Hürriyet/Ali Varli

Kann Murat Günak das Lieferwesen mit dem Ono Bike revolutionieren?

6.2.2019 17:52 Uhr, von Celal Özcan

Murat Günak ist ein weltberühmter Autodesigner. Er machte sich mit der C-Klasse von Mercedes einen Namen, dann wechselte er als Chefdesigner zu VW. Man sagte über ihn, er habe Peugeot jünger, Mercedes eleganter und VW frischer gemacht. Als Martin Winterkorn an die Spitze von VW wechselte, verließ der hochgeschätzte Designer den Konzern und widmete sich der Elektromobilität.

Lange war von ihm nichts zu hören. Jetzt tritt er mit dem Ono Bike an die Öffentlichkeit, dessen Design er entworfen hat. Das E-Cargo-Bike will den Lieferverkehr in den Städten revolutionieren. Günak sprach mit Hürriyet über seine Karriere als Designer und über sein neues Projekt ONO. Das Interview führte unser Berliner Korrespondent Celal Özcan.

-Sie sind in der Türkei geboren und in Deutschland zur Schule gegangen. Sie haben in London studiert, waren Chefdesigner bei VW und Mercedes, man nannte Sie Stardesigner der Welt und sagte über Sie, dass Sie Peugeot jünger, Mercedes eleganter, VW frischer machten. Im Türkischen würde man fragen: Welcher Wind hat Sie nach Deutschland und London getrieben?

Welcher Wind? Nach Deutschland bin ich wegen meiner Eltern gekommen. Mein Vater kam 1962 als Arzt hierher und wir als Familie sind mitgekommen. Ich bin in Istanbul geboren und war auf der österreichischen Schule beim Galata-Turm. Deswegen konnte ich bisschen Deutsch, als ich nach Deutschland kam. Ich war 16 Jahre alt. Ich war vorher kurz als Achtjähriger in Deutschland. Als wir richtig hierhergezogen sind, war ich 16 Jahre alt. Die erste Station war Dortmund. Ich bin ins Gymnasium gegangen, habe in Mönchengladbach mein Abitur gemacht und in Marburg an der Kunsthochschule Design studiert. Mit einem Stipendium von Ford in Köln für das World College of Art bin ich nach London gekommen. Hier hat mein beruflicher Werdegang seinen Lauf genommen. Ich wollte immer Autodesigner werden. Das war immer mein Traum. Eine eigene Autofirma zu gründen, das war mein Traum.

-Was hat Sie am Auto so begeistert?

Die Kraft, die Ästhetik, die Freiheit, das Image. Was junge Menschen interessiert hat eben. Damals war das Auto das Beste, was man haben konnte, Freiheit.

Ono Bike

-Wie sind Sie bei Mercedes gelandet?

Mercedes war immer meine Traumfirma. Ich hatte als Student die Chance, bei Mercedes ein Praktikum zu machen in Design. Der damalige Chefdesigner Bruno Sacco hat sich meiner angenommen. Als ich mit meinem Studium fertig war, war ich wegen des Ford-Stipendiums verpflichtet, bei Ford zu arbeiten. Aber Mercedes war mein Traum. So habe ich die erste Berufserfahrung bei Mercedes gewonnen. Bruno Sacco hat mich dann eingestellt.

Ich war zwei Jahre bei Ford und anschließend bei Mercedes.

- Sie waren dann Chefdesigner bei VW und damit die rechte Hand des legendären deutschen BMW- und VW-Managers Bernd Pischetsrieder. Aber dann kam 2007 Martin Winterkorn an die Spitze von VW. Er machte Walter de Silva zum Chefdesigner, der bis dahin unter Ihrer Regie gearbeitet hatte. Was war der Grund, dass er Sie ablöste?

Das war keine Ablösung.

-Sondern?

Der Wechsel von Pischetsrieder zu Dr. Winterkorn war ja ein strategischer Wechsel. Und in dieser Zeit beschäftigte ich mich innerhalb des Konzerns intensiv mit alternativer Mobilität. Mit dem Wechsel des Vorstandsvorsitzenden war dann im Prinzip kein Interesse da für die alternative Mobilität. Die Zeit war noch nicht reif. Das hatte nichts mit VW an sich zu tun. Damals war in der ganzen Automobilindustrie das Thema Elektromobilität ganz, ganz weit weg. Ich wollte gerne, dass wir uns da engagieren, aber es war nicht möglich. Das war dann der Grund. Okay, wenn ich an das glaube, was ich für richtig halte, dann muss ich die Konsequenzen ziehen. Und dann habe ich mich selbstständig gemacht. Dass Walter de Silva, meine rechte Hand, meine Position eingenommen hat, war ein natürlicher Prozess.

Ono Bike

-Ab da widmeten Sie sich der Elektromobilität. Waren dann in der Mia Electric für die Entwicklung des Elektroautos Mia verantwortlich. Doch das Geschäft lief nicht gut und meldete Insolvenz an. Warum eigentlich, wo man gerade jetzt die Elektroautos plötzlich als Zukunft sieht?

Erstmal haben wir es geschafft, mit Mia das erste bezahlbare Elektroauto auf den Markt zu bringen. Ich betone, Elektroauto, weil ein Auto als Auto auf den Markt zu bringen, eine unheimlich schwierige Aufgabe ist. Da gibt es Gesetze, Regularien, Crash-Tests, Normen usw. Also es ist eine riesige Herausforderung. Wir haben es geschafft, diese Marke und das Produkt zu positionieren, zu einem bezahlbaren Preis. Die Mia ist heute noch ein beispielhaftes, hervorragendes Konzept. Es wurden auch sehr viele Autos verkauft. Es gibt eine große Fangemeinde. Das Problem der Mia war schlicht und einfach: Sie kam zu früh. Sie kam zu früh auf den Markt. Zu einem Zeitpunkt, wo wir Don Quijote waren, der gegen die Windmühlen kämpft, wie ich gern sage. Wir haben für eine neue Mobilität gekämpft. Wir hatten ein gutes Produkt. Aber die gesamte Industrie hat gegen Elektromobilität gesprochen. Und die Kunden waren verunsichert: Wenn ein Elektroauto so gut ist, warum sprechen sich eigentlich die ganz Großen, die eine Ahnung haben, dagegen aus und sagen, dass Diesel die Zukunft ist? Es gab eine große Verunsicherung, und letztlich war das Problem das Kapital, so dass wir schließen mussten.

-Wussten Sie damals, dass Elektromobilität die Zukunft ist?

Nein, das würde ich nicht sagen. Aber der Wunsch war da. Wir alle, die wir Überzeugungstäter sind, wünschen uns eine lebenswertere Stadt. Im urbanen Bereich der Stadt ist Mobilität ein wichtiges Thema. Die Menschen wollen mobil sein. Und wir wollten Schadstoffe reduzieren, Fahrzeuge machen, die leise sind, die einen kleinen Footprint haben. Um den Menschen mehr Lebensraum zu geben. Das ist eigentlich der Traum. Die Gesellschaft war noch nicht reif. Für mich hat es gar nicht so viel mit Technik zu tun, sondern mit der gesellschaftlichen Bereitschaft. Vor ein paar Jahren galt es noch als Erfolg, in einem großen Auto zu sitzen. Wenn man erfolgreich war, hat man es nach außen gezeigt, mit einem großen Statusauto. Das gesellschaftliche Bewusstsein hat sich heute geändert, die Statussymbole haben sich geändert, und damit gibt es auch ein anderes Bewusstsein von Mobilität. Auch wenn es banal klingt: Die Leute begreifen, dass sie, um sich darzustellen, nicht eine große Kiste brauchen. Dass man im Gegenteil eher belächelt wird und große Autos nicht zwangsläufig die Attraktivität des Fahrenden steigern. Das ist ganz wichtig, damit sich ein Produkt durchsetzen kann. Rein mit Fakten und Zahlen kann man sowieso kein Produkt positionieren, schon gar nicht ein Auto.

Ono Bike

-Warum hat VW diese Zukunft nicht so richtig lesen können?

Ich würde das nicht auf VW beschränken. Es gilt für die gesamte Autoindustrie. Das hat viele Gründe. Zunächst einmal muss man sich vergegenwärtigen, dass ein Auto, wie es heute ist, eigentlich ein fantastisches Produkt ist. Es ist perfekt. Sicher. Zuverlässig. Es befördert Menschen von einem Punkt zum anderen. Es ist begehrenswert. Es ist durchdacht, es ist hundert Jahre entwickelt. Es ist ausgereizt. Man kann sich vorstellen, dass viele Ingenieure daran hängen. Und es war bisher ein gutes Geschäftsmodell. Und die deutsche Industrie mit ihrer Qualität, die sie bei Autos haben, ist einzigartig auf der Welt. Daher ist es verständlich, dass sie sich mit der Vorstellung schwertut, das in Frage zu stellen. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist, dass sich mit Firmen, die Elektroautos machen wie die Mia, wie Tesla, das ganze Gefüge der Komponenten ändert. Man braucht keine Zündkerzen mehr, keinen Vergaser, man braucht keine Motorenkompetenz. Es ist eigentlich ein sehr einfacher, simpler Elektroantrieb. Das ermöglicht es natürlich neuen Playern, auf den Markt zu kommen. Sicherlich war da auch eine Art Protektionismus, dass man den neuen Playern nicht die Möglichkeit geben wollte, in die alteingesessene Autobranche reinzukommen. So war das sicherlich: ein Nicht-akzeptieren-Wollen, dass sich die Gesellschaft ändert.

-Sie haben dann 2016 das Unternehmen Ono gegründet und ein Ono als Kleintransporter entwickelt. Mit Ono haben Sie den Anspruch, den Lieferverkehr in den Städten zu revolutionieren, die Städte leiser und abgasfrei zu machen. Was ist dieses Ono? Wie funktioniert es, und was sind die wichtigsten Merkmale?

Wir alle handeln hier mit der hohen Motivation, den Lebensstandard in Städten zu erhöhen. Da muss sich natürlich ein kleines Unternehmen mit begrenzten Ressourcen überlegen, wo der größte Stellhebel ist. Es erscheint auf den ersten Blick vielleicht reizvoller, ein Sportauto zu entwickeln. Aber aus der Mia habe ich gelernt, wenn man Erfolg haben will, wenn man etwas nachhaltig machen will, braucht man den Markt. Und wir haben in unseren Recherchen mit Ono, mit dem Marketingteam, durch die Kontakte zur Industrie erfahren, dass es wirklich einen Notstand gibt, einen Bedarf in der Paketbranche. Weil durch eventuelle Fahrverbote oder auch durch den Stau, den heutige Transporter erzeugen, weil sie in zweiter Reihe stehen, durch ihre Breite und so, Staus verursacht werden, Rückstaus. Es entstehen unnötige Abgase. Die Menschen sind verärgert. Das hat eben wirklich riesige Folgen für die Lebensqualität. Deswegen haben wir gesagt: Okay, wenn wir ein Produkt machen wollen, das den Menschen bei der Mobilität hilft, dann müssen wir vielleicht andersrum gehen: diese Paketzustellung deblockieren, damit der Verkehr wieder fließt, damit keine Staus entstehen und damit wir eine saubere, pünktliche Lieferung bekommen. So ist dieses Projekt gereift. Dass wir sagen, wir machen ein Lastenrad, ein Fahrrad mit Pedal und Elektroantrieb. Es ist ein Fahrrad. Sie können pedalieren und elektrisch fahren. Das hat verschiedene Konsequenzen. Die erste Konsequenz ist: Da es auch ein human angetriebenes Fahrzeug ist, ist die Batterie klein. Dadurch, dass die Batterie klein ist, brauchen Sie keine Lade-Infrastruktur, sondern Sie können sie überall, in jeder Steckdose, aufladen. Die zweite Konsequenz ist, dass es rechtlich ein Fahrrad ist, d.h., dass Fahrrad kann auf der Straße wie auch auf dem Fahrradweg fahren. Und mit einer Follow-me-Funktion, die möglich ist: d.h., das Fahrrad läuft, das Fahrzeug fährt hinter ihm her. Automatisch kann es auch in die Fußgängerzone. So entsteht ein ganz anderes Konzept von Zustelldienst, der sauber und leise ist und dadurch, dass das Fahrzeug andere Wege fahren kann, auch pünktlich liefern kann. Denn es steht nicht im Stau. Mit diesem Gedanken haben wir dann mit Partnern gesprochen, die uns unterstützen. Große Paketdienstleister, die weltweit liefern, sind an uns interessiert. Und durch diese Gespräche sind wir darauf gekommen, dass man idealerweise Container bei uns abnehmen kann. Ein Container muss eine bestimmte Größe haben, damit es sich rentiert. Also 2 bis 2,5 Kubikmeter Ladevolumen. 300 Kilo. Dann kam ein weiterer Faktor hinzu: dass einige Paketunternehmen merken, wie wichtig der Fahrer für sie ist. Weil es immer schwerer ist, Fahrer für die Dieseltransporter zu finden. Wenn wir ein Fahrrad machen, kommen ganz andere Fahrer ins Spiel. Junge Leute, die vielleicht keinen Führerschein haben. Für diese Firmen ist die neue Generation wichtig, um sie an das Unternehmen zu binden. Deswegen braucht es, obwohl es ein Fahrrad ist, Wetterschutz. Und wir haben eine komplett geschlossene Kabine. Auch der Boden ist geschlossen. Damit kommt von unten kein Wasser an die Füße. Es gibt Spritzschutz. Es gibt eine Scheibe. Es gibt ein Dach, und damit ist der Fahrer wettergeschützt, wassergeschützt. Es ist keine Heizung drin, aber das Fahrrad ist wassergeschützt. Der Fahrer wird nicht nass. Aus all diesen Komponenten ist das Konzept der Ono entstanden und es sieht so aus, wie es jetzt ist. Das wäre für eine Stadt wie Istanbul sehr interessant.

Ono Bike

-Warum?

Es ist perfekt für Istanbul. Weil Istanbul erstickt ja im Stau. Ich war vor einem Jahr in Istanbul, musste von einer Besprechung zur anderen. Wir haben sehr lange gebraucht für ein paar Kilometer. Die Ono würde diesen Stau deblockieren. Es spricht nichts dagegen, dass das Ono Taxi entsteht. Benzin ist zu teuer. Für die Türkei ist Ono ideal.

-Wann kommt Ono auf den Markt?

Wir werden jetzt im Sommer mit den Fahrtests anfangen. Wir haben vor, Anfang 2020 langsam mit der Produktion anzufangen. Es wird in Deutschland produziert.

Ono Bike

-Wie sehen Sie die Zukunft der Mobilität? Wohin wird sie sich in den nächsten 20 Jahren entwickeln?

Wenn ich das wüsste. Ich sehe die große Zukunft in Ono, einem Produkt wie Ono. Die Basis unseres Ono wird viele Möglichkeiten bieten. Bis zum Personenverkehr. Ono Cargo, Ono Taxi. Wir haben viele Pläne. Grundsätzlich erhoffe ich mir eine Zukunft, in der die Fahrzeuge so leicht sind, dass sie mit Sonnenenergie fahren können. Das ist meine große Vision. Völlig unabhängig von Kohle, von Atomkraftwerken. Ich glaube, das wird kommen.