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Julian Draxler: "Früher oder später kann ich mir vorstellen, in der Türkei zu spielen"

7.10.2020 12:33 Uhr

Heute empfängt die deutsche Nationalmannschaft die Türkei in Köln zu einem Freundschaftsspiel. Der Nationalspieler Julian Draxler, der bei Paris Saint-Germain unter Vertrag steht, hat vor dem Spiel Hürriyet ein Exklusiv-Interview mit Bezug zur Türkei gegeben. Er erzählt über seine Beziehungen zur türkischen Kultur und was sie für ihn bedeutet und über seine Freundschaften. Das Interview führte Celal Özcan, Leiter des Hauptstadtbüros der türkischen Hürriyet in Berlin.

Der Einstieg ins Gespräch zwischen Celal Özcan war entspannt und ging leicht von der Hand – sogar auf Türkisch. CÖ: Merhaba nasilsiniz? – JD: Merhaba. – CÖ: Wollen wir auf Türkisch sprechen? – JD: So gut ist mein Türkisch nicht (Draxler lacht). – CÖ: Dann also auf Deutsch.

Wie sind sie dazu gekommen, Türkisch zu sprechen?

Ich weiß nicht, wie Sie informiert sind. Ich kann nur ein bisschen Türkisch, vor allem Schimpfwörter, und 'Hallo, wie geht’s?' oder so. Das kriege ich noch hin. Aber ich bin weit davon entfernt, dass ich Türkisch mit Ihnen reden könnte.

Wie sind Sie mit der türkischen Kultur bekannt geworden?

Ich hatte schon in der Schule viele türkische Freunde. Und im Ruhrgebiet, in Gelsenkirchen, da leben viele türkische Migranten. Da hatte ich großen Kontakt dazu und habe die türkische Kultur immer gern gemocht. Wenn man bei Kollegen zu Hause gegessen hat, ist es schon anders als deutsches Essen. Deswegen hatte ich immer schon ein Faible dafür.

Waren Sie zu den türkischen Freunden eingeladen? Haben Sie auch türkische Familien näher kennenlernen können?

Ja genau, ich hatte gute Freunde, die Türken waren. Da war man öfter mal zum Essen eingeladen, zu Geburtstagen, wenn die Familie zusammenkam. Da wurde dann fleißig gekocht. Ich habe mitgegessen und habe mich da immer sehr wohl gefühlt.

Was haben Sie da gerne gegessen?

Von Lahmacun bis Teigtaschen, alles Mögliche, Börek. Also wirklich alles Standardmäßige, was es beim Geburtstag so gibt. Und dann der Nachtisch, immer schön süss. Cay dabei.

Sie haben auch türkische Kollegen im Fußballklub gehabt. Mit Kaan Ayhan haben Sie bei Schalke zusammengespielt. In Gelsenkirchen sind so viele bekannte türkische Fußballer, die Altintop-Brüder, Mesut Özil. Woran liegt es - liegt es an der Luft oder am Wasser in Gelsenkirchen?

Ist eine gute Frage. Es liegt natürlich daran, dass in Gelsenkirchen der Fußball eine große Rolle spielt, jeder kleiner Junge hat den Traum, Fußballer zu werden. Das fängt schon auf den Straßen an, wenn man rausgeht, dann spielt man nicht nur mit Deutschen getrennt, sondern da sind auch viele Kinder oder Jugendliche mit Migrationshintergrund dabei. Und vor allem Türken. Da kommt man ständig in Kontakt. Der Fußball spielt da schon eine große Rolle. Dass türkische Spieler dann für die Nationalmannschaft gespielt haben, wie zum Beispiel Mesut, der 4 Jahre in der Nationalmannschaft war.

Haben Sie mit denen noch Kontakt?

Mit Mesut habe ich sehr viel Kontakt, wir sind gute Freunde geworden über die Jahre. Kaan Ayhan sehe ich ab und zu mal. Bei meinem Friseur in Essen, wenn wir beide zur gleichen Zeit da sind. Der ist ja jetzt nach Italien gewechselt. Man sieht sich schon ab und zu und hat Kontakt über Instagram.

Dann gehen Sie also zu einem türkischen Friseur?

Der Friseur ist Araber, Libanese. Da gehen relativ viele Fussballer hin. Da läuft man sich schon mal über den Weg.

Sie spielen ja auch in der deutschen Nationalmannschaft, mit Ilkay Gündogan und Emre Can. Wie verstehen Sie sich mit ihnen. Sprechen Sie mit ihnen manchmal Türkisch?

Aus Spaß ab und zu mal. Aber keine tiefgründigen Gespräche. Weil ich so ein typisch deutscher Junge bin, das hört sich dann ganz lustig an, wenn ich irgendwelche türkischen Wörter auspacke. Ich komme mit beiden eigentlich gut klar. Und mit Emre Can habe ich damals den ConFed-Cup gewonnen und war auch schon mit ihm zusammen in Urlaub. Das ist auch einer meiner sehr guten Freunde.

Mit Mesut Özil haben Sie einen sehr guten Kontakt, haben Sie gesagt. Haben Sie damals verstehen können, dass er das Nationalteam verlassen hat?

Das war ja damals vor der Weltmeisterschaft eine schwierige Situation. Da hat sich dann irgendwann die Politik eingemischt. Und jeder hat was dazu gesagt. Da verstehe ich auch, als Deutscher seine Meinung dazu zu haben. Ja, leider spielt aufgrund dieser Situation Mesut nicht mehr für Deutschland, das ist sehr schade, weil er wirklich ein hervorragender Fußballer ist.

Haben Sie auch die Brüder Altintop kennengelernt?

Die kenne ich beide persönlich nicht. Aber dadurch, dass sie ihre Karriere bei Schalke angefangen haben, kenne ich sie natürlich von klein auf, als ich als Junge im Stadion zugeschaut habe, da haben die beiden ja schon da gespielt. Von daher habe ich ihre Karriere auch verfolgt, aber kennengelernt habe ich die beiden nicht.

Welche Erfahrung haben Sie mit der türkischen Umgebung gemacht?

Eigentlich nur positive, muss ich ganz ehrlich sagen, herzliche. Auch wenn man zum Beispiel mit Lukas Podolski oder Mario Gomez spricht, in der Türkei zu spielen, davon erzählen sie nur Gutes, dass die Menschen unheimlich nett sind, freundlich, dass man das Gefühl hat, dass man willkommen ist, das kenne ich auch so aus Deutschland.

Ich war zwar auch schon mal in der Türkei, nur zum Fußballspielen, bei Auswärtsspielen und bei uns in Deutschland ist es eigentlich genauso. Wenn man in die Familie kommt, wird man immer sehr herzlich aufgenommen. Man kriegt Essen und Trinken angeboten, auch wenn man gar keinen Hunger mitgebracht und keinen Durst hat. Aber aus reiner Höflichkeit nimmt man dann doch immer was. Ich komme mit der Mentalität sehr gut klar.

Einer meiner besten Freunde ist Türke, der kommt mich regelmäßig besuchen. Und wenn ich zu Hause bin, gehen wir dahin, wo wir immer unterwegs gewesen waren. Dann gehen wir mal Döner essen. In einer Bar was trinken. Das ist kein Fußballer, sondern ein ganz normaler Junge von nebenan.

Freuen Sie sich auf die Begegnung mit der Türkei?

Ja, ich freue mich sehr darauf. Und ich hoffe natürlich auch, dass Zuschauer erlaubt sind. Wegen der ganzen Corona-Situation weiß man das nicht so ganz genau. Aber gerade bei uns, ich bin ja in Köln, gibt es auch viele türkische Fans. Ich finde es immer schön, wenn man deutsche und türkische Fans friedlich im Stadion hat und sie sich das Fußballspiel angucken können und die beiden Kulturen ein bisschen aufeinandertreffen.

Was erwarten Sie von diesem Spiel?

Es ist ja ein Testspiel, da geht es nicht um Punkte. Aber ich glaube, dass beide Mannschaften alles versuchen werden, um zu gewinnen, auch ohne, dass es um Punkte geht. Es ist ein Länderspiel, und das ist immer schön, und von daher freue ich mich sehr darauf.

Zum wievielten Mal werden Sie jetzt gegen die Türkei spielen? Zum ersten Mal oder haben Sie schon mal gespielt?

Das wird mein erstes Spiel gegen die Türkei. Ich habe noch nie gegen die Türkei gespielt, ich musste selbst erst mal überlegen. Ich habe in İstanbul schon mal gespielt, gegen Galatasaray. Aber mit der Nationalmannschaft ist es das erste Mal.

Wird es auch Kollegen geben, die Sie in der türkischen Mannschaft treffen werden?

Richtige Freunde würde ich nicht sagen, aber man kennt sich natürlich auch ein bisschen durch die Bundesliga. Hakan Calhanoglu, Kaan Ayhan, das sind natürlich keine Unbekannten. Da wird man sicher auch mal das eine oder andere Wort wechseln, nach dem Spiel oder vor dem Spiel.

Warum ist die Begegnung mit der Türkei vor dem Spiel gegen die Ukraine wichtig?

Das ist für uns ein sehr guter Test für die Nationalmannschaft, weil wir ja auch wegen Corona nicht viele Spiele hatten. Und für uns als Mannschaft ist es wichtig, da wieder in einen Rhythmus zu kommen. Ich hoffe, dass möglichst alle Spieler fit sind und dabei sind. Deswegen ist es für uns ein wichtiger Test, um uns auf das Turnier im nächsten Jahr vorzubereiten, die Europameisterschaft.

Trainer Löw hat Ihnen dringend zum Wechsel in einen anderen Klub geraten, können Sie sich vorstellen, auch in der Türkei zu spielen?

Früher oder später kann ich mir das schon vorstellen, einfach auch weil ich die Mentalität sehr mag, weil ich viele Kumpels habe, die Fans sind von den drei türkischen Clubs. Ich halte mir das als Option natürlich immer offen. Ob das jetzt der Zeitpunkt ist, weiß man natürlich nicht. Aber auf lange Sicht glaube ich, dass man, wenn man über einen Klub in İstanbul redet, dann könnte das eine schöne Lebenserfahrung sein. Von daher würde ich das nicht ausschließen. Mal eine Zeitlang in İstanbul zu leben: sehr, sehr gerne.

(Hürriyet.de)

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