Hürriyet

Nebenklage: Urteile im Fall Sule Cet könnten Präzedenzfall schaffen

28.7.2019 13:40 Uhr

Laut Umur Yildirim, einem der Anwälte, die die Familie von Sule Cet als Nebenkläger vor Gericht vertreten, könnte das Gerichtsurteil über die mysteriösen Todesumstände der 23-jährigen Sule Cet einen Präzedenzfall für künftige Fälle von Femiziden in der Türkei darstellen. Die 23-Jährige war am 28. Mai 2018 unter fragwürdigen Umständen fast 70 Meter aus dem 20. Stock eines Bürogebäudes gestürzt und dabei ums Leben gekommen.

"Das Urteil im Fall von Sule wird entweder einen Präzedenzfall schaffen und abschreckend wirken oder andere Gewaltakte gegen Frauen fördern. Entweder glauben die Täter, dass ihre Straftaten bestraft werden oder sie glauben, dass sie damit durchkommen und es erneut tun können", sagte Umur Yildirim gegenüber Hürriyet. Yildirim ist einer der Anwälte, der die Familie von Sule Cet als Nebenkläger vertritt. "Wir versuchen zu verhindern, dass dies auch einer anderen Frau passiert."

DNA des Verdächtigen unter den Fingernägeln

Cet, Studentin für Textildesign an der Universität Gazi, wurde am 28. Mai 2018 tot aufgefunden, nachdem sie rund 66 Meter aus dem 20. Stock eines Wolkenkratzers in Ankaras Stadtteil Çankaya gefallen war. Der Geschäftsmann Cagatay Aksu, ihr ehemaliger Chef und Berk Akant, die beiden Hauptverdächtigen des Falls, werden wegen vorsätzlichen Mordes, Freiheitsentzuges und sexuellen Übergriffen im Zusammenhang mit ihrem Tod angeklagt. Sie haben sich vor Gericht als "nicht schuldig" dargestellt. Aksu behauptete, dass Cet Selbstmord beging, indem sie um 4 Uhr morgens aus seinem Bürofenster sprang.


Später wurde bekannt, dass Cet zwei Stunden vor ihrem Tod eine SMS an eine Freundin gesendet hatte, in der sie sagte: "Ich komme hier nicht raus, dieser Mann lässt mich nicht los, er ist besessen von mir." Forensische Beweise zeigten früh, dass Cet vor ihrem Tod zum Analsex gezwungen wurde. DNA-Spuren wurden unter neun Fingernägeln gefunden, ebenso wie blaue Flecken auf ihrem Körper, die auf einen Kampf hindeuteten. Die DNA unter zwei Fingernägeln wurde auf Akant zurückgeführt. Der jüngste forensische Bericht habe die Indizienlage dahingehend nachhaltig verstärkt, dass Cet ermordet wurde, sagte der Anwalt der Familie des Opfers.

Sexuelle Übergriffe nachgewiesen

Der Bericht zeige, dass "die gebrochenen Knochen in Sules Nacken mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Strangulierung herrühren, als dass sie beim Sturz entstanden seien", sagte der Anwalt Yildirim. "Sie könnte etwa 30 Minuten vor dem Herunterstoßen aus dem besagten Fenster getötet worden sein."

In dieser Gerichtsverhandlung gab es laut dem Anwalt alle Arten von "Grausamkeiten und Unregelmäßigkeiten". "Es gibt 10 Beweise, aber einige sind nicht entscheidend", sagte fuhr Yildirim fort. Berichte des forensischen Labors zeigen eindeutig, dass ein Mann mit Sule Geschlechtsverkehr hatte, weil Tests während ihrer Autopsie das Vorhandensein von Prostataspezifischem Antigen (PSA) aufdeckten - ein Marker für Spermien auf ihrem Körper, sagte er. Während der Autopsie wurden in der Analzone von Sule ebenfalls Speichelspuren festgestellt, sagte der Anwalt.


"In diesem Fall besteht kein Zweifel an sexuellen Übergriffen", sagte er. Die im PSA und im Speichel gefundenen DNA-Beweise könne jedoch nicht an einen bestimmten Verdächtigen gebunden werden, sagte Anwalt Yildirim. Tests bestätigten die Existenz von PSA und Speichel, konnten jedoch nicht feststellen, wem der PSA gehört. Menschliches Gewebe wurde unter neun von Sules Fingernägeln gefunden, von denen sieben nicht den Tatverdächtigen zugeordnet werden könnten. Die DANN, die unter zwei Nägeln gefunden wurde, gehört jedoch zweifelsfrei zu Akant, einem der beiden Verdächtigen. "Das ist sicher", sagte Anwalt Yildirim.

Spuren wurden nach dem Tod beseitigt

Akant und seine Anwälte behaupten, seine DNA durch das "Handschütteln" unter die Nägel des Todesopfers gelangt sei, erzählt Yildirim. "Für mich besteht auch kein Zweifel, dass Sule ermordet wurde. Aber die Frage ist, wer hat es getan?"

Aksu war Sules Chef. Er hatte sie als Assistentin eingestellt und später entlassen. Am Tag von Cets Tod luden Aksu und Akant sie zum Abendessen ein, um über ihre Arbeitssituation zu sprechen. Später gingen sie in Aksus Büro, um nach dem Abendessen etwas zu trinken, wo sich der Vorfall ereignete. Aksu behauptet, dass Sule Selbstmord begangen hat und er versucht hat, sie zu retten, während Akant in einem anderen Raum war und "schlief". Dennoch wurden keinerlei Spuren von Fingerabdrücken auf dem Fenster gefunden, von welchem Aksu behauptet, dass Sule Cet aus eben jenem gesprungen sei. Einige der Beweise seien vernichtet worden, führte Yildirim an. "Akant gab dies sogar während einer Anhörung zu", sagte der Anwalt der Familie. "Er sagte in der Anhörung vor Gericht, dass Aksu die Gläser nach dem Tod von Sule geputzt hatte."


Außerdem habe Akant ein anderes Telefon als sein eigenes übergeben, sagte Yildirim. "Warum übergibt er ein anderes Telefon, wenn er nichts zu verbergen hat?" Die wichtigste Zeugin in dem Fall ist eine Freundin von Akant, die höchstwahrscheinlich weiß, was in dieser Nacht passiert ist, weil sie ein Telefongespräch mit Akant geführt hat, nachdem er ihr eine SMS mit dem Titel "Schlimme Dinge passiert" gesendet hat, fügte Yildirim hinzu. "Sie weiß, was passiert ist, aber sie schützt sich", sagte er. Die letzte Anhörung fand am 10. Juli statt. Bis zu diesem Zeitpunkt haben viele Nichtregierungsorganisationen und Hunderte von Bürgern an den Anhörungen teilgenommen. Die nächste Anhörung ist für den 16. Oktober angesetzt.

Nebenkläger: "Erste Staatsanwältin war ein totales Fiasko"

Die Verhaftung von Cagatay Aksu und Berk Akant sei "schwierig", sagte Anwalt Yildirim und fügte hinzu, dass der erste Staatsanwalt in dem Fall den Ablauf der Ereignisse nachhaltig beeinflusst habe. "Die erste Staatsanwältin war ein totales Fiasko. Sie hatte den Fall für drei Monate. In dieser Zeit wurden die Täter zweimal festgenommen und freigelassen. Vor der zweiten Inhaftierung beantragte die Staatsanwaltschaft die Festnahme wegen Freiheitsentzug. In einem solchen Fall würde niemand wegen Freiheitsentzug verhaftet werden", sagte Yildirim.


Die erste Verhaftung wurde wegen grob fahrlässigen Totschlages beantragt, sagte Yildirim. "In diesem Fall gibt es keinen grob fahrlässigen Totschlag. Du hast sie entweder getötet oder nicht. Beide Male wurden die Tatverdächtigen aufgrund einer gerichtlichen Haftprüfung freigelassen", sagte er. "Das dritte Mal war es anders, da die ersten forensischen Ergebnisse vorlagen", fügte er hinzu. Trotzdem übermittelte die Staatsanwaltschaft den Anwälten der Familie Cet den Bericht zwei Tage lang nicht und nachdem die Staatsanwältin den Bericht weiterleitete, teilte sie ihre Beurlaubung mit, sagte Yildirim.


"Die Staatsanwältin hat sich eine Auszeit genommen, nur um nichts zu unternehmen. Dies ist ein Fall, der ganz oben auf der Tagesordnung der Türkei steht. Eine der wichtigsten Meldungen kam und die Staatsanwältin verabschiedete sich. Für mich ist dies eine böswillige Handlung", sagte er. Der Staatsanwalt wurde später gewechselt, sagte er.

(Hürriyet.de)

0 Kommentare

Bitte geben Sie den Aktivierungscode ein, der an Ihre E-Mail-Adresse gesendet wurde.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.