Foto: GerberLoesch

Marian Schreier: "Ohne türkische Migranten stünde Stuttgart heute nicht so erfolgreich da"

25.11.2020 15:30 Uhr, von Chris Ehrhardt

Am 29. November soll und will Stuttgart einen neuen Oberbürgermeister für die Landeshauptstadt wählen. Marian Schreier ist einer der Kandidaten und liegt als gerade einmal 30-jähriger Kandidat gut im Rennen. Bemerkenswert daran ist, dass Marian Schreier als unabhängiger Kandidat keine Partei-Unterstützung im Rücken hat. Noch besser würde es für Schreier wahrscheinlich aussehen, hätte sich Hannes Rockenbauch vom Fraktionsbündnis SÖS/Linke wie Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle nicht zur Wahl gestellt. Kann sich Marian Schreier mit der Türkei-stämmigen Community in Stuttgart auf den Posten des OB katapultieren? Hürriyet.de hat mit Marian Schreier über die Wahl gesprochen.

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Marian Schreier wendet sich an die Türkei-stämmigen Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart

Herr Schreier, mit gerade 25 Jahren wurden Sie zum jüngsten Bürgermeister Deutschlands gewählt, jetzt wollen Sie mit 30 Jahren in Stuttgart der jüngste Oberbürgermeister einer deutschen Landehauptstadt werden. Sind Sie dafür nicht etwas jung?

Stuttgart ist meine Heimatstadt, hier bin ich geboren und aufgewachsen und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Oberbürgermeister dieser wunderbaren Stadt zu werden. Ja, ich bin natürlich noch sehr jung, aber warum spielt das eigentlich so eine große Rolle? Ich finde, Kompetenz ist keine Frage des Alters. Man kann mit 30 Jahren oder mit 60 Jahren ein guter Oberbürgermeister sein. Wichtig ist, dass man gute Ideen mitbringt und den Mut hat, sie umzusetzen. Und viele der wichtigen Themen in den nächsten Jahren, ob Transformation der Wirtschaft oder Digitalisierung, betreffen vor allem meine und zukünftige Generationen.

Sie sind SPD-Mitglied, werden aber nicht von den Sozialdemokraten oder auch einer anderen Partei unterstützt. Wie ist es möglich, dass Sie als unabhängiger Kandidat ohne die Organisation und die Finanzierung einer Partei trotzdem gute Chancen auf den Sieg haben?

Ich glaube, da hat sich in Deutschland einiges verändert in den letzten Jahren. Viele Menschen sind nicht mehr so festgelegt auf die Parteien. Ich habe über Crowdfunding über 100.000 Euro für den Wahlkampf gesammelt und es gibt unzählige Helfer, die beim Organisieren mitmachen. Und so ist im Laufe der Zeit eine Bewegung entstanden, die diesen Wahlkampf genauso gut organisieren und finanzieren kann, wie das sonst eine Partei machen würde. Ich glaube, wir werden solche Wahlkämpfe in den nächsten Jahren noch häufiger sehen, weil viele Junge Menschen, die sich politisch engagieren wollen, keine Lust mehr haben auf die alten Parteistrukturen.

In Stuttgart leben sehr viele Menschen mit türkischen Wurzeln, verraten Sie uns, was sich diese von einem Oberbürgermeister Marian Schreier erwarten können?

Zunächst mal ist mir wichtig anzuerkennen, dass der Erfolg der Stadt Stuttgart auch ganz wesentlich von Menschen mit türkischen Wurzeln geprägt wurde und wird. Ohne sie stünde Stuttgart heute nicht so erfolgreich da - weder sozial noch wirtschaftlich. Dieser Punkt kommt mit in Diskussionen über Stuttgart als Stadt mit einem sehr hohen Migrationsanteil häufig zu kurz. Und dann müssen wir in den nächsten acht Jahren vor allem viele Benachteiligungen angehen, die heute noch bestehen. Beispielsweise bei der Wohnungssuche oder Jobsuche, wo es leider noch immer einen beschämenden Zusammenhang zwischen türkisch-klingenden Namen und Bewerbungserfolg gibt. In der Stadtverwaltung beispielsweise möchte ich die Bewerbungsverfahren weiter anonymisieren und wir müssen auch schauen, dass wir mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den Führungspositionen haben. Zuletzt habe ich bereits im Wahlkampf einen intensiven Austausch mit der türkischen Community gepflegt und werde das auch nach der Wahl so fortführen.

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