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Kultusministerien: Schüler mit Decken, Schals und Handschuhen im Unterricht

12.10.2020 13:12 Uhr

Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus in Deutschland steigen rapide an. Viele Experten sind sich einig, dass eine "zweite Welle" unvermeidbar" sein wird. Doch die Bundespolitik weigert sich hartnäckig, erneut an die "heilige Kuh" des Schulunterrichts zu gehen und erwägt offensichtlich einen Drahtseilakt. So sollen, wie die Bild berichtet, bereits Kultusministerien empfohlen haben, dass Kinder wegen des Stoßlüftens mit Mütze, Schal, Handschuhen, dicker Kleidung, Mund-Nase-Schutzmaske und Decken im Unterricht sitzen sollen.

Wie geht man in der Schule mit dem Infektionsrisiko rund um Covid-19 um? Experten empfehlen in Schulen, das Stoßlüften umzusetzen. Dabei werden in einem gewissen Turnus die Fenster geöffnet. Was bei zweistelligen Temperaturen eher angenehm ist, wird bei einstelligen Temperaturen oder gar bei Frost, Schnee und Regen eher zur Tortur. Doch wie damit umgehen. Aus den Kultusministerien kommen dazu Vorschläge, bei denen man sich eher verdutzt die Augen reibt.

So wird beispielsweise Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende beim Philologenverband, von der Bild mit den Worten zitiert, dass dicke Kleidung nebst Decken im Klassenraum zur Grundausstattung gehören würden. Auch in Bochum gab es demnach berufsbildende Schulen, die den Schülerinnen und Schülern warme Kleidung mit Mützen, Schals, Handschuhen und dicke Decken anempfohlen haben. An einem Düsseldorfer Gymnasium wurde den Kindern ausdrücklich gestattet, wegen der daueroffenen Fenster in Winterjacke und mit Handschuhen bekleidet im Unterricht zu sitzen.

Gabriela Rossbach, SPD: "Hier unterscheiden sich sicherlich Theorie und Praxis."

In einem Schreiben, was der Bild vorliegt, sprach Grant Hendrik Tonne, SPD-Kultusminister von Niedersachsen, davon, dass man sich warm anziehen sollen, denn es könnte auch mal etwas kühler werden. Mediziner laufen dagegen jetzt bereits Sturm und sehen, dass das Risiko der Erkältungen und damit von Fehlzeiten überproportional ansteigen werden, wenn die Kinder im Klassenraum "unterkühlen". Sehr deutliche Schelte gibt es für diese angedachten Regeln seitens der Schüler Union. Hier sagt laut Bild Finn Wandhoff, Vorsitzender der CDU-Nachwuchsorganisation, dass durch diese Maßnahmen offenkundig werde, wie sehr die Bildungspolitik im Bereich der Digitalisierung versagt habe.

Hürriyet.de sprach zu dem Thema mit Gabriela Rossbach, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD in Kronberg (Hessen), deren Schwerpunkt im Ausschuss für Kultur und Soziales liegt. "Hier unterscheiden sich sicherlich Theorie und Praxis. In der Praxis wird es, wie beim Masketragen auf dem Weg zu den Toiletten ebenso, schwer sein, den Jugendlichen die warme Kleidung im Klassenraum zu vermitteln. Der Präsenzunterricht ist wichtig für die Kinder, Strukturen sind wichtig – das steht außer Frage. Aber ob der Ansatz mit dicker Kleidung umsetzbar sein wird, darf bezweifelt werden. Hier werden Konfliktfelder zwischen Eltern und Kindern geschaffen, wenn die Eltern auf 'Zweckkleidung' statt angesagter Klamotten bestehen", so Frau Rossbach. "Ein Genosse aus der SPD, Kalle Debus aus Kelkheim, hat da einen anderen Ansatz. Luftreinigungssysteme könnten das Stoßlüften in Klassenräumen obsolet machen. Nur sind diese Lösungen nicht ganz billig", wies Frau Rossbach auch auf den Einsatz technischer Möglichkeiten hin, die möglicherweise "Arktik-taugliche Kleidung" in Klassenräumen verhindern könnten.

(ce)

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