Netflix

Jordanische Serie lässt Moralwächter rotieren

21.6.2019 11:04 Uhr

Die erste echte arabische Serie bei Netflix sollte eigentlich das Land Jordanien mit Stolz erfüllen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ein Kuss, der zwischen den Protagonisten ausgetauscht wurde, lässt die Moral- und Sittenwächter schäumen und die Serie als "pornographisch" labeln. Regierungsmitglieder versprechen, dass die Serie zensiert wird. Irgendwie hat die dortige Regierung allem Anschein nach Serien wie "True Blood" oder "Black Sails" ziemlich verpasst.

Auf einer Highschool-Reise in die alte jordanische Stadt Petra schleicht sich eine Gruppe von Teenagern nachts hinaus, um Bier zu trinken, Gras zu rauchen und um ein Lagerfeuer zu tanzen. Ein Mädchen bittet ihren angeturnten Freund, es doch langsam angehen zu lassen. Für den normalen Standard bei Netflix klingt das, was bei der jordanischen Serie "Jinn" zu sehen und hören ist, alles eher mehr als harmlos und geht so gar nicht an die Grenzen dessen, was andere Serien beim Streaming-Anbieter auffahren können. Aber als die Show letzte Woche debütierte, waren viele Jordanier schockiert und entsetzt über ein Programm, das als ein Meilenstein des cinematographischen Nationalstolzes hochstilisiert worden war.

Die Reaktionen, die aus der Bevölkerung kamen, haben Jordaniens Selbstverständnis als Bastion der Toleranz in einer turbulenten Region bis in die Grundfesten erschüttert. Sie machen die tiefe kulturelle Kluft zwischen dem liberalen Ruf der mit dem Westen alliierten herrschenden Elite und der konservativen Öffentlichkeit des Landes schonungslos transparent. Viele Menschen halten es für verboten, wenn sich Paare vor der Heirat küssen, wenn Jugendliche Alkohol trinken oder Marihuana rauchen. Das darf nicht ins TV, sondern das Fernsehen hat gängige Moralvorstellungen abzubilden.

Aus Stolz wurde Zorn über Sittenverfall

Einige Twitter-Nutzer haben die Serie gar als pornografisch eingestuft. Wohl im Unwissen darüber, was Netflix in anderen Bereichen auffährt. Regierungsminister gelobten hochgradig erbost, die Serie zu zensieren. Jordaniens Großmufti prangerte die Serie hochdramatisch als "moralische Erniedrigung" an. Parlamentsmitglieder beriefen eine Dringlichkeitssitzung ein. Der Generalstaatsanwalt forderte die Cyber-Crime-Einheit auf, "unverzüglich die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen", um die Serie von Netflix zu nehmen. Ja, es geht immer noch um eine TV-Serie und keinen versuchten Staatsstreich in Jordanien.

Der auf fünf Folgen ausgerichtete Serien-Thriller dreht sich um eine Privatschule in der Hauptstadt von Amman, eine Blase des Liberalismus und der Privilegien im Land. Schulbusse bringen die Jugendlichen in eine weite Wüste, die von uralten Dämonen heimgesucht wird, die seltsame und schreckliche Dinge passieren lassen. Vor der Veröffentlichung platzte das arabische Internet förmlich vor Stolz über die erste Netflix-Serie aus dem Nahen Osten. Die vom libanesischen Filmemacher Mir-Jean Bou Chaaya inszenierte und von Elan und Rajeev Dassani produzierte Serie mit einer rein jordanischen Besetzung und Kulisse sollte die arabische Jugend außerhalb von Hollywood-Stereotypen porträtieren und einen lang erwarteten Blickwinkel auf das Entstehen der TV-Industrie Jordaniens ermöglichen.

Backlash aus der eher konservativen Zuschauerschaft

Unterhaltungsblogger lobten die Serie "Jinn" im Vorfeld als Gegenmittel zu den düsteren Nachrichten aus der volatilen Region. Jordanien rollte förmlich den roten Teppich für die Serienpremiere auf einem von Paparazzi bevölkerten Highclass-Golfplatz in Amman aus. Die Show erschien im Einklang mit dem liberalen, toleranten Image, das der westlich gebildete König Abdullah II. und seine glamouröse Frau Queen Rania für Jordanien auslobten - trotz der weit verbreiteten Armut des Landes, der Stammesgesellschaft und der oftmals autoritären Gesetzgebung.

Doch dann kam alles ganz anders. Die Beschwerden aus der Zuschauerschaft waren vielfältig. Zunächst einmal fluchen die Schauspieler und tun das in jordanischem Dialekt. "Dies wird Teenager ermutigen, mit ihren Familien auf der Straße unanständige Sprache zu sprechen", sagte die 31-jährige Laith al-Tantawi aus Amman. Das ganze Happening fand in der historischen Stätte von Petra statt, dem touristischen Hotspot des Landes des Landes. Doch war das der Kernaufreger? Nein. Was die Zuschauer am meisten zu stören schien, war ein Kuss. Man mag es kaum glauben, aber es ist so.

Verantwortlichkeiten werden amüsant delegiert

"Ich werde niemals zulassen, dass meine Kinder das sehen. Das ist unmöglich", sagte Khetam al-Kiswani, 42 Jahre alt und Mutter aus Amman. "Es widerspricht unserer Moral, Gesellschaft und Religion, es widerspricht allem." Hattar, ein Medienanalyst, sagte, dass – während weitaus offenherzigere amerikanische TV-Shows die Bildschirme des Landes überschwemmen - er jedoch nie zuvor gesehen habe, wie sich jordanische Schauspieler im Fernsehen küssten. "Ein Großteil des Landes lebt in Lagern und ländlichen Gebieten und folgt den Anweisungen der patriarchalischen Gesellschaft. Sie dulden solche öffentlichen Vorführungen nicht, auch wenn diese Dinge privat geschehen", sagte er.

Die jordanische Royal Film Commission, die den "Jinn"-Produzenten die Drehgenehmigung erteilt hatte, nahm sich aus der Verantwortung und meldete in einer Erklärung, dass sie "den Inhalt eines Films oder einer Serie weder prüft noch billigt oder ermutigt". Sie versuchte, die Kontroverse als Ergebnis "unterschiedlicher Meinungen, die die Vielfalt der jordanischen Gesellschaft darstellen", in normale Bahnen zu lenken. Das Tourismusministerium, das die Show im Vorfeld als Werbung für Petra begrüßt hatte, versuchte ebenfalls, Nebenschauplätze zu eröffnen und labelte die "unanständigen Szenen" als "Widerspruch zwischen nationalen Prinzipien ... und islamischen Werten".

Jordaniens lange Tradition der Selbstzensur auf dem Netflix-Prüfstand

Doch die Serie erfuhr natürlich nicht nur Schelte. So stiegen dann auch die weltoffenen Verteidiger von "Jinn" gut gewappnet in den Online-Kampf ein. In einem Kommentar schrieb der Journalist Daoud Kuttab, dass es lächerlich wäre zu sagen, die Serie würde "die Gesellschaft korrumpieren", wenn nicht einmal ein Prozent aller Jordanier überhaupt Netflix abonniert hätte. Die jordanische Fernsehkritikerin Maia Malas schrieb, dass die unbekümmerte Erforschung der jungen Liebe in der Serie Jordaniens langjährige Tradition der Selbstzensur herausfordert. Die Serie wird die Sittenwächter und die Weltoffenen in Jordanien sicherlich noch einige Zeit beschäftigen. Und der Rest der Welt schaut zu – mit Popcorn.

Netflix selbst sieht die ganze Sache naturgemäß sehr entspannt. Als Antwort sagte Netflix, dass die Serie "versucht, die Probleme darzustellen, mit denen junge Araber konfrontiert sind, wenn sie erwachsen werden - einschließlich Liebe, Mobbing und mehr. Wir verstehen, dass einige Zuschauer es als provokativ empfinden, aber wir glauben, dass es bei Teenagern im Nahen Osten und auf der ganzen Welt Anklang finden wird." Dabei wird "Jinn" nur der Beginn sein. Das zweite nahöstliches Original, die "Al-Rawabi-Schule für Mädchen", die noch in diesem Jahr herauskommen wird, spielt in einer ganz anderen Liga und da darf man gespannt sein, was sie an Aufsehen erzeugt. Die jordanische Regisseurin Tima Shomali sagt, die Serie mit dem Schwerpunkt auf den Schwierigkeiten junger arabischer Frauen bemühe sich, kulturelle Grenzen zu überschreiten und Gespräche in ihrem Land zu entfachen. Das klingt dann nach richtig Feuer unter dem Dach. Es wird wohl ein spannendes nahöstliches Netflix-2019.

(Hürriyet.de)

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