epa/Kimimasa Mayama

Japans langer Weg zur Re-Militarisierung

25.6.2019 21:59 Uhr, von Andreas Neubrand

In einer privaten Konversation hat sich US-Präsident Donald Trump negativ über die amerikanische Sicherheitsgarantie für Japan geäußert. Dabei bemängelte er die Einseitigkeit des Vertrages, da der Vertrag, im Falle eines Angriffs auf Japan, amerikanische Unterstützung zusichere, nicht aber im umgekehrten Falle, so die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Dies wäre nicht der erste Tiefpunkt in der wechselseitigen Geschichte beider Länder - beginnend mit der Landung der sogenannten Schwarzen Schiffe unter dem Kommando von Commodore Matthew Perry im Jahr 1853. Damit sollte die Öffnung japanischer Häfen (bzw. Märkte) für amerikanische Güter erzwungen werden. Perrys "Gunboat-Diplomacy" war ein Erfolg für die USA und mündete in dem "Vertrag von Frieden und Freundschaft".

Es folgten kleinere Gebietsabtretungen als Folge des Ersten Weltkrieges und dem Washington Navy Treaty von 1922. Doch dann läutete das Ende des Zweiten Weltkrieges eine Zäsur ein. Nach den beiden Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki kapitulierte Japan und legte die Waffen nieder. Aus dem Land wurde eine pazifistische Nation, deren Friedfertigkeit auf zwei Säulen ruht: Artikel 9 der japanischen Verfassung und die Yoshida-Doktrin.

Artikel 9 besagt, dass das Land eine reine Verteidigungsarmee unterhält und keinerlei Angriffskriege führen darf. Die Yoshida-Doktrin setzte zunächst auf Ablehnung auf Wiederbewaffnung. Dafür sollen die USA für Schutz sorgen und das Land sich auf seine wirtschaftlichen Fähigkeiten konzentrieren. Im Gegenzug diente Japan als Militärstützpunkt für die USA gegen die UdSSR und als leuchtendes Vorbild für Kapitalismus und Demokratie. Diese Doktrin wurde Grundlage für den Sicherheitsvertrag von 1951.

Koreakrieg Segen für Tokio

Hilfreich für Japan war dabei der Ausbruch des Korea-Krieges 1950, wobei Japan als militärischer Stützpunkt für die Truppen von General Douglas McArthur diente, so David Halberstam in seinem Buch "The Coldest Winter: America and the Korean War".

Japans Wirtschaft wuchs, nicht zuletzt dank dem Zugang zum amerikanischen Markt. Der erste Testfall des trans-pazifischen Bündnisses kam 1973, während des arabischen Ölembargos. Japans Autos waren sparsamer, während amerikanische Autobauer sich großen ökonomischen Herausforderungen stellen mussten. Plötzlich waren nicht nur Autos, sondern nahezu alle Elektrogeräte "Made in Japan" und in den USA ging die Angst um, dass Japan die USA "übernehmen oder aufkaufen" würde. Das Resultat: Die Japanophobie der 1980er Jahre. Parallel dazu führte dies zu einem Überlegenheitsgefühl der Japaner, vor allem gegenüber den Amerikanern. Eine der Auswüchse dieser "Überlegenheit" war das Buch "The Japan That Can Say No. Why Japan Will Be First Amount Equals" von Shintaro Ishihara.

Die verlorenen Dekaden

Und der Titel hatte Recht: Japan sagt Nein. Und zwar zu nachhaltigem ökonomischen Wachstum. Ab den 1990er Jahren folgte schnell die Entzauberung des japanischen Wirtschaftswunders und das Land rutschte in eine zwanzigjährige Stagnation - beziehungsweise in eine Mischung aus minimalistischem Wachstum, gefolgt von einer Rezession. Diese zwanzig Jahre sind auch bekannt als die beiden verlorenen Dekaden.

Doch Japan ist immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Und der gegenwärtige Ministerpräsident Shinzo Abe macht keinen Hehl daraus, dass er lieber heute als morgen Japan zur alten militärischen Größe aufbauen würde. Für ihn könnte die Kritik Donald Trumps eine günstige Gelegenheit bieten.

Auf dem Festland lässt China immer mehr die Muskeln spielen und macht mehr als deutlich, dass es sich um maritime Grenzen wenig kümmert. Japan selbst ist eine rohstoffarme Inselnation, die – um wirtschaftlich zu überleben – buchstäblich alle Rohstoffe importieren muss. Dies bedeutet, die Seewege müssen 24/7 für japanische Schiffe offen sein. Wenn die US-Marine nicht (mehr) bereit ist dies zu garantieren, muss Japan den Schutz in die eigenen Hände nehmen.

Dies würde eine enorme Re-Militarisierung Japans zufolge haben - mit der letztendlichen Konsequenz, dass der Artikel 9 aus der Verfassung verschwindet. Hardliner in Tokio sollen sogar schon über Atomwaffen nachgedacht haben.

Doch noch ist es längst nicht so weit. Momentan waren es private Gespräche hinter verschlossenen Türen und bisher hat nicht einmal Donald Trump an der Sicherheitsarchitektur gerüttelt. Er hat lediglich angemerkt, dass Sicherheit einen Preis hat. Die Frage ist nur, wer muss ihn am Ende zahlen.

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