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Maastricht-Kriterien realisierbar – trotz hoher Unternehmensverschuldungen

26.11.2018 10:55 Uhr

Auch wenn die Maastricht-Kriterien laut Georg Karabaczek, österreichischer Wirtschaftsdelegierter, von der Türkei umsetzbar seien, so sieht er doch einige Problembereiche. Dazu gehört die Inflation, die er als 'Urkrankheit der Wirtschaft in der Türkei' verortet.

In einem Interview mit der APA (Austria Presse Agentur) ließ sich der Handelsdelegierte Karabaczek zur wirtschaftlichen Situation in der Türkei ein. Er nahm es aufgrund der 'Nackenschläge' mit Erstaunen zur Kenntnis, dass das türkische Wirtschaftswachstum immer noch bei um die drei Prozent liegen würde. Gerade angesichts der schwierigen Situation – Anschläge, 3,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, Wahlen, Referendum, Spannungen mit der EU, Russland sowie den USA und nicht zuletzt das Wiederaufflammen des Kurdenkonflikts – sei das Wirtschaftswachstum erstaunlich.

Drei Prozent Wirtschaftswachstum erstaunlich, aber zu wenig für die Türkei

Für 2019 prognostizierte Georg Karabaczek allerdings ein schwieriges Jahr. Nur mit Glück würde am Ende des Jahres die Null beim Wachstum stehen. Trotzdem sei der Staatshaushalt der Türkei durch die Bank 'in Ordnung'. So sehr, dass man in dieser Hinsicht die Maastricht-Kriterien locker erfüllen könne. Die Staatsverschuldung sei mit rund 30 Prozent 'überschaubar' und auch das Budgetdefizit von knapp zwei Prozent sei kein Anlass zu großer Sorge. Das Hauptproblem läge in der Inflation – ein Urproblem der Türkei und der türkischen Wirtschaft, wie es Karabaczek nannte.

Hinzu käme die hohe Unternehmensverschuldung. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten – Schulden, die binnen Jahresfrist zu begleichen sind – läge bei knapp 160 Milliarden Euro. Er fürchtet, dass einige Unternehmen die Verbindlichkeit nicht werden bedienen können und die Segel streichen müssen.

Demographische Entwicklung der Türkei wichtiger Faktor

Dass Bevölkerungswachstum der ist ein entscheidender Faktor laut Karabaczek. Das Wachstum, auch wenn es nicht den Regierungsvorstellungen von drei bis vier Kindern entspräche, würde ein Wirtschaftswachstum von zwischen vier und Prozent verlangen. Da seien die derzeit angepeilten drei Prozent schlicht zu wenig. Das aktuell Bevölkerungswachstum verortet Karabaczek auch in den rund 3,5 Millionen Kriegsflüchtlingen aus Syrien, die nicht ausschließlich in den Auffanglagern leben würden. Der Syrienkrieg habe auch viele gut ausgebildete und wohlhabende Syrier in die Türkei gebracht, die eine Bereicherung für den Arbeitsmarkt seien.

Dem Tourismus hingegen, der stets als primärer Wirtschaftsmotor der Türkei angesehen wird, misst Karabaczek nicht die übergroße Bedeutung zu. Auch wenn es in diesem Segment Rückschritte gab, so ist Karabaczek der Meinung, dass eine 'ruhige Phase ohne Attentate' die Touristen wieder auf dem alten Stand in die Türkei bringen würde.

(ce/APA)