epa/Vatican Media Handout

Papst Franziskus fordert Solidarität statt Egoismus

18.4.2020 18:04 Uhr

In diesen Ostertagen wirken die Falten im Gesicht von Papst Franziskus noch viel tiefer als sonst. Das katholische Kirchenoberhaupt zelebriert zum höchsten christlichen Fest eine Messe nach der anderen. Doch die Pilgermassen, der Blumenschmuck auf dem Petersplatz, das Miteinander: All das fehlt wegen der weltweiten Corona-Pandemie.

Einsam, traurig und verloren wirkt der 83-jährige Franziskus bei den Feiern zu Jesus' Auferstehung. Fast als entwickle er sich zur Symbolfigur dieser Krise, spiegeln seine Auftritte Emotionen, die Menschen weltweit wegen Ausgangsverboten und der Angst vor Ansteckung erleben.

Krankheit beraubt uns der Nähe

Franziskus spricht diese Gefühle in der von der Corona-Welle geprägten Osterbotschaft am Sonntag selbst an: Diese Krankheit habe uns der gegenseitigen Nähe beraubt, sagt er. «In diesen Wochen hat sich das Leben von Millionen von Menschen schlagartig verändert.»

Die Pandemie bewirkt, dass viele Menschen vermehrt nach Halt und Sicherheit suchen. «Franziskus hat einen Spürsinn für die öffentliche Meinung. Er hat verstanden, dass er dabei sein sollte», so beschreibt der Vatikankenner und Buchautor Marco Politi («Das Franziskus-Komplott») die Lage des Pontifex in den Tagen vor Ostern. Doch wie kann er die Gläubigen erreichen, wenn er im abgeschotteten Vatikanstaat festsitzt?

"Ich bete mehr"

Dort empfängt er seit Wochen nur wenige Besucher. «Ich bete mehr, weil ich das Gefühl habe, dass ich es sollte», beschrieb er unlängst sein Leben in der Residenz Santa Marta mit starken Kontaktbeschränkungen. Er hatte schriftliche Fragen des britischen Vatikan-Experten Austen Ivereigh beantwortet. Eine schnelle Änderung ist angesichts von bald 20 000 Corona-Toten in Italien auch für ihn nicht absehbar. Seine nächsten Reisen, etwa Ende Mai nach Malta, sind schon abgesagt.

Bei der Abendmesse zur Osternacht saß der Papst jedenfalls teilweise wie versunken in einem Sessel, die Augen zu kleinen Schlitzen zusammengezogen. Man sehe ihm an, dass ihm die Pandemie-Zeit seelisch Schmerzen bereite, sagte eine Sprecherin der Internet-Übertragung der katholischen Medienplattform «Vaticannews». Bei seiner Predigt mit leiser Stimme konzentrierte er sich am Samstag auf den Mut und die Hoffnung, die Ostern selbst in «dunkelster Stunde» geben könnten.

EU solle mehr Solidarität zeigen

Bei der Osterbotschaft am Sonntag zeigt der Papst am meisten Energie in den sehr politischen Passagen. Etwa als der Argentinier die Verantwortlichen in der Europäischen Union zu mehr innerer Solidarität aufruft. Sonst gerate das Einigungsprojekt durch die Pandemie-Krise in Gefahr. Und als er das Schweigen der Waffen in Krisenregionen und Schuldenerleichterungen für die ärmsten Länder fordert.

In anderen Passagen der Zeremonie, auch beim Segen «Urbi et Orbi» (der Stadt und dem Erdkreis), bestärkt die monumentale Architektur des riesigen Petersdoms die bedrückende Grundstimmung. Der Bau ist für Zehntausende Gläubige ausgelegt. Nun sitzen dort vor dem Papst nur wenige Zuhörer auf den Bänken. Sie halten großen Abstand voneinander, um jede Ansteckungsgefahr zu vermeiden.

Corona-Krise ist Prüfung für Religionen

Die Corona-Krise stelle die Religionen insgesamt vor harte Prüfungen, auch weil die Ärzte, Wissenschaftler und Politiker so stark an Einfluss gewonnen hätten, sagte der Papst-Experte Politi vor dem Fest.

Franziskus gilt dabei jedoch als Mann des direkten Kontakts. Er kann seine Stärken in der Corona-Isolation schwerer zeigen. Im Vorjahr, als er zu Ostern auf Pilger auf dem Petersplatz direkt zugehen konnte, strahlte ein breites Lächeln auf seinem Gesicht.

Papst spricht vielen aus der Seele

In Italien notieren manche Medien dennoch anerkennend, dass das Kirchenoberhaupt ähnlich angefasst von der düsteren Lage sei wie manche Bürger. Und damit vielen aus der Seele spreche.

In Deutschland zeigte eine Umfrage allerdings gerade, dass die Vorbildfunktion von Franziskus in der Corona-Krise sehr begrenzt scheint: In der Befragung der katholischen Zeitung «Tagespost» gaben nur elf Prozent Anfang April an, dass sie den Papst in der Krise als Inspiration ansehen. Unter Katholiken waren die Werte zwar etwas höher. Aber auch in dieser Gruppe blickte eine Mehrheit eher skeptisch Richtung Rom.

(an/dpa)

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