in der Tat ist die Beweislast gegen ihn erdrückend. Neben unzähligen verdächtigen Spielzügen schaffte es der Spieler nämlich, so viel Geld bei relativ niedrigen Einsätzen zu gewinnen, dass dies selbst für die besten Profis der Welt absolut unmöglich wäre. Der Fall erregte in den letzten Tagen so viel Aufregung, dass sogar der amerikanische Sportsender ESPN darüber berichtete.

Betrug vor laufender Kamera

Mike Postle ist ein professioneller Pokerspieler, der seit einigen Jahren im Casino Stones Gambling Hall im Norden Kaliforniens spielt. Um mehr Spieler anzuziehen, betreibt dieses Casino seit einiger Zeit einen Live-Stream namens Stones Live, der mehrmals pro Woche auf der Streaming-Plattform Twitch übertragen wird.

Damit die Zuschauer die Spielzüge der einzelnen Spieler mitverfolgen können, werden deren Karten in speziellen Grafiken angezeigt. Dazu verwendet das Casino Karten mit sogenannten RFID (Radio-Frequency identification)-Sensoren. Jede Karte ist dabei mit einem Chip ausgestattet, der einen einzigartigen Code enthält. Lesegeräte, die unter dem Tisch vor jedem Platz eines Spielers angebracht sind, übertragen die Kartendaten zum Server des Produktionsteams.

Um Betrug zu vermeiden, läuft der Stream mit 30-minütiger Verspätung. Selbst die Kommentatoren erfahren vor dieser Zeit nicht, wer welche Karten hält. Die einzigen Personen, die auf diese Daten Zugriff haben, sind die Mitarbeiter des Teams, welches den Stream produziert.

Die als am wahrscheinlichsten geltende Theorie ist derzeit, dass Mike Postle einen Komplizen im Produktionsteam hatte, der ihm die Karten seiner Mitspieler mitteilte. Andere Theorien sprechen von einem RFID-Leser im Autoschlüssel des Spielers, der sich verdächtigerweise stehts direkt vor ihm auf dem Tisch befand. Diese Theorie gilt allerdings als unwahrscheinlich, weil ein solcher Leser nur Chips in unmittelbarer Nähe erfassen kann. Die Karten eines Spielers am anderen Ende des Tisches zu erfassen, gilt laut einigen Experten als unmöglich.

Die Beweislast ist erdrückend

Wie auch immer es geschehen sein mag, einer Sache sind sich die meisten Pokerspieler und Experten sicher: Mike Postle ist ohne Zweifel schuldig. Auch wenn handfeste Beweise fehlen, deuten ganz einfach zu viele Dinge auf die Schuld des Spielers hin.

Zum einen ist da die unglaubliche Gewinnrate von Postle. In gerade einmal 277 Stunden Spielzeit auf dem Stream schaffte Postle es, mehr als 250.000 US-Dollar zu gewinnen. Das entspricht einem Stundenlohn von knapp 1.000 Dollar. Während dies bei höheren Einsätzen möglich wäre, spielte Postle jedoch vorwiegend zu Einsätzen von 1 bis 5 Dollar pro Hand. Laut statistischer Analyse einiger Experten ist ein solches Ergebnis bei diesen Einsätzen nicht nur unwahrscheinlich, sondern selbst für die besten Spieler der Welt absolut unmöglich.

Der einfache Grund dafür ist, dass beim Pokern immer ein gewisser Glücksfaktor bleibt. Selbst die besten Profis gewinnen nur knapp 70% ihrer Spielsitzungen. Postle gewann dagegen mehr als 90%, und das über einen sehr langen Zeitraum. Das bedeutet eines von zwei Dingen: entweder, Mike Postle ist der beste Pokerspieler aller Zeiten (der aber nur um kleine Einsätze in einem einzigen Casino spielt), oder er ist ein Betrüger.

Verdächtige Verhaltensweise

Um die Sache noch eindeutiger zu machen, zeigte Postle während den Live-Streams mehrere verdächtige Verhaltensweisen. So positionierte er sein Smartphone stets auf dem Stuhl zwischen seinen Beinen und verbrachte in jeder Hand eine längere Zeit damit, unter dem Schirm seiner Mütze auf seinen Schoß zu starren. Auch seine linke Hand befand sich fast die gesamte Zeit über unter dem Tisch.

Zusätzlich fiel einigen aufmerksamen Beobachtern auf, dass seine Mütze am Rand seltsame Ausbeulungen aufzeigte. Dies könnte darauf hindeuten, dass er dort ein sogenanntes knochenleitendes Mikrofon versteckt hatte. Diese neuartige Technologie leitet den Schall direkt über den Schädelknochen zum Gehörgang. Der Nutzer kann damit das Signal hören, ohne Kopfhörer in den Ohren haben zu müssen.

Am wahrscheinlichsten sind daher zwei Szenarien: entweder, der Spieler bekam die Informationen auf sein Smartphone oder über das Mikrofon unter seinem Hut übertragen. Möglich ist auch eine Kombination von beiden Methoden. Zum Beispiel kann es sein, dass Postle über sein Smartphone mit seinem Komplizen kommunizierte, der ihm dann die Hände seiner Gegenspieler per Mikrofon mitteilte.

Spieler klagen auf 30 Millionen Dollar Schadensersatz

Die Gegenspieler Postles haben mittlerweile genug gesehen. Zusammen mit der Anwaltskanzlei The VerStanding Law Firm reichten sie vor dem Amtsgericht von Kalifornien Klage gegen den Spieler ein. Dabei fordern sie Schadensersatz im Wert von mehr als 30 Millionen US-Dollar. Die Klage richtet sich nicht nur an Postle selbst, sondern auch an seinen vermeintlichen Komplizen sowie gegen das Casino selbst. Dieses soll nämlich der groben Fahrlässigkeit schuldig sein. Zudem hatte das Casino nach den Anschuldigungen einen Bericht veröffentlicht, dass sie die Angelegenheit überprüft hätten und keinerlei Verdacht auf Betrug feststellen konnten.

Nicht der erste Fall von Betrug beim Poker

Der Fall um Mike Postle ist nicht das erste Mal, dass ein Fall von Betrug beim Poker Schlagzeilen macht. Bereits im Jahr 2008 gab es einen riesigen Skandal um die ehemalige Online-Pokerseite Ultimate Bet. Dort hatte ein Spieler namens Russ Hamilton durch einen Komplizen innerhalb der Firma ebenfalls Zugang zu den Karten seiner Mitspieler erlangt. Im Gegensatz zu Mike Postle erbeutete Hamilton aber wesentlich mehr Geld, denn er nahm seinen Gegenspielern insgesamt mehr als 20 Millionen US-Dollar ab.

Genau wie beim Fall Postle war es damals die Pokergemeinde, die dem Täter wegen dessen verdächtiger Spielweise auf die Schliche kam. Die Betreiber von Ultimate Bet zahlten damals allen Opfern des Betrügers ihr Geld zurück. Dennoch wurde die Seite kurz darauf geschlossen und nie wieder eröffnet. Trotz dieser Tatsache gilt das Spiel im Internet allerdings als sehr sicher, da Betreiber wie Casino-Professor und unabhängige Glücksspielkommissionen Casinos und Wettanbieter unabhängig überprüfen.

Was geschieht nun?

Was genau mit Mike Postle geschieht, steht derzeit noch in den Sternen. Handfeste Beweise fehlen, da lediglich die verdächtigen Verhaltensweisen und die unwahrscheinlich hohe Gewinnrate des Spielers für dessen Schuld sprechen. Dennoch dürfte die Sache für ihn nicht gut aussehen. Vor Gericht reicht es nämlich, wenn die Anklage die Schuld des Täters über einen begründeten Zweifel hinaus bestätigen kann. Und dies dürfte im Fall Mike Postle definitiv zutreffen.

(Hürriyet.de)

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