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Kritik am Irak, nicht genügend für die Heimkehr der Jesiden zu tun

4.8.2019 0:12 Uhr

Unter anderem die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad kritisierte den Irak dafür, nicht genug für eine sichere Heimkehr der Jesiden zu tun. Auch die UNO übt harsche Kritik am fünften Jahrestag des Völkermords an den Jesiden.

Die jesidische Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad sagte am Samstag bei einer Gedenkveranstaltung in Stuttgart, es gebe im angestammten Gebiet der Jesiden keine Behörde, die sich für sie und ihre Versorgung zuständig fühle. Die UNO prangerte ein Versagen bei der Stabilisierung der Region an.Murad forderte die irakischen Behörden in ihrer Rede auf, die Heimkehr aller Jesiden zu ermöglichen. Bislang seien mehr als 90.000 Angehörige ihrer Minderheit in das nordirakische Sindschar-Gebirge zurückgekehrt, sagte sie in Stuttgart. Es müssten aber "noch mehr zurückkehren, um den Plan des IS zum Scheitern zu bringen, der vorsah, sie aus dem Sindschar zu vertreiben".

"Teufelsanbeter"

Die kurdischsprachige monotheistische Minderheit der Jesiden wurde wegen ihres Glaubens immer wieder verfolgt, die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) verdammt die Minderheit als "Teufelsanbeter". Als die IS-Miliz im August 2014 das Sindschar-Gebirge im Nordirak eroberte, wo die Religionsgemeinschaft seit Jahrhunderten lebte, tötete sie die Männer, rekrutierte die Jungen als Kindersoldaten und zwang die Frauen und Mädchen in die Sklaverei.

"Nichts für uns getan"

Murad sagte in ihrer auf kurdisch gehaltenen Rede, dass die irakischen und kurdischen Behörden im Sindschar-Gebirge die Entfernung von Minen sowie die Exhumierung der Genozid-Opfer aus Massengräbern veranlasst hätten. Ansonsten hätten sie aber "nichts für uns getan" und derzeit gebe es in der Sindschar-Region auch keine zuständige örtliche Behörde. Die zurückgekehrten Menschen brauchten aber eine Grundversorgung etwa mit Krankenhäusern und Schulen. Außerdem müssten die Behörden die Überlebenden des Völkermords entschädigen. Auch in der nordirakischen Jesiden-Hochburg Lalisch wurde des Völkermords vor fünf Jahren gedacht. In einer Prozession, an der auch jesidische Würdenträger teilnahmen, wiesen Frauen mit bedruckten T-Shirts auf den Genozid hin. Lalisch liegt in der autonomen irakischen Kurdenregion rund 300 Kilometer vom Sindschar-Gebirge entfernt. Dort kommt der Wiederaufbau nach den Zerstörungen durch den IS kaum voran.

Stabilisierung gescheitert?

Die UN-Sondergesandte für den Irak, Jeanine Hennis-Plasschaert, kritsierte in einer Erklärung "das gegenwärtige Scheitern der Stabilisierung" im Sindschar-Gebirge. Die Stabilität der Region sei aber "lebenswichtig, damit diese zerrissene Gemeinschaft nach Hause zurückkehren und ihr Leben wieder aufbauen kann". Die irakischen und kurdischen Behörden müssten daher "dringend Lösungen finden", forderte die UN-Vertreterin. Von den 550.000 Jesiden, die vor dem Eroberungsfeldzug der IS-Miliz im Irak lebten, sind 100.000 ins Exil gegangen. 360.000 Angehörige der Minderheit leben immer noch in Flüchtlingslagern, zumeist in der autonomen Kurdenregion im Nordirak.

200.000 Jesiden in Deutschland

In Deutschland leben als Folge von Flucht und Vertreibung Schätzungen zufolge inzwischen mehr als 200.000 Jesiden, die größte Gemeinschaft außerhalb des Herkunftsgebiets. Auch Murad lebt hier. Sie war von IS-Milizionären verschleppt und versklavt worden und konnte erst nach einigen Monaten fliehen. Für ihren Einsatz für die Rechte der Jesiden wurde sie vergangenes Jahr zusammen mit dem kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

(be/afp)

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