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Kreuzfahrten in Zeiten des Coronavirus

14.3.2020 23:05 Uhr

Kaum ein Zweig der Reisebranche hatte zuletzt so geboomt wie die Markt der Kreuzfahrten. Kreuzfahrten waren hip, sie waren in und angesagt. Das änderte sich schlagartig, als die Meldungen eingingen, dass ganze Kreuzfahrtschiffe wegen des Coronavirus festgesetzt wurden, die kompletten Gäste unter Quarantäne standen. Wie bewerten die Veranstalter und potenziellen Gäste von Kreuzfahrten die Situation nun? Ist der Boom Geschichte?

Kreuzfahrtpassagiere werden nach ihrer Ankunft im Hafen von Anwohnern mit Steinen beworfen - aus Angst vor dem neuen Coronavirus. So geschehen auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean bei einem Anlauf der "Sun Princess" Anfang März, wie verschiedene Medien berichteten. Das Beispiel zeigt: Das Virus Sars-CoV-2 hat die beliebte Reiseform Kreuzfahrt in eine tiefe Krise gestürzt.

Die Reederei Aida Cruises mit 14 Schiffen in der Flotte hat wegen des Coronavirus alle Kreuzfahrten zunächst bis Anfang April eingestellt. Auch die Reederei Costa kündigte an, bis zum 3. April ihre Fahrten weltweit einzustellen. Zuvor hatte schon die Reederei Princess Cruises ihre 18 Schiffe zählende Flotte für 60 Tage aus dem Verkehr gezogen. Auch Ocean Viking Cruises sagte vorerst alle Seereisen ab. Die Reederei Hurtigruten zum Beispiel bietet dagegen nun für eine Weile kostenlose Umbuchungen an: Urlauber können ihre Reise verschieben auf einen Zeitpunkt später im Jahr und teils bis ins Jahr 2021 hinein. Tui Cruises und MSC haben zudem weitere Reisen abgesagt.

Kreuzfahrten sind zunehmend unmöglich

Ein normaler Schiffsbetrieb ist für die Anbieter derzeit zunehmend unmöglich: Durch den Notstand und die Einschränkung der Reisefreiheit in Italien fällt das Land mit seinen zahlreichen Kreuzfahrthäfen als Ziel aus. Die spanische Regierung hat Medienberichten zufolge für zwei Wochen alle Häfen für Kreuzfahrtschiffe geschlossen. In Norwegen müssen laut Auswärtigem Amt alle "aus nicht-nordischen Ländern" Einreisenden damit rechnen, zurückgewiesen oder zu einer 14-tägigen Quarantäne verpflichtet zu werden. Zuvor hatten Länder wie Malaysia, Indien und die Seychellen einen Bann für Kreuzfahrtschiffe erklärt.

Urlauber, die gerne auf Kreuzfahrt gehen, fragen sich nun: Kann ich noch ohne Risiko eine Seereise buchen? "Im Moment erleben wir eine Abstimmung der Kundschaft mit den Füßen", sagt Detlef Schäferjohann, Geschäftsführer des Buchungsportals E-hoi: Viele Kunden stornierten.

Wie hoch ist das Risiko?

Auf den großen Kreuzfahrtschiffen kommen mehrere Tausende Menschen auf engem Raum zusammen. Der Schiffsmediziner Christian Ottomann verweist hier auf die Absagen von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern in Deutschland - eine Kreuzfahrt ist letztlich nichts anderes. "Die großen Schiffe haben noch mehr Menschen an Bord", betont der Leiter der Schiffsarztbörse.

Abstand halten kann zwar Schutz vor einer Infektion bieten, am besten sind es zwei Meter. "Das schafft man auf einem Kreuzfahrtschiff aber nicht", sagt Ottomann. "Das fängt ja schon beim Einschiffen an."

Corona-Infizierte sind lange symptomfrei

Der Schiffsarzt sieht auch in Hygienemaßnahmen keinen endgültigen Schutz: "Bei Corona habe ich lange keine Symptome, das ist das Heimtückische und der Unterschied zum Norovirus." Die Inkubationszeit beträgt Experten zufolge bis zu 14 Tage. Deshalb seien Maßnahmen wie das Temperaturmessen bei der Einschiffung "reine Augenwischerei": "Da kann ich schon längst infiziert sein." Einmal an Bord gebracht, kann sich das Coronavirus schnell und praktisch ungehindert ausbreiten.

Der Mediziner verweist darauf, dass die Schiffskliniken durchaus ausgezeichnet ausgestattet seien - bis hin zur Intensivstation. Dennoch rät er: "Menschen über 60 und mit Vorerkrankungen ist derzeit auf jeden Fall von einer Kreuzfahrt abzuraten."

Preisminderung bei Routenänderung

Rechtlich gelten Änderungen einer versprochenen Kreuzfahrtroute als Reisemangel. "Das berichtigt zu einer Preisminderung", erklärt Prof. Ernst Führich, Experte für Reiserecht. Und wenn schon vor einer Tour klar ist, dass ein Großteil der Häfen nicht angefahren werden kann, lasse sich der Reisevertrag kostenlos stornieren. Viele Reedereien zeigen sich derweil bei Neubuchungen großzügig: "Die Reedereien bieten jetzt besondere kulante Umbuchungs- und Stornierungsregeln", sagt Detlef Schäferjohann vom Portal E-hoi. "Man wird jetzt nicht jeden, der jetzt bucht, auch am Ende zur Kreuzfahrt verpflichten." Das Motto sei "Buchen ohne Risiko".

"Die Reedereien versuchen, nicht Hals über Kopf alles abzusagen, und freuen sich über jeden, der jetzt noch langfristig im Voraus zu den aktuell niedrigen Preisen bucht", sagt der Branchenexperte. "Die Preise wurden kurzfristig erheblich reduziert, teils sogar halbiert." Ob das reicht, um Urlauber derzeit für eine Kreuzfahrt zu gewinnen, ist aber mindestens fraglich.

(ce/dpa)

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