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Kinderbuch von Elena Ferrante: "Der Strand bei Nacht"

21.11.2018 7:38 Uhr

Wenn Schriftsteller berühmt werden, graben Verlage gern alte Werke von ihnen aus. So ist es auch bei der italienischen Erfolgsautorin Elena Ferrante, die in den letzten Jahren mit ihrer Tetralogie "Meine geniale Freundin" einen Bestseller landete.

Ihr Debütroman "Lästige Liebe" erschien schon 1992 in Italien, zwei Jahre später in Deutschland und diesen Herbst nun nochmal in neuer Übersetzung. Zugleich ist ein Kinderbuch nun erstmals auf Deutsch zu lesen, das Ferrante bereits 2007 veröffentlichte. "Der Strand bei Nacht" erzählt die Geschichte einer Puppe.

Im Februar erschien in Deutschland "Die Geschichte des verlorenen Kindes" - Ferrantes letzter Band ihrer neapolitanischen Saga um die Freundinnen Elena und Lila, die in Italien zwischen 2012 und 2014 publiziert wurde. Wer seitdem neuen Stoff von Ferrante vermisst, dürfte nun mit "Der Strand bei Nacht" nicht wirklich auf seine Kosten kommen, schließlich ist es ein Kinderbuch. Ein schmales dazu, auf gerade mal knapp 50 Seiten erzählt Ferrante, wie die Puppe Celina eine bedrohliche Nacht am Strand verbringen muss, nachdem ihre Besitzerin, die fünf Jahre alte Mati, sie dort vergessen hat.

Ferrante-Fans dürften sich an etwas erinnert fühlen: Mit einer Puppe hatte gleich eine der ersten Szenen in "Meine genialen Freundin" zu tun. Die Freundinnen werfen ihre Puppen in den Keller eines gefürchteten Camorra-Oberhaupts. Die Mafia spielt in Ferrantes erstem Kinderbuch keine Rolle, aber eben eine verlassene Puppe: Celina bleibt am Strand zurück, weil das Mädchen Mati eine kleine Katze geschenkt bekommt und darüber ihr Lieblingsspielzeug vergisst.

Celina ist zwar eine Puppe, fühlt und denkt aber wie ein Mensch. Zum Beispiel Eifersucht auf die neue Spielgefährtin ihrer Besitzerin, die Katze Minù. Oder Angst vor dem "Grausamen Strandwärter", der mit einem Rechen die Sachen zusammenliest, die im Sand vergessen wurden. Außerdem ist Celina traurig - sie will zurück nach Hause zu Mati.

Ferrante beschreibt die Nacht Celinas am Strand einfühlsam. Ihre Sprache sorgt für lebendige Bilder im Kopf. "Die Spitzen seines Schnurrbarts bewegen sich auf seiner Oberlippe wie Eidechsenschwänze" heißt es etwa über den Strandwärter. Oder über das Kätzchen fast komisch: "Ich wünsche mir, dass es Durchfall kriegt, dass es brechen muss und dann so sehr stinkt, dass Mati sich vor ihm ekelt und es wegjagt."

Die Beziehung zwischen Mati und Celina, die einiges von Mati und ihrer Familie gelernt hat, beschreibt sie witzig - und treffend. "Mati sagt immer: "Wenn du dich erkältest, bekommst du Fieber." Sie sagt es genau so, wie ihre Mutter es zu ihr sagt. Mati und ich sind nämlich auch Mutter und Kind."

Die Nacht am Strand wird für Celina nach und nach bedrohlicher - vor allem, dass der fiese Strandwärter ihr all die Wörter stehlen will, die sie gelernt hat, fürchtet sie. Und dann kommt noch ein Feuer.

Ferrante hat mit "Der Strand bei Nacht" eine kluge und verspielte Geschichte geschaffen über Eifersucht und Freundschaft, aber auch über Selbstbewusstsein. Auch wenn es für Kinder gedacht ist, können wohl auch Erwachsene dem Abenteuer der Puppe etwas abgewinnen.

- Elena Ferrante: Der Strand bei Nacht, Insel-Bücherei 1458, 47 Seiten, 14,00 Euro, ISBN 978-3-458-19458-3.

(BE/DPA)