HDN

Parlament der Türkei wird hundert Jahre alt

21.4.2020 8:09 Uhr, von Andreas Neubrand

In der Türkei war der Bürgerkrieg noch in vollem Gange. Trotzdem rief der Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, die erste gesetzgebende Versammlung zusammen. Aus Sicht von Professor Tülay Alim Baran ein wichtiger Schritt, um das Land in eine Republik zu führen.

"Während das Parlament sich mit kriegsrelevanten Fragen beschäftigte, wuchsen dabei auch die Strukturen, mit denen das Land regiert werden konnten", sagte sie kürzlich gegenüber der Hürriyet über das 100-jährige Bestehen der Großen Nationalversammlung der Türkei, die am 23. April 1920 erstmals eröffnet wurde.

"Es war, als hätte sie den Krieg in den Köpfen der Menschen beendet. Mit ihren Gesetzgebungs- und Exekutivstrukturen leitete das Parlament die Geburtsstunde der türkischen Republik ein."

Können Sie uns etwas über die Umstände erzählen, in denen sich die Türkei bei der Eröffnung des Parlaments befand?

In der Türkei war der Bürgerkrieg noch in vollem Gange. Trotzdem rief der Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, die erste gesetzgebende Versammlung zusammen. Aus Sicht von Professor Tülay Alim Baran ein wichtiger Schritt, um das Land in eine Republik zu führen.

"Während das Parlament sich mit kriegsrelevanten Fragen beschäftigte, wuchsen dabei auch die Strukturen, mit denen das Land regiert werden konnten", sagte sie kürzlich gegenüber den Hurriyet Daily News über das 100-jährige Bestehen der Großen Nationalversammlung der Türkei, die am 23. April 1920 erstmals eröffnet wurde.

"Es war, als hätte sie den Krieg in den Köpfen der Menschen beendet. Mit ihrem Gesetzgebungs- und Exekutivstrukturen leitete das Parlament die Geburtsstunde der türkischen Republik ein."

Anatolien litt unter den schlimmen Folgen der Niederlage aus dem Ersten Weltkrieg. Weite Teile des Landes waren von ausländischen Streitkräften besetzt. Als Folge des Kriegs gab es zu wenig Männer und verschiedene Krankheiten wie Malaria gingen um. Die Menschen waren kriegsmüde und wollten der Regierung in Istanbul nicht folgen, erneut zu den Waffen zu greifen. Allein 1918 verzeichnete die Armee 300.000 Deserteure.

Nachdem Mustafa Kemal Istanbul verlassen hatte, begann der den Kampf um die Nation. Doch das Schmuggeln von Waffen aus den besetzten Gebieten nach Anatolien erwies sich als komplizierter als gedacht, da die Besatzungsmächte die Eisenbahnen kontrollierten.

Istanbul schlägt zurück

Mustafa Kemal musste neben den wirtschaftlichen Nöten auch gegen die Propaganda der Regierung in Istanbul und gegen die Besatzungsmächte kämpfen. Dabei wurde er als Rebell gegen die Herrschaft des Sultans dargestellt. Es war also eine schlimme Zeit. Deshalb ist der Erfolg auch so etwas wie ein Wunder.

Warum glaubte Mustafa Kemal gerade zu diesem Zeitpunkt ein Parlament einberufen zu müssen?

Mustafa Kemal glaubt fest an die Demokratie. Schon als Student sah er glasklar, dass der Staat, so wie er war, am Ende war. Der Waffenstillstand von Mudros (ein 1918 geschlossener Vertrag zwischen den Osmanen und den Allierten) bestätigten ihn darin. Die Regierung in Istanbul glaubte nicht an eine Besatzung und war daher gegen einen bewaffneten Widerstand.

Für Atatürk gab es nur einen Ausweg: Die Unabhängigkeit des Landes und die Souveränität des Einzelnen. Für ihn war klar, dass das Land nicht als Imperium fortbestehen konnte. Er entschied sich für das Modell der Republik, mit dem Parlament als Herzstück.

Neue Regierung für die Türkei

Mustafa Kemal Atatürk verließ Istanbul und kam im Mai 1919 in Samsun an. Dort begann er das von ihm favorisierte Staatsmodell aufzubauen. Während des nationalen Kampfes ebnete er nicht nur den Weg für den Unabhängigkeitskrieg, sondern auch den Weg zur türkischen Republik. So nannte er die Zeitung, die er herausgab "Der Wille der Nation" und die Milizkräfte die nationalen Streitkräfte. Kemal setze früh auf eine Terminologie, die auf dem Willen der Nation basierten.

"Die Souveränität gehört bedingungslos zur Nation" (Der Satz steht an der Wand hinter dem Parlamentspräsidenten der Großen Türkischen Nationalversammlung) ist der erste Artikel der türkischen Verfassung.

Mit der Öffnung des Parlaments gab er den Menschen in der Türkei die Möglichkeit gemeinsam zu regieren und Entscheidungen zu treffen. Damit brachte er die Menschen, die noch immer unter den Auswirkungen der Besatzung litten, der Republik näher.

Ich denke, die beste Antwort, warum er das Parlament unter diesen schwierigen Umständen eröffnet hat, hat Mustafa Kemal selbst gegeben. In einem Interview mit dem Journalisten Yunus Nadi wurde er gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, zuerst eine Armee aufzubauen und dann erst das Parlament zu eröffnen. Kemals Antwort war: "Ich gehöre zu den Menschen, die vom Parlament Wunder erwarten. Wir sind nun an einem Punkt angelangt, an dem jede unserer Handlungen legitim sein müssen. Die Legitimität in nationalen Angelegenheiten kann nur durch die Grundlage nationaler Entscheidungen getroffen werden.

Wie ist das erste Parlament entstanden?

Das erste Parlament bestand aus Beamten, Soldaten und Vertretern verschiedener Berufe. Auch einige der vor der Besatzung geflohenen Mitglieder des aufgelösten Parlaments in Istanbul schlossen sich an. Das Parlament erlebte viele erste Male, da sich das Regime änderte und die Republik hervorbrachte. Es wurde auch unter ungewöhnlichen Umständen gegründet. Es bereitete das Land einerseits auf den Krieg vor und half bei der Sicherung der Unabhängigkeit und der nationalen Souveränität.

Wie würden Sie die ursprünglichen Funktionen und Leistungen des Parlaments beschreiben?

Das Parlament war gegen die ausländische Besatzung der Türkei entstanden. Es stellte die Armee für den nationalen Kampf auf und hatte den Auftrag, die Bedürfnisse dieser Armee auch wirtschaftlich zu befriedigen.

Als Erstes musste das Volk davon überzeugt werden, dass nur ein Krieg es in die Unabhängigkeit führen könne. Da es zu dieser Zeit viele Überläufer gab, wurde zuerst ein Gesetz gegen Verrat erlassen.

Mustafa Kemal führte die Türken zusammen

Der Erfolg, den Mustafa Kemal bei der Zusammenführung der Menschen im nationalen Kampf und bei der Öffnung des Parlaments erzielte, war der Regierung in Istanbul ein Dorn im Auge. Zusammen mit den Besatzungsstaaten versuchte Istanbul die Bewegung zu diskreditieren. Doch dem Parlament gelang sich klar gegen alle zu positionieren, die für einen Fortbestand des Sultanats unter dem Schutz ausländischer Staaten plädierten. Dies führte zwischen 1918 und 1923 zu fast 40 internen Aufständen.

Auch im Ausland erlangte das neue türkische Parlament schnell Anerkennung. Es fing an, diplomatische Gespräche aufzunehmen und Abkommen zu unterzeichnen.

Und während das Parlament auf der einen Seite mit kriegsrelevanten Fragen beschäftigt war, baute es eine Struktur im Land auf, um nach dem Krieg regieren zu können. So gehörte beispielsweise dem Ministergremium auch ein Bildungsminister an. Sie können sich denken, dass Bildung inmitten des Krieges nicht die oberste Priorität hatte.

Es hatte den Anschein, dass sie den Krieg in ihren Köpfen beendet hatten und die republikanische Nachkriegszeit diskutierten. Mit neuen Gesetzen und Exekutivstrukturen ebnete das Parlament den Weg für die türkische Republik.

Man würde denken, dass das neue Parlament alles tat, was Atatürk wollte.

Das Parlament übte auch Kritik an Atatürk. Es war eine harte Zeit. Das Parlament erlebte in dieser Zeit immer wieder Momente der Demoralisierung, meist dann, wenn sie die feindlichen Bomben hörten. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwei Gruppen im Parlament. Die Letztere bestand dabei aus abweichenden Parlamentariern.

Kein türkisches Parlament ohne Atatürk

Schaut man sich die Debatten während des Gesetzesentwurfes über Mustafa Kemals Stellung als Oberbefehlshaber an, dann zeigt sich, dass es teilweise heftige Diskussionen gab.

Offensichtlich war Atatürk von zentraler Bedeutung für die Geschichte der türkischen Republik. Würden Sie sagen, dass die Leistungen einer Institution wie das Parlament durch die Erfolge Atatürks überschattet wurden?

Sie können keinen Krieg ohne Unterstützung durch andere führen. Aber es ist auch klar, dass es ohne Atatürk kein Parlament gegeben hätte. Die Befreiung der Türkei fand dank des Patriotismus im Volk statt. Aber Atatürk war der Moderator dieser Bewegung. Die Gründung der türkischen Republik war sein Traum und das Parlament war das Herzstück, um diesem Traum zu erfüllen.

Über Tülay Alam Baran:

Sie ist Direktorin des Instituts für die Prinzipien Atatürks und Revolutionsgeschichte an der Yeditepe Universität in Istanbul. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die "nationale Kampfbewegung", dabei erforscht sie alle Aktivitäten rund um die Gründung der türkischen Geschichte.

Sie ist Autorin mehrere Bücher und Artikel. Aktuell arbeitet sie an einem Buch über Ethem Tem, der Kriegsfotograf von Mustafa Kemal war.

0 Kommentare

Bitte geben Sie den Aktivierungscode ein, der an Ihre E-Mail-Adresse gesendet wurde.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.