imago images / Bernd König

Klinsis große Abrechnung mit Hertha BSC

26.2.2020 15:40 Uhr

Jürgen Klinsmanns Protokoll über Hertha BSC liest sich wie eine riesige Abrechnung - jeder kriegt sein Fett weg. Für Präsident Gegenbauer alles nur "schäbige Anschuldigungen".

Es ist eine schonungslose Generalabrechnung mit dem Führungsstab um Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz, aber auch mit vielen Stars von Hertha BSC. Das an die Öffentlichkeit gelangtes Protokoll von Ex-Chefcoach Jürgen Klinsmann hat 15 Tage nach dessen überraschendem Rücktritt bei der Alten Dame ein Erdbeben beim Fußball-Bundesligisten ausgelöst. In einer Mail an die Hertha-Mitglieder schrieb Gegenbauer von "schäbigen Anschuldigungen".

Klinsmanns Protokoll hat es in sich. "Die Geschäftsleitung muss sofort komplett ausgetauscht werden", forderte Klinsmann in seinen Ausführungen, die Sport Bild veröffentlicht hatte. Im Klub habe es "jahrelange katastrophale Versäumnisse von Michael Preetz in allen Bereichen, die mit Leistungssport zusammenhängen", gegeben, kritisierte der Ex-Coach. Im Verein herrsche eine "Lügenkultur" ohne "Anspruchsdenken".

"In dieser Konstellation niemals Richtung Europa"

Sollte die Geschäftsleitung beim kriselnden Tabellen-14. nicht ausgetauscht werden, "werden auch die tollsten Neuzugänge nach einer gewissen Zeit Durchschnittsspieler", mahnte der frühere Bundestrainer. Da die Leitung um Preetz und Finanzchef Ingo Schiller "unterer Durchschnitt" sei, werde Hertha "in dieser Konstellation niemals Richtung Europa" aufbrechen.

Das Management von Ex-Bundestrainer Klinsmann bestätigte dem SID die Echtheit des Protokolls, rätselt allerdings darüber, wie es an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Klinsmann habe keine Absicht, eine Abrechnung mit Hertha zu betreiben.

Hertha-Präsident Gegenbauer schrieb in einer Mail an die Mitglieder über das Protokoll, das "nahezu sämtliche darin enthaltenen Vorwürfe und Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen". Das Vorgehen von Klinsmann und seiner Berater sei für den Klub "nicht nachvollziehbar".

"Zu viele ältere und satte Spieler"

Klinsmann schoss auch gegen die Spieler. Es gebe "zu viele ältere und satte Spieler, die keinerlei Power haben, um im Abstiegskampf zu bestehen". Der Ex-Coach hatte auch eine Liste mit zum Teil vernichtenden Beurteilungen zu allen Spielern erstellt. Vedad Ibisevic (35) sei ein "super Typ, leider zu alt", Dodi Lukebakio (22) gehöre in die "Rubrik Fehleinkauf von Preetz", Marko Grujic (23) erziele keinen Mehrwert, "da er sich weder für Hertha noch Liverpool zugehörig fühlt".

Klinsmann griff in einem Rundumschlag auch andere Bereiche an. Die medizinische Abteilung sei "ohne jegliche Dynamik, zerstritten, inkompetent, den Anforderungen des modernen Profifußballs nicht gewachsen". Es gebe eine Medienabteilung, "die nur reagiert, keine Ideen hat und den Trainerstab niemals verteidigt. Es werden keine Lösungen gesucht, keine Innovationen."

Klinsmann verriet auch, dass er Ende November zunächst das Traineramt nicht übernehmen wollte, sondern Ralf Rangnick als Lösung vorgeschlagen habe. Der ehemalige Hoffenheimer, Schalker und Leipziger Coach habe aber seinen Verzicht erklärt - weil er unter dem Vorgesetzten Preetz niemals arbeiten wolle.

Preetz mit Umkleidespind in der Kabine

Mehrfach kritisierte Klinsmann den großen Einfluss von Preetz auf die Mannschaft. Geschäftsleitung und Medienteam würden "bei allen Gelegenheiten" neben den Spielern sitzen, auch bei Auswärtsfahrten. "Rund-um-die-Uhr-Nähe zur Mannschaft", nannte Klinsmann das Phänomen. Preetz habe einen Umkleidespind in der Kabine, für den Trainer gebe es nicht einmal ein eigenes Büro.

Schon Ende November habe man sich auch deshalb mit Geschäftsführung und Präsident Gegenbauer auf mehr Kompetenzen für den Trainer geeinigt, doch im Laufe der Zeit sei die Klubführung von dem Vorhaben immer mehr abgewichen, obwohl auch Investor Lars Windhorst darauf gedrängt habe. Windhorst hat 224 Millionen Euro in den Verein gepumpt und Klinsmann Anfang November als Mitglied des Aufsichtsrates in den Klub geholt.

Hat Preetz der Presse die fehlende Trainerlizenz durchgesteckt?

Spätestens ab dem Florida-Trainingslager in der Winterpause habe Preetz verstärkt - so Klinsmann - gegen den Trainer gearbeitet. So sei auch die Geschichte von der nicht mehr gültigen Trainerlizenz an die Presse durchgesteckt worden. Preetz sei mit Journalisten von der Bild befreundet, behauptete Klinsmann. "Inzwischen ist bestätigt, dass Preetz wie auch bei anderen Indiskretionen der Informant war", schrieb der Ex-Coach. Die Bild dementierte.

Anzeichen von Selbstkritik am seinem Verhalten äußerte Klinsmann in dem Protokoll nicht. Stattdessen wies der Macher des Sommermärchens von 2006 auf die gute Arbeit seines Stabes mit Assistent Alexander Nouri hin, der seinen Job übernommen hat. "Lasst Alex Nouri und das Trainerteam die Saison auf jeden Fall zu Ende bringen", forderte der Wahl-Kalifornier.

(be/afp)

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