dpa

Nach Tönnies-Superspread: Lockdown im Kreis Gütersloh

23.6.2020 15:22 Uhr

Der Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies hat weitreichende Folgen: Kurz vor Beginn der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen schränken die Behörden das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh mit rund 370.000 Menschen massiv ein.

Erstmals in Deutschland werde ein gesamter Kreis wegen des Corona-Infektionsgeschehens wieder auf die strengen Pandemie-Schutzmaßnahmen zurückgeführt, die noch vor einigen Wochen landesweit gegolten hätten. Das sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in Düsseldorf.

Maßnahmen gelten zunächst bis 30. Juni

Im westfälischen Kreis Gütersloh handele es sich um das bisher "größte Infektionsgeschehen" in NRW und auch deutschlandweit, betonte der Regierungschef. Die Maßnahmen sollen von diesem Mittwoch an zunächst bis zum 30. Juni gelten - allen voran also auch wieder ein Kontaktverbot. Im öffentlichen Raum dürfen sich die Bewohner eine Woche lang nur noch mit Personen des eigenen Hausstands bewegen oder zu zweit.

Zudem verbieten Behörden im Landkreis nach dem neuen Sicherheitspaket Sport in geschlossenen Räumen sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen. Fitnessstudios werden Laschet zufolge im Kreisgebiet ebenso geschlossen wie Kinos und Bars.

Unkonkrete Aussagen

Der Lockdown bedeute zwar kein Ausreiseverbot, meinte Laschet mit Blick auf geplante Urlaubsreisen. Seine Aussagen blieben aber in diesem Punkt eher unscharf. Einerseits sagte der CDU-Politiker auf eine Frage, ob Bewohner des Kreises Gütersloh in Ferien fahren dürften: "Wer Urlaub plant, kann das natürlich machen." Zugleich "appellierte" er aber an die Bewohner, "jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren". Und ergänzte: "Das wird auch kontrolliert werden."

Auf der Urlaubsinsel Usedom waren am Montag 14 Reisende aus Corona-Risiko-Gebieten angehalten worden, vorzeitig abzureisen. Sie sollten sich bei ihrem heimischen Gesundheitsamt melden, sagte ein Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald der dpa. Auch ein Ehepaar aus Gütersloh sei aufgefordert worden, die Insel vorzeitig zu verlassen. Ob auch die anderen betroffenen Urlauber alle aus dem Kreis Gütersloh kommen, war zunächst unklar. Laschet warnte davor, die Menschen aus dem Kreis Gütersloh unter "Pauschalverdacht" zu stellen. Man dürfe sie "nicht stigmatisieren".

SPD: "Lockdown kommt zu spät"

Grund für den regionalen Lockdown ist der Corona-Massenausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies. Man stufe das bisher eine "klar lokalisierte Infektion" ein, unterstrich Laschet. Beim Schlachtbetrieb des Marktführers im westfälischen Rheda-Wiedenbrück hatten sich mehr 1550 Beschäftigte nachweislich mit dem Coronavirus infiziert.

Man wolle aber bis zum 30. Juni mehr Klarheit haben, inwieweit sich das Virus womöglich auch bei Nicht-Tönnies-Beschäftigten ausgebreitet habe, erläuterte der Ministerpräsident. Bisher gebe es hier nur 24 nachgewiesene Infektionen. Es sei aber besondere Vorsicht geboten. Die Behörden würden die Tests in der Bevölkerung massiv ausweiten.

Die SPD-Landtagsfraktion begrüßte das Herunterfahren des öffentlichen Lebens im Landkreis. "Der Lockdown ist die einzig richtige Entscheidung zum Schutz der Gesundheit der Menschen. Aber sie kommt mal wieder zu spät", sagte Fraktionschef Thomas Kutschaty der "Rheinischen Post". Laschet habe noch am Sonntag von einem Lockdown nichts wissen wollen und müsse sich jetzt mit seinem "Schlingerkurs" selbst korrigieren.

Polizei überwacht Quarantäne

Schwierig und zugleich von zentraler Bedeutung ist die Einhaltung der Quarantäne: Rund 7000 Tönnies-Mitarbeiter wurden mitsamt ihren Familien seit einigen Tagen in häusliche Isolation geschickt. Die Landesregierung habe drei Einsatzhundertschaften der Polizei in den Kreis Gütersloh geschickt, schilderte Laschet. Die Polizisten sollten die Quarantäne der Tönnies-Mitarbeiter kontrollieren. Die Polizei werde mobilen Testteams begleiten. Zur Not müssten die Behörden Anordnungen auch mit Zwang durchsetzen. Es werde auch weitere humanitäre Maßnahmen zur Unterstützung der Betroffenen geben.

Schulen und Kitas im Landkreis Gütersloh mit rund 370.000 Einwohnern waren bereits am 17. Juni geschlossen worden. Für die größte deutsche Fleischfabrik war zudem ein vorübergehender Produktionsstopp verhängt worden. Auch für den Kreis Warendorf kündigte Laschet Maßnahmen an. Diese sollten aber "nicht flächendeckend" sein, sondern für Orte gelten, die an den Kreis Gütersloh grenzen.

Dem massiv unter Druck geratenen Branchenriesen Tönnies warf Laschet mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Daher hätten die Behörden die Herausgabe von Daten der Werkarbeiter durchsetzen müssen. "Da wurde nicht mehr kooperiert, da wurde verfügt."

(bl/dpa)

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