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PISA-Studie: Ohne Lesekompetenz, keine Informationsverarbeitung

4.12.2019 15:15 Uhr

Die Ergebnisse der PISA-Studie 2018 waren wie eine krachende Ohrfeige für Deutschland. Nicht nur, dass man im internationalen Vergleich auf einem Durchschnittslevel dahindümpelt, man hat sich sogar im Vergleich zu den Vorjahren verschlechtert. Wenn 20 Prozent der jungen Menschen im Alter von 15 Jahren nicht in der Lage sind, Texte auf Grundschulniveau zu lesen und zu verstehen, dann sind das Alarmsignale, die man bildungs- und integrationspolitisch nicht überhören oder gar ignorieren darf.

Wie ist die PISA-Studie aufgebaut? Die Inhalte werden in einem Computertest abgeprüft. Im Bereich Lesen und Leseverständnis erhalten die 15-jährigen Prüflinge Texte, zu denen Fragen gestellt werden. Nur wer den Text inhaltlich korrekt erfasst hat, wird richtig antworten können. Geprüft wird damit die Fähigkeit, sinnerfassend lesen zu können. Aufgebaut ist das Ganze im Multiple-Choice-Verfahren. Das bedeutet, es sind mehrere Antworten vorgegeben und die Schüler müssen korrekt ankreuzen. Auch hier sind natürlich Fehler vorprogrammiert, wenn man die Antwortmöglichkeiten inhaltlich nicht versteht.

Ohne Leseverständnis gibt es keine Informationsgewinnung

Was brachte die PISA-Studie 2018 an erschreckenden Ergebnissen? In der Gruppe der 15-Jährigen, die keine Ewigkeit mehr vom Eintritt in den Arbeitsprozess entfernt stehen, sind rund 21 Prozent nicht in der Lage, richtig zu lesen und zu rechnen. Zieht man den gymnasialen Anteil der getesteten 15-Jährigen aus dem Pool, liegt die Quote in manchen Regionen bei alarmierenden 30 bis 50 Prozent mit eklatanten Lese- und Mathematikschwächen. Damit ist die 2018er Studie nach den verheerenden Ergebnissen von 2001 der PISA-Schock Vol 2.0.

Wer Teilhabe am Leben möchte und gegebene Informationen korrekt verarbeiten will, der muss verstehendes Lesen beherrschen. Wird in diesem wichtigen Segment versagt und das auf breiter Fläche, wird die Informationsgewinnung und Informationsverarbeitung zum Problem. Wer schon einfachsten Leseanforderungen nicht gerecht wird, fällt am Ende durchs soziale Raster. Für Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, kann und darf es nicht der Anspruch sein, im Mittelfeld bei solch einer zukunftsweisenden Studie zu liegen. Doch wie lassen sich die Ergebnisse interpretieren? Wo sind die Problemfelder?

Sprachtests für alle Kinder müssen kommen

Wie die Analyse der Studie ergab, die auch den Hintergrund der Kinder beleuchtet, haben sich die Sprachprobleme bei Menschen mit Migrationshintergrund zu einem Problemfeld entwickelt. Die Anforderungen ans Bildungssystem haben sich im Zuge der Flüchtlingskrise vor vier Jahren verändert. Rund 200.000 Kinder im schulpflichtigen Alter sind Teil der Flüchtlingswelle. Das hat einen direkten Einfluss auf PISA-Resultate. Würde man die Ergebnisliste bereinigen und 15-Jährige mit Migrationshintergrund aus der PISA-Studie exkludieren, würde sich das Ranking für Deutschland um zwölf Plätze nach oben verändern. Wie Studien ergeben haben, wird in rund 80 Prozent der Haushalte von Menschen mit Migrations- oder Flüchtlingshintergrund im heimischen Umfeld nicht Deutsch als Primärsprache gesprochen. Auch die Informationsgewinnung über Zeitungen und digitale Medien oder TV Sender findet dort nicht in der Landessprache Deutsch statt. Das sorgt für Sprachverwerfungen und Verständnisprobleme beim Lesen simpelster Texte.

Die Politik ist nun alarmiert. Experten warnen jedoch davor, Maßnahmen mit der "heißen Nadel" zu stricken. Dass man dem Kurs gegensteuern muss, um nicht noch tiefer abzurutschen, ist klar. Doch das Wie ist der strittige Punkt. Das Versagen kollektiv auf den Gebrauch von Spielekonsolen und Smartphones zu schieben, wäre gedanklich zu kurz gesprungen. Wer für ein Spiel X das Tutorial nicht lesen kann, wird im Game scheitern. Apps schaffen es, Lerninhalt zu vermitteln. Vielleicht würde es Sinn machen, den Vorschlag des CDU-Politikers Carsten Linnemann nochmals sachlich und unemotionalisiert gegenzuchecken. Linnemann forderte im August, dass es verbindliche Sprachtests vor dem Kindergarten und der Einschulung für alle Kinder geben solle. Damit wollte er eruiert sehen, wie ist der Wissensstand und wie muss man "Nachzügler mit Sprachdefiziten" möglicherweise gezielt schulen. Damals wurde Linnemann vorgeworfen, er würde Kinder mit ausländischen diskriminieren wollen. Dabei hat man jedoch vergessen, dass gezielte Schulung und Förderung nicht ganz ins Raster des Diskriminierungsvorwurfes passen, sondern etwas Gutes sind.

Dieses Vorschlages ihre CDU-Parteikollegen Linnemann aus dem Sommer hat sich den Berichten nach nun Integrationsministerin Annette Widman-Mauz "bemächtigt". Sie wirft ins Rennen, dass es vor dem Besuch des Kindergartens oder der Kindertagesstätte kollektiv für alle Kinder Sprachtests geben solle. Auch die Option, dass mehr Lehrkräfte eingestellt werden, ist wieder auf dem Tisch. Klassen verschlanken, nach Leistungsfähigkeit sortiert, um so gezielt auf die echten Lernbedürfnisse der Kinder eingehen zu können.

(Hürriyet.de)

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