imago/Le Pictorium

Nadia Murad - Vom Opfer zur Aktivistin

15.11.2018 5:45 Uhr, von Ayhan Can

Professor Dr. Dr. Jan Ilhan Kızılhan, Leiter der transkulturellen psychosomatischen Rehabilitation an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang in Donaueschingen, holte 2015 als Sonderbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung, traumatisierte Frauen und ihre Kinder aus Syrien und dem Irak nach Deutschland – darunter auch Nadia Murad.

Drei Monate Gefangenschaft

Nach Angaben von Prof. Kızılhan, war die diesjährige Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad Sklavin der Terrormiliz IS. Sie wurde als Sexsklavin gehalten, von IS-Kämpfern misshandelt und vergewaltigt. Mit Hilfe einer Nachbarfamilie gelang ihr die Flucht aus der IS- Gefangenschaft. 2015 traf Prof. Kızılhan sie in einem Zelt in der nordirakischen Stadt Dohuk an und behandelte sie. Ihre Mutter und sechs Brüder überlebten den Anschlag der Terrormiliz nicht, so Kızılhan.

Prof. Dr. Kızılhan steht nach wie vor in engem Kontakt mit Nadia Murad (Mona Kızılhan)

Symbolische Gerechtigkeit

Nadia Murad kam 2015 im Rahmen eines Sonderkontingents der Landesregierung aus dem Nordirak nach Baden-Württemberg. Als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen berichtet sie seit 2016 weltweit vom Schicksal der Frauen, die dort sexueller Gewalt und Terror durch IS-Terroristen ausgesetzt sind. Zu den Opfern zählen allein mehr als 40 Personen aus ihrer Familie.

„Ich gratuliere Nadia aus tiefstem Herzen“, sagte Traumaspezialist Kızılhan, und wünschte ihr viel Erfolg und Gesundheit auf dem weiteren Weg, im Privaten und jetzt auch als Aktivistin. Das Komitee habe mit seiner Ehrung alle unterdrückten Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten gewürdigt und den vielen Frauen symbolisch Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Würdigung missbrauchter Frauen

Murad habe es geschafft, aus der Rolle eines Opfers in die Rolle einer Aktivistin gegen sexualisierte Gewalt zu wechseln. „Der Preis ist auch eine Würdigung von missbrauchten Frauen auf der ganzen Welt und der Landesregierung für die mutige Entscheidung, die Opfer zur Behandlung nach Deutschland zu holen“, betont Kızılhan. Er habe als Gutachter für die Vereinten Nationen, Nadia Murad vor drei Jahren den UN für eine Rede vorgeschlagen. Die Rede habe die Verantwortlichen sehr beeindruckt, sodass Nadia Murad zur UN-Sonderbotschafterin ernannt worden sei. Sie engagiere sich aktiv für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel.

Nadia schmiedet Heiratspläne

Der jesidischstämmige Traumatherapeut hoffe, dass Nadia Murad nach der Preisverleihung am 10. Dezember 2018 wieder mehr Zeit für sich habe und vielleicht ihre Heirat demnächst planen könne. Durch den Friedensnobelpreis müsse nach Einschätzung von Kızılhan, Murad noch mehr betreut werden, da viele Erwartungen auch zu einem Druck führen könnten.

Kızılhan: ,,Sie ist eine historische Figur geworden und wir müssen sie unterstützen, damit sie weiterhin gesund bleibt. Schließlich darf man nicht vergessen, dass sie schwer traumatisiert ist und unsere Unterstützung benötigt.“

Kızılhan und sein mehrsprachiges Team behandeln seit der Gründung der transkulturellen Fachabteilung am MEDICLIN-Standort Donaueschingen im Jahr 2016 immer wieder traumatisierte Opfer sexueller Gewalt aus Kriegsgebieten.