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Neuerscheinungen im Herbst

1.10.2019 13:02 Uhr

Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken. Gibt es etwas schöneres als es sich mit einem Buch auf dem Sofa bequem zu machen und in Ruhe zu lesen? Hier stellen wir drei Neuerscheinung vor.

"Von oben": Sibylle Lewitscharoffs merkwürdige Seelenreise

Berlin (dpa) - Eigentlich ist er ja begraben, der Herr Professor. Seine letzte Ruhe fand er in prominenter Nähe zu Marlene Dietrich auf dem Friedhof in Berlin-Schöneberg. Doch in Wahrheit schwirrt er als Untoter weiter über den Köpfen der Berliner. Als "Seelenmotte" räsoniert er über das Leben der anderen, das er nun leider nicht mehr teilt. Es ist ein merkwürdiger Roman, den Sibylle Lewitscharoff da geschrieben hat, etwas gespensterhaft, angesiedelt in einer Zwischenwelt von Leben und Tod. Er enthält allerhand Plattitüden über ehemalige Nachbarn und alte Bekannte, die sich in der Zwischenzeit zum Entsetzen des Geistes einen prallen Bauch angefressen haben, aber auch philosophische Exkurse über Heidegger oder Reflexionen über Angela Merkel. Diese sitzt gut sichtbar im karierten Bademantel in der Küche beim Aktenstudium. Die Vermutung liegt nahe, dass sich in dem endlosen Palaver zu einem Gutteil die Ansichten der Autorin selbst widerspiegeln. Eine merkwürdige Seelenreise, auf der ihr nicht jeder folgen mag.

Bauhaus-Roman "Diese goldenen Jahre"

Hamburg (dpa ) - Dieser Roman kommt gerade passend zum großen Bauhausjubiläum. "Diese goldenen Jahre" von Naomi Wood erzählt die Geschichte von sechs Studenten der weltberühmten Kunstschule. Die Freundesclique erlebt in Weimar und Dessau nicht nur den Aufbruch in eine revolutionäre, inspirierende Kunst- und Designwelt, sondern auch Liebesfreud und -leid, Verbundenheit und Verrat. Jahrzehnte später blickt der nach England emigrierte Paul, inzwischen ein erfolgreicher Künstler, auf diese Schlüsseljahre zurück. Naomi Wood landete vor einigen Jahren mit ihrem Debütroman "Als mich Hemingway liebte" einen Überraschungserfolg. Auch in ihrem neuen Buch geht es wieder um die Irrungen und Wirrungen menschlicher Beziehungen. Schade nur, dass dabei das ganze Bauhaus-Thema viel zu kurz kommt. Weder gelingt es ihr, den besonderen Appeal dieser umstürzenden Kunsteinrichtung zu vermitteln, noch wird der historische Hintergrund gebührend gewürdigt. All das bleibt mehr oder weniger Kulisse für langatmig erzählte Gefühlsdramen.

"Ich bin Circe": antiker "Odysseus"-Mythos aus weiblicher Sicht

Berlin (dpa) - Eigentlich hätte Circe als Tochter des griechischen Sonnengottes Helios eine blendende Zukunft vor sich. Bekannt wird sie im antiken Mythos allerdings als Unheilsbringerin: Odysseus behält sie als Geliebten für ein Jahr auf ihrer Insel, bevor dieser seinen abenteuerlichen Heimweg nach Ithaka fortsetzt. Die US-Autorin Madeline Miller nähert sich in ihrem nun auf Deutsch erschienenen Roman "Ich bin Circe" der vermeintlich unheilvollen Zauberin, die mit ihrem rebellischen Temperament eher Menschen denn Göttern gleicht. Weil Circe die verbotene Kraft der Hexerei betreibt (von ihr stammt das Wort "bezirzen"), wird sie verstoßen. Zorn zieht sie außerdem auf sich, weil sie Medea nach dem Diebstahl des Goldenen Vlieses zur Flucht verhilft und dem verstoßenen Feuerbringer Prometheus nahesteht. Während in Millers Vorgänger-Roman "Das Lied des Achill" dessen junger Geliebter Patroklos die "Ilias" von Homer aus queerer Sicht erzählt, nimmt die 41-Jährige diesmal eine feministische Perspektive ein. Der Drang nach Unabhängigkeit führt Circe in die Einsamkeit. Bei Miller ist sie zugleich Strippenziehrin und Unterworfene des eigenen Schicksals. Die Geliebten (neben Odysseus auch Götterbote Hermes) sind diesmal Teil ihrer eigenen Geschichte - und nicht anders herum. Die Autorin macht aus der Gestalt, die im antiken Mythos eher Machtobjekt des Mannes denn selbstständige Heldin ist, eine faszinierende Figur des eigenen Willens - vielleicht etwas eindimensional, aber dafür umso kraftvoller.

(an/dpa)

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