Celal Özcan

Jugendbrücke: Wir brauchen mehr deutsch-türkische Begegnungen

16.11.2018 14:49 Uhr

Von unserem Berlin-Korrespondenten Celal Özcan

In Deutschland leben über 3 Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund. Zwischen Deutschland und der Türkei gibt es aktive Begegnungen und Austausch. Einer der Initiatoren, die diese Begegnungen organisieren, ist die Deutsch-Türkische Jugendbrücke, die die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei auf gesellschaftlicher Ebene stärken möchte. Am nachhaltigsten ist ein solcher Austausch, wenn junge Menschen aus beiden Ländern miteinander ins Gespräch kommen. Der Geschäftsführer der deutsch-türkischen Jugendbrücke ist Jan Taşçı (33), Sohn eines Vaters aus der Türkei und einer Mutter aus Deutschland. Er ist eines von vielen Beispielen dafür, wie eng die deutsch-türkische Gesellschaft miteinander verflochten ist.

Jan Taşçı beantwortete unsere Fragen zur deutsch-türkischen Jugendbrücke und ihren Aktivitäten.

Das Gespräch führte unser Berliner Korrespondent Celal Özcan

Herr Taşçı, was ist die Deutsch-Türkische Jugendbrücke und wie finanziert sie sich?

Wir sind eine NGO, also zivilgesellschaftliche Organisation. Wir sind verfasst als gemeinnützige GmbH und agieren damit komplett im Bereich der Gemeinnützigkeit. Angestoßen wurde unsere Initiative von einer großen privaten Stiftung in Deutschland, der Stiftung Mercator mit Sitz in Essen. Die Stiftung Mercator engagiert sich schon seit über 10 Jahren intensiv für deutsch-türkische und europäisch-türkische Beziehungen. Sie hat den Startschuss und die Grundfinanzierung der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke gegeben. In unserer Arbeit werden wir von vielen unterschiedlichen Akteuren unterstützt. Die Deutsch-Türkische Jugendbrücke hat einen Beirat, in dem uns Vertreter der deutschen und türkischen Seite aus staatlichen Stellen, aber auch Vertreter der Zivilgesellschaft, aus dem Bereich Medien und Kultur unterstützen. Wir sind eine zivilgesellschaftliche Initiative mit – unter anderem – staatlicher Unterstützung.

Seit wann gibt es die Jugendbrücke?

Operativ tätig sind wir seit Sommer 2014. Wir sind eine junge Initiative, die aber seit 2014 viel geschafft hat. Wir stellen Fördermittel zur Verfügung für Akteure im deutsch-türkischen Schüler- und Jugendaustausch. Es gibt eine ganze Reihe von Programmen, die wir umsetzen oder fördern. Wir haben seit Beginn unserer Tätigkeit im Sommer 2014 ca. 6.500 Teilnehmende an unseren Programmen gehabt: sowohl Jugendliche und Fachkräfte aus Deutschland und der Türkei, die wir im Austausch zusammengebracht haben.

Der Geschäftsführer der Deutsch-türkischen Jugendbrücke Jan Taşçı (33). (Bild: Celal Özcan)

Die Türkei und Deutschland sind so eng miteinander verbunden, wie nur wenige andere Länder dieser Welt.

Begegnung, Austausch zwischen der Türkei und Deutschland hat ja eine lange Tradition. Wie ist das Interesse an diesem Bildungsaustausch von beiden Seiten?

Die Türkei und Deutschland sind so eng miteinander verbunden, wie nur wenige andere Länder dieser Welt. Wie besonders die deutsch-türkischen Beziehungen sind, zeigt sich in unserer traditionell engen Kooperation, aber auch in Zeiten, in denen unser Verhältnis auf die Probe gestellt wird. Die deutsch-türkischen Beziehungen sind in den letzten Jahren nicht ganz spannungsfrei. Eines muss ich betonen: wir sind kein politischer Akteur. Wir sind diejenigen, die sagen, die Gesellschaften müssen in einen Austausch miteinander treten. Die Staaten erleben vielleicht auch mal eine schwierigere Zeit in ihren Beziehungen. Das ist aber kein Grund zu sagen, wir hören jetzt auf mit unserer Arbeit oder wir machen weniger. Die meisten, mit denen wir zu tun haben, halten diese Art von gesellschaftlicher Beziehung zwischen unseren Ländern für wichtig, besonders dann, wenn es auf staatlicher Seite mal ein bisschen schwieriger wird. Es gibt aber auch einige, die sich unsicher fühlen, einen Austausch zu planen. Die Nachfrage nach unseren Angeboten aber ist nach wie vor vorhanden. Wir haben aus der Türkei eine sehr hohe Nachfrage. In Deutschland ist die Nachfrage nach Austausch- und Begegnungsangeboten mit der Türkei traditionell vorhanden, aber sie ist immer etwas geringer gewesen als auf türkischer Seite. Aber für alle Aktivitäten, die wir durchführen, haben wir mehr Bewerbungen, als wir fördern können.

Welche Art von Jugendlichen interessieren sich für so ein Austauschprogramm? Sind es wiederum türkischstämmige oder eher deutsche Jugendlichen?

Wir sehen sowohl ein Interesse von türkischstämmigen Schülerinnen und Schülern in Deutschland, als auch von nicht-türkischstämmigen. Traditionell in Deutschland, aber auch in der Türkei sind im Austausch Schüler des Gymnasiums überrepräsentiert. Es ist uns ein Anliegen, dazu beizutragen, dass diese Art von Schüleraustausch und Schulpartnerschaften nicht ausschließlich zwischen Gymnasien stattfinden. Wir unterstützen auch besonders gerne andere Schulformen, weshalb wir z.B. auch mit Berufsschulen, Gesamtschulen und Hauptschulen zusammenarbeiten.

Junge Menschen fit machen für die digitale Welt

Was sind die Projekte, die Sie fördern oder selbst umsetzen?

Wir fördern im Jahr ungefähr 40 bis 45 Projekte. Es ist eine große Themenvielfalt vorhanden. Die Themenfelder, in denen die Jugendbrücke aktiv ist, ist der Bereich Kulturelle Bildung, Sport, Berufsbildung, MINT und Digitalisierung. Was wir beispielsweise unterstützt und zum Teil auch selbst umgesetzt haben, sind Projekte, in denen junge Menschen, die in Deutschland und der Türkei in Sportvereinen aktiv sind, zusammenkommen, um gemeinsam Sport zu treiben und sich über gemeinsame Interessen besser kennenzulernen. Oder wir setzen ein Projekt um, in dem sich Jugendliche aus Deutschland und der Türkei gemeinsam zusammenfinden, um Spiele zu entwickeln für ein Zusammenkommen mit jungen Menschen mit Fluchterfahrung, von denen es sowohl in Deutschland als auch in der Türkei viele gibt. Uns beschäftigt auch die Frage, welche Möglichkeiten beispielsweise die Digitalisierung auch im Austausch und Dialog junger Menschen bietet, um eine neue Dimension zu schaffen oder diesen Austausch zu verstärken. Dieses Jahr haben wir einen Hackathon unterstützt, das ist inzwischen ein gängiges Format, wo Menschen sich im Bereich Informationstechnologie mit jungen Menschen zusammengetan haben, um gemeinsam Möglichkeiten zu entwickeln zur Frage, welches Potential eigentlich die Digitalisierung bietet, damit junge Menschen näher und besser miteinander kommunizieren. Wie machen wir junge Menschen fit, in einer digitalisierten Welt an der Gesellschaft teilzuhaben. Dafür fördern wir auch Projekte.

Wie lange dauert ein Austauschprogramm und aus wie viel Teilnehmern besteht die Gruppe?

Wir geben keine Gruppengrößen vor. Wir müssen den Partnern immer die Möglichkeit geben, die Programme entsprechend anzupassen. Man kann grob sagen, dass ein Austausch in der Regel aus 20 bis 30 jungen Menschen besteht. Projektlaufzeiten sind auch immer unterschiedlich. Das sind teilweise Zusammenkünfte, die 2-3 Tage dauern, aber auch eine ganze Woche oder auch mal 2 Wochen. Es sind immer mehrtägige Begegnungen von mindestens 20-30 jungen Menschen. Wir fördern aber auch diejenigen, die diesen Austausch überhaupt erst möglich machen. Das können Lehrer an Schulen sein, die Schulpartnerschaften pflegen. Das können Leute sein, die in Vereinen und Verbänden arbeiten. Wir haben auch Angebote zur Weiterbildung der Multiplikatoren und zur gemeinsamen Entwicklung neuer Ideen.

Wo finden diese Austausche statt? In Großstädten oder auch in kleineren Orten?

Das ist eine spannende Frage, mit der wir uns auch intensiv beschäftigen. Natürlich sind Großstädte in der Türkei – Istanbul, Ankara, Izmir – einfach sehr gut vernetzt. Deshalb findet auch ein beträchtlicher Anteil dessen, was wir machen, in diesen Städten statt. Uns ist aber auch wichtig, dass wir über diese großen Zentren hinaus auch Austausch fördern. Wir haben Programme in Tekirdağ, Ürgüp, Eskişehir, aber auch in kleineren Orten. Auch auf deutscher Seite ist es wichtig, wo sie stattfinden. Wir haben Partnerschaften in Berlin, Hamburg, Köln, München, Stuttgart, Görlitz, Rostock z.B., aber auch in kleinen Orten im Saarland und im ländlichen Bayern.

Unterbringung in den Familien vor Ort

Wo werden die Schülerinnen und Schülern bei diesem Austausch untergebracht?

Das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Die stärkste Wirkung hat die Unterbringung von jungen Menschen in Familien vor Ort. Es ist immer am interessantesten und schönsten nach unserer Erfahrung, wenn sie bei Familien untergebracht werden. Das ist nicht immer möglich. Wenn es nicht möglich ist, sind sie meistens in Jugendherbergen, Jugendzentren untergebracht.

Wie können sich interessierte Jugendliche für diese Projekte bewerben?

Man erreicht die Deutsch-Türkische Jugendbrücke über ihre Webseite jugendbruecke.de oder auf türkischer Seite genclikkoprusu.org. Wir sind auf Facebook sehr aktiv. Dort kann man nicht nur sehen, was wir alles unterstützen und welche interessanten Projekte wir umsetzen, sondern es ist auch ein Kanal, über den mit uns in Kontakt getreten werden kann. Wir sind auch auf Instagram aktiv. Das heißt, auch auf Instagram kann man uns erreichen. Auf unserer Webseite findet man auch unsere Kontaktdetails. Wir sprechen Deutsch und Türkisch. Wir sind in der Türkei und in Deutschland ansprechbar. Wir sind mit einem Büro in Düsseldorf präsent. Wir haben in der Türkei auch ein Programmbüro, wo Kolleginnen von uns sitzen, die man ansprechen kann.

Welche Kriterien muss man als Bewerber erfüllen, um an solchen Projekten teilzunehmen?

Es gibt für unterschiedliche Programme unterschiedliche Kriterien, die erfüllt werden müssen. Das Hauptkriterium ist, dass ein junger Mensch interessiert und aufgeschlossen ist, mit Gleichaltrigen aus dem jeweils anderen Land in den Dialog zu kommen. In vielen unserer Programme gibt es keine Voraussetzung für Sprachkenntnisse in Deutsch oder Türkisch. Meistens probieren Schülerinnen und Schüler auch gerne mal ihr Englisch aus oder wenn sie Deutsch oder Türkisch lernen, ihr Deutsch oder Türkisch.

Mehr an Förderung steht für ein Mehr an Begegnung

Wie zufrieden sind Sie mit der Förderung solcher Projekte? Können Sie sagen, dass Sie genügend finanzielle Unterstützung bekommen, um die beiden Gesellschaften einander näher zu bringen?

Wir haben mehr Nachfrage, als wir fördern können. Mehr Förderung würde zu mehr Begegnung, zu mehr Mobilität führen. Das würde zu noch besseren und intensiveren Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei beitragen. Wir brauchen mehr Mittel, um mehr zu machen.

Wie groß sind Ihre Mittel?

Die Deutsch-Türkische Jugendbrücke erhält von vielen unterschiedlichen Partnern finanzielle Unterstützung; dazu zählen staatliche sowie nicht-staatliche Förderer. Die Stiftung Mercator stellt bis 2022 rund 6,9 Millionen Euro für den Ausbau der Jugendbrücke bereit und ist damit derzeit unser größter Förderer. Aber auch die Förderung des Auswärtigen Amts mit jährlich 600.000 Euro ist eine wichtige Säule unserer Arbeit. Daneben fördern uns eine Reihe weiterer Partner aus Deutschland und der Türkei. Dass wir in den vergangenen Jahren verlässlich Raum für Begegnung und Austausch geschaffen haben, verdanken wir natürlich unseren Förderern und Unterstützern, aber auch den vielen individuellen Brückenbauern und Brückenbauerinnen, die sich mit viel Engagement und oft ehrenamtlich für unser gemeinsames Anliegen einsetzen.