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Pädagogik im Wandel der Zeit - ist eine autoritäre Erziehung noch zeitgemäß?

30.10.2019 10:38 Uhr

Bis zu den 1990er Jahren herrschten in der Bundesrepublik Deutschland überwiegend autoritäre und autokratische Erziehungsmodelle vor. Kinder waren demnach einer strikten Familienhierarchie und der Hausordnung ihrer Eltern unterworfen. Gehorsamkeit und Respekt vor der Autorität standen dabei an erster Stelle.

Noch lange nach der Nachkriegszeit befürwortete mehr als die Hälfte der Bevölkerung körperliche Bestrafungen von Kindern bei Ungehorsam.

Doch autoritäre und autokratische Erziehung wurde spätestens in den 1990er Jahren zum größten Teil abgeschafft. Pädagogische Ratgeber empfehlen heute ein Modell, das seinen Fokus besonders auf eine gute Eltern-Kind-Beziehung und die individuellen Bedürfnisse des Minderjährigen legt.

Die gestiegenen Anforderungen an frischgebackene Eltern machen es nicht gerade leicht, eine passende Art der Erziehung für ihr Kind zu wählen. Denn während die autoritäre Variante veraltet erscheint, kann die antiautoritäre Erziehung schnell in eine fehlende Aufsicht des Kindes ausarten und zu Unsicherheiten oder Orientierungslosigkeit führen.

Durch eine nähere Betrachtung der Pädagogik im Wandel der Zeit ist es möglich, verschiedene Erziehungsmodelle zu analysieren und alle Vor- und Nachteile unter die Lupe zu nehmen.

Elterliche Erziehungsstile der letzten Jahrzehnte im Überblick

Die autoritäre Erziehung von Kindern gehört vermutlich zu den ältesten Erziehungsmodellen der Welt. Angefangen vom späten Mittelalter bis hin zu einigen Jahrzehnten ab der Mitte der 1940er wurde diese Form der Erziehung praktiziert.

Mit einem steigenden Verständnis für die physische und psychische Entwicklung von Kindern entstanden zwischen 1945 und 2000 zahlreiche alternativen Erziehungsmodelle. Pädagogische Ratgeber trugen hierzu einen wesentlichen Teil bei.

Wobei tatsächlich erst in den 1960er Jahren durch Jugend- und Studentenproteste ein wesentliches Umdenken entstand. So wurden Bildungsreformen kurzfristig eingeleitet und zahlreiche Diskurse über Pädagogik geführt. Dabei stand eine einfühlsame und verständnisvolle Eltern-Kind-Beziehung im Vordergrund.

Ab den 1970er Jahren etablierte sich eine demokratische Erziehungsmethode, die teilweise autoritär und teilweise gleichberechtigt war. Spätestens 1975 begannen Eltern ihre Kinder als gleichberechtigt zu betrachten, wodurch sie ebenfalls in Entscheidungen miteinbezogen wurden. Der Fokus der demokratischen Erziehung liegt auf den Individualisierungsprozessen der Kinder. Durch die Gleichberechtigung mit Erwachsenen sollen Kinder lernen, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und selbstständig zu denken.

Spätestens in den 1990er Jahren beginnt die Gesellschaft höhere Ansprüche an die Eltern in Fragen der Erziehungskompetenz zu stellen. Einerseits werden Eltern durch die zahlreichen Erziehungsratgeber entlastet, andererseits stellen diese gleichzeitig höhere Anforderungen an die Elternschaft. Dies führt bei den Eltern zu Entscheidungsschwierigkeiten und Versagensängsten.

Nach den 1990er Jahren entwickelten sich noch zahlreiche weitere Erziehungsmodelle, so zum Beispiel die Laissez-Faire Erziehung.

Bei dem Laissez-Fairen Erziehungsstil stellen die Eltern so gut wie keine Anforderungen an ihre Kinder und es gibt keine spezifischen Regeln. Mit der Absicht, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, werden sie sich überwiegend sich selbst überlassen. Jedoch weckt dies bei Aussenstehenden oft den Eindruck von Unstrukturiertheit und elterlicher Ignoranz.

Autoritäre Erziehungskonzepte - ein Produkt vergangener Jahrhunderte

Die Vergangenheit ist geprägt von Kindesmissbrauch und Gewalt an Kindern. Denn erst ab dem 16. Jahrhundert entstand ein geringfügiges Verständnis für die Bedürfnisse und Wünsche von Kindern. Vorher waren die Kleinen leider nicht viel mehr, als ökonomische Güter, die in der Mittel- und Unterschicht bereits im jüngsten Alter harte Arbeiten verrichten mussten. Den Bedürfnissen und Wünschen von Kindern wurde zu dieser Zeit keinerlei Relevanz zugewiesen. Bis zu den 1960er Jahren durften auch in staatlichen Bildungseinrichtungen die Lehrkräfte nach Gutdünken körperliche Züchtigung als Erziehungsmittel verwenden.

Dadurch entstand vermutlich auch die autoritäre Erziehung, die sogar noch heute vereinzelt Anwendung findet.

Die Schwerpunkte des autoritären Erziehungskonzeptes können wie folgt untergliedert werden:

  1. Hohe Kontrolle über das Kind
  2. Niedrige Responsivität bzw. Bereitschaft der Eltern auf die Wünsche des Kindes einzugehen
  3. Aufstellung strenger Regeln, deren Missachtung sogar mit Gewalt bestraft werden kann
  4. Die Kinder dürfen die Entscheidungen ihrer Eltern nicht hinterfragen oder anzweifeln
  5. Die Meinung des Kindes wird zwar akzeptiert, jedoch steht die Entscheidung der Eltern über dieser
  6. Respekt vor der Autorität bzw. den Eltern geht über alles

Wissenschaftliche Studien ergaben, dass Kinder, die unter einer autoritären Erziehung aufwuchsen, im Erwachsenenalter oftmals unter mangelnder sozialer Kompetenz, einem geringen Selbstbewusstsein und einer mangelnden Selbstständigkeit leiden.

Andererseits konnte eine Studie beweisen, dass eine autoritäre Erziehung in Kombination mit elterliche Fürsorge ein Schutzfaktor vor Suizidversuchen bei Jugendlichen ist. Um genauer zu sein, war dies unter 19 Variablen sogar der einzige Schutzfaktor.

Dahingegen steigt bei einer Erziehung frei von jedweden Regeln, verglichen mit anderen Erziehungskonzepten, das Risiko von Suizidversuchen bei Jugendlichen um ein 1,5faches.

Der pädagogische Umbruch der 1960er Jahre

Ab den 1960er Jahren entstand ein pädagogischer Umbruch, den man als ersten Schritt in die heutige Richtung von kindergerechten Erziehungsmethoden bezeichnen kann. Als Alternative zur autoritären Erziehung wurden heterogene Erziehungsmodelle wie die antiautoritäre Erziehung geschaffen.

Jugendbewegungen führten zu zahlreichen pädagogischen Debatten über Erziehungsmodelle, Ziele, Normen und Ethik. Reformen an staatlichen Bildungsinstituten wurden kurzfristig vorgenommen und den Eltern wurden neue Erziehungskonzepte präsentiert.

Zu dieser Zeit strebten Eltern das Ziel an, mehr Solidarität zwischen Eltern und Kind sowie verstärkte Kommunikation und Kooperation zu schaffen.

Dies sollte zu mehr Leistungsfähigkeit, Motivation, Persönlichkeitsfindung und Frustrationstoleranz bei den betroffenen Kindern führen.

Obwohl das Bewusstsein über eine notwendige Reform der herkömmlichen autoritären Erziehungsmethode in den 1960er Jahren entstand, erfolgte dessen tatsächliche Umsetzung erst ein Jahrzehnt später.

"Beziehung statt Erziehung", das demokratisch-autoritative Erziehungskonzept der 1970er Jahre bis heute

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Die demokratisch-autoritative Erziehung ist ein revolutionäres Erziehungskonzept, dass in den 1970er Jahren entstand und eine Balance zwischen elterlicher Führung und Freiraum für die persönliche Entwicklung von Kindern bietet.

In den 1990er Jahren erwies sich dieses Erziehungsmodell als äußerst erfolgreich, da es selbstständige junge Erwachsene mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, Kritikfähigkeit, Toleranz und einer höheren Leistungsfähigkeit hervorbrachte.

Heute, einige Jahrzehnte später, ist die demokratisch-autoritative Erziehung das dominierende Erziehungsmodell in Deutschland.

Die Schwerpunkte der demokratisch-autoritativen Erziehung lauten wie folgt:

  1. Kommunikation zwischen Eltern und Kind
  2. Beachtung und Wertschätzung der Meinung, Bedürfnisse und Wünsche des Kindes
  3. Förderung der Selbstständigkeit, Kreativität und sozialer Kompetenz des Kindes
  4. Elterliche Kontrolle und häusliche Regeln, die das Wohlsein des Kindes garantieren und dem Leben des Kindes eine gewisse Struktur verleihen
  5. Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kinder (z. B. müssen alle Familienangehörigen sich mit Aufgaben im Haushalt abwechseln und das Kind hat bei größeren Entscheidungen ein Mitspracherecht)
  6. Dem Kind genügend Freiraum trotz elterliche Aufsicht gewähren, zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und Selbstständigkeit

Bewiesenermaßen garantiert eine demokratisch-autoritative Erziehung eine stärkere Bindung zwischen den Eltern und dem Kind. Des Weiteren sorgt dieses Erziehungsmodell für mehr Harmonie innerhalb der Familie und bietet den Kleinsten trotz einer gewissen Struktur genügend Freiheiten.

"Beziehung statt Erziehung" ist die Philosophie des demokratisch-autoritativen Erziehungsstils. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind sowie die Bedürfnisse des Nachwuchses stehen bei diesem Beziehungsmodell besonders im Vordergrund.

Jedoch ist dieses Erziehungsmodell sehr anspruchsvoll und verlangt hundertprozentigen Einsatz von den Eltern ab. Denn verlangt man zum Beispiel von seinem Nachwuchs, Ordnung im Schlafzimmer zu halten, muss man selber ein aufgeräumtes Schlafzimmer besitzen. Wenn der Süßigkeitenkonsum eingeschränkt wird, darf man als Elternteil ebenfalls nicht übermäßig viel naschen.

Die demokratisch-autoritative Erziehung ist verbunden mit einem hohen Zeitaufwand. Als Eltern sollte man viel Wert auf eine gute Kommunikation und gemeinsame Unternehmungen legen.

Die Wahl der richtigen Erziehungsmethode

Die demokratisch-autoritative Erziehung mit einem Fokus auf die Bedürfnisse des Kindes ist heutzutage die vorherrschende Erziehungsmethode in deutschen Haushalten.

Dadurch erhalten Kinder viel mehr Zuwendung, Verständnis und Freiheiten als in der Vergangenheit. Die Erziehung war noch nie zuvor so kindgerecht, wie sie es heute ist. Zahlreiche pädagogische Ratgeber unterstützen frischgebackene Eltern bei der Erziehung ihrer Sprösslinge. Auch die Elternschaft hat sich im Wandel der Zeit verändert und ist nun zu einer anspruchsvollen Aufgabe geworden.

Denn eine Erziehung auf der Basis von Kommunikation und Verständnis sorgt für ein harmonisches Miteinander und stärkt die Eltern-Kind-Beziehung trotz Berufstätigkeit.

(Hürriyet.de)

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