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Kühnert: "Mit 15 Prozent stellt man nicht den Kanzler"

1.2.2019 14:32 Uhr, von Celal Özcan

Kevin Kühnert, 29 Jahre alt, gilt in Deutschland als junges Politiktalent und als Hoffnungsträger der SPD. Die von ihm geführte NoGroKO-Kampagne brachte ihm über Parteigrenzen hinweg große Popularität. Die GroKo regiert seit dem 14. März 2019 und war für die SPD eher von Nachteil. In Umfragen fielen die Zustimmungswerte auf 15 Prozent und in der SPD werden die Stimmen der GroKo-Gegner immer lauter.

Wir sprachen mit Juso-Chef Kevin Kühnert über die Chancen der GroKo, über die Krise der SPD, über seine politischen Ambitionen und Ziele, über die von Martin Schulz enttäuschten türkischstämmigen SPD-Wähler, über seine Sportleidenschaft und seine Beziehung zur Türkei und zur türkischen Kultur. Das Interview führte unser Berlin-Korrespondent Celal Özcan.

Hürriyet: Sie haben ein turbulentes Jahr hinter sich. Mit einem Rucksack reisten Sie durch Deutschland und machten Kampagne gegen die GroKo. Was erwarten Sie für das Jahr 2019? Ein Ende der GroKo?

Kevin Kühnert: Das ist heute schwer zu beantworten. Wir haben ja bewusst eine Regelung geschaffen, bei der wir nach zwei Jahren Koalition, also am Ende dieses Jahres, sagen, ob wir weitermachen wollen oder nicht. So etwas gab es bisher ja noch nicht. Ich denke, ein Parteitag wird darüber abstimmen und ob dieser Parteitag noch einmal zwei Jahre Verlängerung gibt, wird sehr davon abhängen, ob dieses Jahr was geschafft wird. Wenn es so langsam vorangeht wie im Jahr 2018, glaube ich nicht, dass unsere Mitglieder Lust haben, sich das noch länger anzugucken. Wir haben ein paar Vorhaben für dieses Jahr, beispielsweise soll ein Klimaschutzgesetz beschlossen werden. Wir wollen die Situation für Auszubildende verbessern. Wenn solche Projekte 2019 nicht durchkommen, wird es schwierig werden, weiter zusammenzuarbeiten.

Sie haben vor kurzem gesagt, jeder Tag mit dieser Koalition sei ein verlorener Tag. Gilt dieser Satz noch?

Ich glaube, das gilt vor allem für die SPD, weil wir merken - egal was wir in der Koalition durchsetzen - keine Punkte dafür in der Öffentlichkeit bekommen, weil wir immer hinter unserem eigenen Anspruch zurückbleiben. Wir schaffen immer nur die Hälfte von dem, was wir gerne hätten und viele Leute werden jetzt ungeduldig und sagen: Ihr regiert seit 20 Jahren fast durchgehend und habt uns jetzt vier Mal die Bürgerversicherung versprochen. Dass diese Zwei-Klassen-Medizin aufhört, wann kommt das denn endlich mal? Wann arbeitet ihr mit Leuten zusammen, die das nicht immer nur blockieren. Ich habe den Eindruck, bei vielen unserer Wähler ist einfach die Geduld aufgebraucht. Die wollen nicht mehr Entschuldigungen hören, warum es mit dem Koalitionspartner nicht geht, sondern dass man sich auf die Suche nach Mehrheiten macht, mit denen es geht.

Die Mehrheit der SPD-Mitglieder sind Ihrem Aufruf Nein zu GroKo nicht gefolgt, sondern haben Ja zu GroKo gesagt. Wie ist die Stimmung jetzt in der SPD? Werden die Nein-Sager immer mehr?

Ich habe gerade im letzten halben Jahr viele gehört, die gesagt haben: Wenn ich jetzt nochmal abstimmen könnte, würde ich wohl eher für Nein stimmen. Ich kann es nicht mit Zahlen belegen, aber das Gefühl ist schon, dass es mittlerweile noch enger wird. Und man muss ja ehrlicherweise sagen, dass viele, die für die Koalition gestimmt haben, das ja nicht aus Überzeugung gemacht haben, sondern weil sie gesagt haben: Jetzt haben wir das Land monatelang mit der Regierungsbildung aufgehalten, wenn wir jetzt Nein sagen, rutschen wir auf 10 Prozent runter. Ob das stimmt oder nicht, wissen wir nicht, aber es hatte auch viel mit Angst zu tun und mit vermeintlicher Alternativlosigkeit. Und ich habe den Eindruck, dass viele gemerkt haben, dass das Versprechen, das ihnen gegeben wurde, sich nicht richtig eingelöst hat. Dass also diese große Koalition nicht grundlegend anders arbeitet als die davor. Man kann auch nicht tolle Regierungsarbeit in einer großen Koalition machen, dafür sind die Parteien zu unterschiedlich. Es gibt andauernd Streit. Es wird nie Spaß machen, einer großen Koalition beim Regieren zuzugucken. Es ist nie begeisternd, es ist immer nur der kleinste gemeinsame Nenner.

Hürriyet

Sie meinen also, dass Sie mit NoGroko richtig gelegen haben?

Bei politischen Entscheidungen ist es schwierig, von Recht oder Unrecht zu sprechen. Ich würde es wieder so machen und glaube auch, dass wir richtige Argumente hatten. Ich glaube aber, dass Leute, die dafür waren, auch sagen würden, dass ihre Argumente die richtigen waren, es ist eine Frage der persönlichen Präferenz. Wir haben alle keine Glaskugel, um herauszufinden, was passiert wäre, wenn wir uns durchgesetzt hätten. Ich kann behaupten, alles wäre besser geworden. Andere würden sagen, alles wäre noch viel schlimmer gekommen. Wir können es nicht beweisen, aber ich bin mit unserer Position von damals im Reinen.

Wäre es nicht gerade für die SPD das Richtige, wenn mehr Kandidaten für den Parteivorsitz ins Rennen gehen, so wie bei der CDU?

Ja, das wäre sehr gut, ich glaube, da hat auch niemand was dagegen, es müssen sich nur Leute melden, die das dann auch tatsächlich machen, und daran ist es ja gescheitert in den letzten Jahren. Ich glaube, die Zeiten sind vorbei, in denen man abwarten sollte, bis man eine 100 Prozent sichere Mehrheit für eine Kandidatur hat. Gerade wenn eine Partei bei 15 Prozent steht, müssen Leute auch mal ins Risiko gehen und sagen, ich warte jetzt nicht die nächste Landtagswahl ab, ob ich die gewinne, und ich warte nicht noch drei Umfragen ab, wie meine Beliebtheitswerte aussehen, sondern ich stelle mich einfach mal auf die Bühne und sage: Hier ist mein Angebot. Bei der CDU hat man ja gesehen: Jens Spahn ist mit 15 Prozent weit abgeschlagen auf dem 3. Platz gelandet, aber auch ihm hat das nicht geschadet. Er wird als gestärkt wahrgenommen. Sich einer demokratischen Auseinandersetzung zu stellen, kann meiner Ansicht nach nie einen persönlichen Schaden bringen, sondern kann immer nur bedeuten, dass man an Profil gewinnt.

Haben Sie vor, in der näheren oder ferneren Zukunft für den Parteivorsitz ins Rennen zu gehen?

Ich glaube nicht, dass das sinnvoll wäre. Denn – auch wenn ich das schade finde – wenn ein 29-Jähriger in Deutschland für so ein Amt kandidiert, wird nicht darüber diskutiert, was er für inhaltliche Vorstellungen hat und wo er hinmöchte mit der Partei, sondern es wird darüber diskutiert: Kann ein 29-Jähriger so eine Position einnehmen. Und die SPD kann es meiner Meinung nach nicht gebrauchen, dass wir wieder über Nebenkriegsschauplätze reden und über einzelne Personen und was sie können oder nicht können, sondern spannend wird es ja erst, wenn es eine Richtungsauseinandersetzung gibt. Wenn die verschiedenen Personen auch für verschiedene Profile stehen. Es bringt ja nichts, wenn drei Olaf-Scholz-Klone gegeneinander antreten, und der eine sagt: schwarze Null, und der andere sagt: noch schwärzere Null, und der dritte will die allerschwärzeste Null haben. Sondern die Partei muss zwischen Konzepten entscheiden können. Und da gibt es auch andere Leute als die Jusos, die für ein linkeres Profil in der SPD stehen und die auch antreten könnten. Die haben auch noch viel Zeit vor sich, das sind Leute, die sehe ich gerne in unserer Parteispitze und denen traue ich grundsätzlich auch mehr zu als das, was sie im Moment tun.

Zum Beispiel?

Na ja. Ganz häufig werden ja genannt unsere Ministerpräsidentinnen, die sehr erfolgreich sind und große Beleibtheit genießen. Ob das Malu Dreyer ist oder Manuela Schwesig. Das sind hoch anerkannte Persönlichkeiten, nicht nur in der SPD, sondern auch darüber hinaus.

Eine Frau als Kanzlerkandidatin der SPD wäre jetzt an der Zeit?

Na selbstverständlich, es ist ja traurig, dass es überhaupt so lange gedauert hat, bis auch wir unsere erste Parteivorsitzende jetzt haben mit Andrea Nahles. Und es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Frauen auch Spitzenkandidatinnen sein können.

Bei der CDU ist es schon jetzt klar, dass AKK die nächste Spitzenkandidatin sein wird. Bei der SPD gibt es diese Klarheit nicht. Neulich hat sich Finanzminister Scholz als SPD-Kanzlerkandidat ins Spiel gebracht. Was denken Sie darüber?

Ich denke vor allem, dass wir im Moment davon ausgehen müssen, dass wir noch zweieinhalb Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl haben. Die SPD steht bei 15 Prozent. Und wenn ich mit Leuten in meinem Umfeld gesprochen habe, die nicht in der SPD sind, habe ich nach diesen Äußerungen von Olaf Scholz gemerkt, dass sie den Kopf geschüttelt und gesagt haben: Was soll das, dass die SPD sich zu diesem Zeitpunkt und in diesem Zustand mit so einer Frage beschäftigt? Das interessiert in der Öffentlichkeit doch niemanden, und mit 15 Prozent stellt man, mit Verlaub, auch nicht den Kanzler, wenn man das Ergebnis nicht deutlich verbessert. Daher sollten wir in der SPD mehr darüber reden, wie wir auf höhere Prozentwerte kommen, und nicht, wer bei 15 Prozent den Spitzenkandidaten macht. Ich find’s gut, wenn Leute sich das zutrauen, ich find’s auch gut, wenn Olaf Scholz sich das zutraut. Wenn ich Auswahl haben will für so ein Amt, dann müssen unterschiedliche Leute antreten, dazu gehört auch er, das ist gar kein Problem. Aber nicht jetzt, mitten im Erneuerungsprozess. Wir müssen erst mal ein paar Fragen klären und dann gucken, wer kann das vertreten.

Würden Sie sich trauen, gegen AKK anzutreten?

Ich traue diversen Leuten bei uns zu, gegen Annegret Kramp-Karrenbauer bestehen zu können, weil sie entgegen manchem Bericht, den man über sie lesen kann, für mich nicht für eine liberale Mitte-Partei steht. Ich habe vor einigen Wochen mit ihr bei Maybrit Illner in der ZDF-Talkshow gesessen, und sie hat dort wieder ihre etwas merkwürdigen Thesen zur Eheöffnung geäußert, dass das quasi der erste Schritt zur Geschwisterehe sei. Das ist für mich so aus der Zeit gefallen und hat mit Modernität gar nichts zu tun. Oder auch, wie die Union sich mit ihr als Vorsitzender dagegenstemmt, dass Ärzte überhaupt nur darüber informieren dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Das sind Debatten, von denen viele dachten, dass sie vor 40 Jahren mal beendet wurden in dieser Gesellschaft. Und ich glaube, dass fast alle von uns dazu einen guten Kontrast darstellen können und viel mehr für Modernität stehen.

Aber Sie auch.

Ich auch. Ich stehe ja auch hinter diesem Programm der SPD. Nur zu einer Kandidatur gehört eben mehr als dieser inhaltliche Kontrast. Und was ich vorhin zu meinem Alter gesagt habe, das gilt hier ganz genauso. Viele Menschen finden es auch heute noch extrem wichtig, dass man einen Doktortitel hat oder so, und man muss sich gut überlegen, grad wenn man als Partei nicht so stark dasteht, welche Angriffsflächen man nach außen mit einer Kandidatur bietet, ob man dem Gegner die Möglichkeit gibt, auf einen Nebenkriegsschauplatz zu gehen, statt sich mit Politik zu beschäftigen.

Deutschland geht es gut. Die Wirtschaft wächst. Die Arbeitslosigkeit ist gering. Die Unternehmen brauchen Fachkräfte. Trotzdem wächst die rechtspopulistische Partei AfD weiter. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Mich beschäftigt das natürlich auch. Trotzdem muss man sagen: Mit diesen 13, 14 Prozent, die die AfD jetzt relativ konstant hat, sind wir im europäischen Vergleich noch sehr, sehr niedrig, das ist eher am unteren Ende der rechtspopulistischen Parteien. Mein Eindruck ist, dass es bei vielen Wählern der AfD mit einem Bedrohungsgefühl zu tun hat: nicht Bedrohung durch Islam, Kopftücher, Flüchtlinge, was auch immer. Sondern wenn man mit denen redet, ganz häufig: die Sorge: Werde ich in Zukunft meinen Arbeitsplatz behalten können. Dieser Arbeitsplatz kann sehr gut sein. Das können Leute sein, denen es sehr gut geht, aber die machen die Erfahrung in den letzten Jahren, dass die Wirtschaft sich wandelt, dass Leute mitten in ihrem Leben aus dem Job rausgerissen werden, dass der Staat von ihnen verlangt, dass sie auch eine viel niedriger qualifizierte und bezahlte Arbeit aufnehmen müssen. Dass sie, wenn sie nicht sofort wieder in einen Job kommen, vielleicht ihr Häuschen verkaufen müssen oder ihre Altersvorsorge auflösen müssen. Und die finden, dass das in einem so reichen Land eine Ungerechtigkeit ist. Das ist, glaube ich, ein Punkt, den man auch beachten muss. Aber aus Notwehr die AfD zu wählen, ist so ziemlich das Dümmste, was man machen kann. Denn man unterstützt damit eben nicht nur einfach eine Protestpartei, sondern diese Partei verändert ganz konkret das Klima in der Gesellschaft und gerade als Bio-Deutscher oder wie man das nennen will, sollte man sich vor Augen führen: Auch wenn man selber keine Nachteile durch die Rhetorik und Politik der AfD hat, sind es andere, auf deren Rücken das ausgetragen wird. Die auf der Straße angefeindet werden, die sich anspucken lassen müssen oder so, weil die Hemmungen langsam wieder fallen bei manchen Menschen.

Da die AfD für die Menschen in Deutschland Hoffnung weckt und nicht die SPD, stellt sich die Frage: Wie kann die SPD diese Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen, wieder zurückgewinnen?

Wir versuchen das ja jetzt gerade, indem wir uns bemühen, Hartz IV hinter uns zu lassen. Manuela Schwesig und ich arbeiten seit Monaten an einem Konzept, das wir noch im Februar vorlegen wollen, wie wir uns den Sozialstaat der Zukunft vorstellen. Dass er nicht mehr als Bedrohung auftritt, sondern ganz klar signalisiert: Wenn du unverschuldet deine Arbeit verlierst, fängt dich der Staat auf. Du musst nicht sofort dein Vermögen aufbrauchen, wir helfen dir, wieder in Beschäftigung zu kommen. Es geht nämlich nicht darum, Leute in der großen Verunsicherung zu parken und zu sagen: tut uns leid, aber du kriegst nichts mehr, sondern in jeder Lebensphase muss der Staat das Ziel haben, die Leute wieder in eine Qualifizierung, in einen Job zurückzubringen. Das haben wir in den letzten Jahren vernachlässigt, und das wollen wir wieder deutlich stärker machen. Und wir werden auch nicht dran vorbeikommen, uns nochmal über Gerechtigkeit bei der Verteilung des Reichtums in Deutschland zu unterhalten. Ich hoffe, dass wir die Europawahl zum Anlass nehmen, beispielsweise über die großen Konzerne, über Facebook, Amazon & Co zu reden und wie es eigentlich sein kann, dass sie kaum Steuern zahlen, obwohl sie riesige Gewinne in Europa machen. Mit Abschreibungen und Steuerdumping, während viele Arbeitnehmer diese Möglichkeit gar nicht haben, denn deren Lohnsteuer wird am Ende des Monats automatisch abgezogen, und sie fühlen sich zu Recht von so einer Geschäftspraxis ins Gesicht geschlagen.

Hürriyet

Die Regierung hat dem Vorschlag der Arbeitsgruppe Klimaschutz für ein Tempolimit 130 km auf Autobahnen eine Absage erteilt, obwohl die Statistiken belegen, dass die Zahl der Unfälle sinkt, wenn es ein Tempolimit gibt. Finden Sie diese Entscheidung richtig?

Ich glaube, dass das letzte Wort da noch nicht gesprochen ist, ich verstehe, wenn die Umweltministerin sagt: Lasst uns jetzt nicht nur über Tempolimit reden, denn das ist, wenn wir über Klimaschutz reden, nur ein Baustein von ganz vielen. Da hat sie recht. Aber es ist ein Baustein, über den wir auch reden müssen. Es ist absurd, wenn wir eine Debatte in Deutschland haben, bei der so getan wird, als sei kein Tempolimit auf Autobahnen quasi die Errungenschaft der Freiheit in unserem Land, und man kann keine freie Gesellschaft sein, wenn man ein Tempolimit hat. Die meisten zivilisierten Länder dieser Welt haben ein Tempolimit. Ich persönlich habe damit überhaupt kein Problem, ich bin selbst Autofahrer und weiß, dass ich auf den meisten Autobahnen sowieso kaum schneller als 130 fahren kann, weil ständig Stau ist oder sonst irgendwas. Ich halte das für eine Scheindiskussion. Würde man das einführen, würde nach einem Jahr kein Mensch mehr darüber reden.

Aber warum macht die SPD dann gerade da mit, bei dieser Entscheidung?

Die Entscheidung über die genauen Maßnahmen kommt ja noch. Wenn wir das Klimaschutzgesetz vorlegen wird es darum gehen, welcher Sektor kann was einsparen? Was kann der Verkehrssektor beitragen? Dass wir beispielsweise mehr Bahn benutzen, versuchen Inlandsflüge zu reduzieren, dass Leute nicht mehr allein im Auto sitzen, sondern am besten in Fahrgemeinschaften unterwegs sind. Was kann der Wohnsektor, der Energiesektor usw. beitragen. Es wird um einen Mix gehen, das ist eine Gerechtigkeitsfrage. Wenn nur die Auto- und Lkw-Fahrer die Klimaziele retten müssen, dann ist es ungerecht. Die SPD hat in einem Beschluss, der zwar 11 Jahre alt ist, aber da haben wir uns führend ausgesprochen, und ich sehe keinen Grund, warum wir so tun sollten, als hätten wir diesen Beschluss nicht, über den darf man auch sprechen.

Mit dem Diesel-Skandal fühlen sich die Verbraucher von Autokonzernen betrogen und von der Regierung alleingelassen. Was sagen Sie dazu?

Wir haben ja ein gemeinsames Klagerecht für die Autofahrer geschaffen, damit sie sich juristisch zur Wehr setzen und Schadenersatz bekommen können. Denn was nicht geht, ist, dass Leute, die betrogen wurden, gesagt bekommen: Na gut, dann kauf dir halt ein neues Auto und wir geben dir eine kleine Kaufprämie. Das mag nett gemeint sein und das können dann alle die in Anspruch nehmen, die sich eh ein neues Auto kaufen wollten, aber wer vor zwei, drei Jahren einen Diesel gekauft hat, der hat den in der Erwartung gekauft, damit 10, 15 Jahre fahren zu können. Und dass dieser Diesel dann jetzt nicht mehr in manche Innenstädte rein kann und einen Wertverlust erlitten hat, denn das Auto kauft einem ja keiner mehr ab: das verspielt Vertrauen in Politik, und deswegen kann auch hier das letzte Wort nicht gesprochen sein. VW beispielsweise hat ja in den USA bisher schon 12 Milliarden Euro Strafe zahlen müssen für diesen Betrug. In Deutschland hat VW eine Milliarde an das Land Niedersachsen zahlen müssen. Ich glaube nicht, dass das eine angemessene Größe ist, um den angerichteten Schaden wiedergutmachen zu können. Überhaupt zeigt dieses ganze Thema, dass klassische Verbrennungsmotoren nicht die Technologie der Zukunft sind. Damit werden deutsche Autobauer auch nicht mehr an der Spitze stehen. Wenn wir jetzt nicht endlich anfangen, an Elektromobilität zu arbeiten, was auch heißt, dass Batterieforschung betrieben wird, wo China im Moment weit voraus ist, dann verpassen wir den Anschluss und verlieren eine wichtige Industrie mit sehr guten Arbeitsplätzen.

Sie sind Autofahrer, haben Sie gesagt. Fahren Sie Benziner oder Diesel?

Benzin. Ich fahr nicht häufig, aber ich habe einen Führerschein und hin und wieder lässt es sich nicht vermeiden zu fahren. Aber ich wohne in Berlin und genieße natürlich auch, dass es fast immer Alternativen gibt. Ich würde nie auf die Idee kommen, mit dem Auto zum Willy-Brandt-Haus zu fahren, weil es langsamer ist und ich die ganze Zeit im Stau stehe.

Warum fahren Sie nicht Elektroauto?

Weil ich ehrlich gesagt nicht über das Geld verfüge, mir ein neues Auto kaufen zu können.

Wenn Sie Geld hätten, hätten Sie ein Elektroauto?

Müsste ich mir gut überlegen. Weil wir ja heute das Problem haben, dass die Infrastruktur schlecht ist für Elektromobilität. Ich muss genau gucken, wo habe ich eine Ladestation, kann ich das bei mir zu Hause machen. Wenn ich ein eigenes Haus habe, dann wahrscheinlich ja. Wenn eine Mietwohnung habe, na ja. Ich kann schlecht das Kabel aus meinem Fenster im 4. Stock raushängen und das Auto unten aufladen. Also, wir sind bei der Infrastruktur nicht auf der Höhe der Zeit. Im Moment muss man ein großer Idealist sein, um mit Elektromobilität unterwegs zu sein.

Wie wollen Sie die türkischen Wähler, die Stammwähler der SPD, zurückgewinnen, die Martin Schulz mit seiner Wahlkampagne gegen die EU-Mitgliedschaft der Türkei enttäuscht hat?

Was ich über die Jahre festgestellt habe, ist dass es in jeder Gruppe nicht "die" gemeinsamen Interessen gibt, sondern erst einmal alle als Individuen ernstgenommen werden wollen. Menschen, die einen Doppelpass haben oder Menschen, wo die Familie mal aus der Türkei gekommen ist, die sind ja mehr, als dass sie nur türkisch sind. Die sind Arbeitnehmer, die sind Familien, die sind Städter oder Landbewohner und haben erst einmal ganz normale Ansprüche an das Leben. Dass es bezahlbar ist, dass man eine Wohnung hat, dass der Job sicher ist usw. Da haben sie den gleichen Anspruch wie alle anderen auch. Und dann gibt es einen zweiten Anspruch, nämlich als Minderheit in so einer Gesellschaft gleichberechtigt und sicher hier leben zu können. Das war in den letzten Jahren nicht immer gewährleistet. Und ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass wir über Religion gesprochen haben, wenn wir eigentlich über Migration sprechen wollten.

Ich kenne viele, die sagen, ich habe eigentlich keine Lust, mich von diesen Islamverbänden vertreten zu lassen, und ich möchte auch nicht, dass ihr mit denen zusammen die Integration organisiert, weil wir nicht, wie bei den christlichen Kirchen, ein großer Haufen sind. Ich möchte nicht, dass meine Stimme in der Gesellschaft im Glaubensverband ist, weil nämlich bei vielen der Eindruck entsteht, dass wir es nicht mit einer Gruppe von Menschen, sondern eigentlich mit einer Glaubensgemeinschaft zu tun haben. Und dann gibt es hintendran noch die Frage der Türkei. Und ich habe, ehrlich gesagt, nie verstanden, warum gerade nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei, was Erdogan knapp gewonnen hat, ausgerechnet dort die Rufe so laut waren, jetzt die Beziehungen runterzufahren und nicht mehr von der Beitrittsperspektive zu sprechen. Ich glaube, wenn man den oppositionellen Kräften in der Türkei was Gutes tun will, wäre genau das der Moment gewesen zu sagen: Ihr seid fast die Hälfte, ihr seid nicht die radikale Minderheit, sondern fast die Hälfte der Türkei hat sich dagegen gewehrt, jetzt muss man die unterstützen, jetzt muss man das Gespräch suchen, die zivilgesellschaftlichen Kräfte stärken. Ich glaube, dass das keine kluge Diplomatie war, ich bin kein Diplomat, aber ich habe es anders wahrgenommen.

Sie leben in einer WG. Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Finden Sie Zeit, um abends in eine Bar oder in einen Klub zu gehen?

Man muss sich die Zeit nehmen. Wenn ich mir nicht selber Grenzen setze und sage, dieser Abend ist frei, wird er nicht frei sein, denn wir können jeden Tag fünfmal mit Terminen vollmachen, von morgens bis abends. Aber ich brauche das auch hin und wieder, gerade mit Freunden in eine Kneipe oder Bar zu gehen. Man geht dann halt nicht um 19 Uhr hin, sondern wenn der letzte Termin durch ist, um 22 Uhr oder so. Aber ich bin sowieso Spätschläger, insofern ist es nicht weiter schlimm, wenn man erst nachts um 1 oder so wieder zu Hause ist.

Sport?

Sport mache ich, soweit es möglich ist. Ich werde jetzt Skifahren gehen, und ich gucke vor allem ganz viel Sport, das ist so ein Ausgleich: der Kitt, der meinen Freundeskreis zusammenhält, wir sind alle irrsinnig sportbegeistert. Und wir gucken alles: Fußball, Handball, Volleyball.

Sind Sie immer noch für Arminia Bielefeld?

Selbstverständlich. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, man kann nur einen Verein gut finden. Ich bin als Kind mit Bayern München groß geworden und finde die nicht blöd. Aber man entwickelt halt auch andere Leidenschaften. Und Arminia Bielefeld spielt Ende Februar gegen Union Berlin, und da geh ich selbstverständlich hin. Stadien sind besondere Orte, weil Stadien und die Leute, die dort hingehen, sagen immer ganz viel über die Region aus, in der man ist. Man kriegt einen Querschnitt durch die Gesellschaft. Da stehen alle nebeneinander, das ist nicht wie in der Premier League, dass sich nur Leute mit ganz hohem Einkommen den Eintritt leisten können. Insbesondere im Amateursport kommen alle zusammen und gehen meistens gleichberechtigt miteinander um, und das finde ich eine tolle Vorstellung davon, wie Gesellschaft sein kann.

Kennen Sie auch den türkischen Fußball?

Na ja, einerseits natürlich hier vor Ort. Ich war lange im Amateurfußball unterwegs und habe mit Türkiyemspor oder Berlin Ankaraspor oder so viele Berührungspunkte gehabt. Bei Borussia, wo ich lange Zeit unterwegs war, waren die Probleme häufig ähnliche. Wir haben natürlich auch Spieler mit Migrationshintergrund bei uns gehabt. Und die rassistischen Anfeindungen, die häufig gekommen sind, haben dazu geführt, dass ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden ist. Ich kenne natürlich auch die großen Istanbuler Teams und das sind Konflikte, die auch durch meinen Bekanntenkreis hindurchgehen, wo mehrheitlich die Leute auf Besiktas setzen. Wenn ich es irgendwann nach Istanbul schaffe, dann nur mit Stadionbesuch.