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Markus Kerber über Türkeistämmige: "​Deutschland ist Ihre Heimat"

25.2.2019 11:25 Uhr, von Ahmet Külahci

Dr. Markus Kerber – Ex-Banker, Brückenbauer, promovierter Politologe, Architekt der ersten Deutschen Islam Konferenz (DIK) und eigentlich von Hauptberuf Schwabe. So liest sich ein Teil der Vita des Staatssekretärs im Bundesministerium des Inneren, der für Bau und Heimat zuständig ist und dessen Berufung von Horst Seehofer ins Amt selbst eingefleischte Experten positiv überraschte.

Am Dienstag, 26. Februar, wird Kerber nach Ankara in die Türkei aufbrechen. Bei dem Besuch geht es darum, zu eruieren, inwiefern es mit der Türkei und der Religionsbehörde Diyanet - Diyanet Isleri Baskanligi, dem Präsidium für Religionsangelegenheiten – umsetzbar ist, Imame für, aus und in Deutschland vollständig auszubilden. Am Ende des Tages wäre es für alle Seiten eine Win-Win-Situation. Deutschland kennt die Imame, die Imame kennen Deutschland und für die Türkei würde ein großer Teil der Kosten sowie der administrativen Arbeiten entfallen. Vor seiner Reise in die Türkei sprach Dr. Markus Kerber exklusiv mit Hürriyet.de und das Interview führte unser Korrespondent Ahmet Külahci.

Herr Staatssekretär, Sie waren der Architekt der ersten Deutschen Islam Konferenz (DIK). Ihr Ziel war eine bessere religions- und gesellschaftspolitische Integration der muslimischen Bevölkerung in Deutschland. Was haben Sie bis jetzt erreicht?

Ich glaube, wir sind ein großes Stück weitergekommen. Allein wie die Eröffnungsveranstaltung der DIK in dieser Legislaturperiode im November 2018 zusammengesetzt war, zeigt das: im Vergleich zu 2006 viel heterogener, viel mehr Frauen, alle Altersgruppen. Ein großer Teil stammte nach wie vor aus der Türkei, viele aber auch aus arabischen Ländern. Das zeigt, dass sich der Integrationsprozess der Muslime in Deutschland verändert und weiterentwickelt hat.

Ihr Ziel war auch, das Verhältnis zwischen dem deutschen Staat und den in Deutschland lebenden Muslimen auf tragfähigere formelle Grundlagen zu stellen. Wie weit haben Sie das realisiert?

Wir haben durch die Islamkonferenz bereits einige wichtige Vereinbarungen mit den in Deutschland lebenden und organisierten Muslimen getroffen. Zum Beispiel beim Aufbau universitärer Zentren für islamische Theologie an deutschen Hochschulen, aber auch im Bereich des islamischen Religionsunterrichts, bei islamischer Seelsorge und Wohlfahrtspflege. Soweit Sie auf das deutsche Religionsverfassungsrecht, also mögliche Staatsverträge mit muslimischen religiösen Gemeinschaften anspielen: Auch hier gibt es Fortschritte, sprich mehr islamische Gemeinden und ihre Zusammenschlüsse, die die Anerkennung durch den deutschen Staat, also in den Bundesländern, suchen. Aber da ist noch Luft nach oben. Positiv ist, dass das Verständnis der Moscheegemeinden über das, was sie erreichen können und was sie dafür tun müssen, heute besser ist als vor zwölf Jahren. Der Weg zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft ist langwierig und nicht einfach, aber wenn sich Dachverbände auf diesen Weg machen, dann befürworte ich das ausdrücklich. Ein gutes Kooperationsverhältnis beruht meist auf einer guten vertraglichen Grundlage.

2006 war ich bei der Eröffnung der ersten DIK. Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sagte wörtlich: Der Islam ist Teil Deutschlands, er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft. Wie weit gilt diese Aussage heute noch?

Es leben Millionen von Menschen aus muslimischen Ländern in der Europäischen Union, ein großer Teil davon in Deutschland, von denen auch viele die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Diese Menschen gehören mit all ihren Facetten zu Deutschland. Die Religion ist nur eine davon. Die Kultur ist die andere. Natürlich gehört sie auch zu Deutschland. Als es im letzten Sommer die Kontroverse um Özil und Gündogan gab, haben Wolfgang Schäuble, Innenminister Seehofer und auch andere Politiker ihnen den Rücken gestärkt. Selbstverständlich sind sie deutsche Spieler. Und ich habe noch eins draufgesetzt und gesagt, dass nicht Özil und Gündogan die WM verloren haben, sondern die ganze Mannschaft.

Wie haben Sie die ganzen Kritiken und sogar Beschimpfungen empfunden, weil Özil und Gündogan sich in London mit dem türkischen Staatspräsidenten getroffen haben? Warum eine solche Reaktion?

Sie sind Spieler der deutschen Nationalmannschaft, man mag sie. Ich glaube, dass die deutschen Fußballfans die beiden schlicht nicht mit anderen teilen wollten. Die Reaktion vieler war aber komplett überzogen und unnötig.

Quelle: imago/photothek

Wenn der Islam Teil Deutschlands ist, dann muss ich das so interpretieren, dass der Islam auch zu Deutschland gehört. Oder?

Wolfgang Schäuble sagte damals in seiner Rede, dass der Islam als die Summe der in Deutschland lebenden Bürger muslimischen Glaubens ein Teil von Deutschland ist. Der Islam gehört über die Muslime, die bei uns leben, zu Deutschland. Wir brauchen einen Islam, der in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, einen Islam in, aus und für Deutschland, einen Islam der deutschen Muslime. Das hat Innenminister Seehofer sehr deutlich gemacht. Und das ist auch von den Teilnehmern der Auftaktveranstaltung der DIK mit Beifall aufgenommen worden.

Bundesminister Horst Seehofer sagt, dass ein in Deutschland verwurzelter Islam auch hier ausgebildete Imame haben muss. Wie weit ist man damit in Deutschland?

Die Muslime in Deutschland brauchen Imame, die hierzulande ausgebildet sind. Wir haben mittlerweile fünf theologische Fakultäten und dort werden islamische Theologen ausgebildet. Aber das sind noch keine Imame. Dafür braucht man eine praktische theologische Ausbildung, so wie ein katholischer oder evangelischer Pfarrer auch. Die Imame der Ditib erhalten diese Ausbildung in der Türkei. Das verursacht hohe Kosten für die türkische Republik. Hier müssen wir – die deutsche Regierung gemeinsam mit der türkischen Regierung und der Ditib – überlegen, ob und wie man das in Zukunft stärker in Deutschland machen kann. Damit wird Ankara entlastet, finanziell und administrativ. Hierüber wollen wir jetzt mit unseren türkischen Kollegen sprechen.

Ditib war ja für Sie immer ein seriöser Gesprächspartner. Aber in der letzten Zeit haben Sie Probleme mit Ditib. Was ist denn passiert?

Es gab Vorfälle hier in Deutschland, die uns daran haben zweifeln lassen, dass Ditib sich nur um religiöse Angelegenheiten kümmert. Es gab Vorwürfe, dass religiöses Personal von Ditib ausspioniert wurde. So etwas können wir bei keinem religiösen Verein dulden. Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Auf Länderebene, auch auf kommunaler Ebene, besteht weiterhin meist eine sehr gute Zusammenarbeit. Wichtig ist, dass die bei Ditib organisierten Muslime nun klären, wie es mit Ditib in Deutschland weitergehen soll.

Ditib hat in der Bundesrepublik Deutschland über 950 Moscheen. Da die Imame aus der Türkei kommen, werden sie auch von der türkischen Regierung bezahlt. Wenn Sie jetzt „deutsche Imame“ wollen, wie sollen die finanziert werden? Wie weit sind Sie mit Moscheesteuerplänen?

Eine Moscheesteuer ist, ebenso wie die Kirchensteuer, eigentlich ein Beitrag, den das Finanzamt für eine anerkannte Religionsgemeinschaft einzieht. Voraussetzung dafür ist, dass eine islamische Religionsgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist. Anerkannt wird sie aber nur, wenn sie sich unter anderem dauerhaft eigenständig finanzieren kann. Das ist oft nicht der Fall. Von daher ist eine Moscheesteuer eigentlich wenig geeignet, damit die Gemeinden ihre Imame selbst bezahlen. Wir wollen im Rahmen der DIK mit den Verbänden und Gemeinden auch darüber sprechen, welche Alternativen es geben könnte.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den islamischen Verbänden?

Je näher man einer Moscheegemeinde ist, desto besser ist auch die Zusammenarbeit. Aber auch mit dem Großteil der Dachverbände arbeiten wir gut zusammen.

In den letzten Jahren haben Angriffe und Anschläge auf Muslime und islamische Vereine zugenommen. Wie kommt so etwas in einem toleranten Land wie in der Bundesrepublik?

Angriffe auf Menschen verurteile ich und verurteilen wir im Innenministerium aufs Schärfste – egal welchen Glauben sie haben. Ich denke, wir haben es mit demselben Phänomen wie viele andere westliche Staaten zu tun. Viele Menschen sind vom Tempo und Ausmaß der Globalisierung überfordert. Das äußert sich in Abgrenzung und Ausgrenzung, quasi als identitätsstiftende Maßnahme. Gleichzeitig leben wir alltäglich ganz selbstverständlich mit Menschen ausländischer Herkunft zusammen. Es fällt uns gar nicht mehr auf, wenn der Augenarzt Öztürk oder der Architekt Ceylan heißt. Cem Özdemir wäre 2017 fast deutscher Außenminister und Vizekanzler geworden! Mit der neuen Islamkonferenz wollen wir diese Normalität im Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland weiter stärken und Ausgrenzung entgegenwirken.

Haben Sie einen Appell an die türkischstämmige Wohnbevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland?

Bringen Sie sich weiter so engagiert in die deutsche Gesellschaft ein wie bisher. Reden Sie mit, diskutieren Sie mit uns. Deutschland ist Ihre Heimat.