imago images / teutopress

Ist "Big Brother" tot?

25.2.2020 19:15 Uhr

Ende der 1990er Jahre hatte John de Mol eine Idee, die sich für ihn als Gelddruckmaschine herausstellen sollte: Big Brother. Ein TV-Format, bei dem sich normale Menschen für einen bestimmten Zeitraum in einem "Container" einschließen und von Kameras begleiten lassen. In den Niederlanden startete "der große Bruder" 1999 und im Jahr 2000 fiel auch in Deutschland der Startschuss. Nun, nach 13 Staffeln und einigen längeren Pausen, scheint klar zu werden, dass das Konzept so nicht mehr funktioniert. Die Quoten sacken in den Keller, ein Reload musste wie in Staffel neun her und das bereits nach zwei Wochen. Schauen wir zurück, über den großen Teich und auch nach vorne. Ist "der große Bruder" noch zu retten?

Ab dem 28. Februar bis zum 9. Juni 2000 versammelten sich die Fans des Trash-TV Abend für Abend vor den TV-Geräten. "Big Brother" lief. Man wollte nicht verpassen, was hatten Zlatko Trpkovski, Jürgen Milski, Alex Jolig, John Milz, Sabrina Lange, Andrea Singh und Co unter Tage an Weis- oder Dummheiten abgelassen. BB bestimmte häufig den Tagesrhythmus. Welche Dramen gab es zu bestaunen? Was machen die Hühner im Stall? "Big Brother" war neu, revolutionär, verrucht und befriedigte das voyeuristische Verlangen bei einem Millionenpublikum. Der Sender – damals noch RTL2 – machte mit einem überschaubaren Einsatz maximalen Gewinn, denn das Format war hot und angesagt. Und weil es so gut lief, schob man schon im September 2000 die zweite Staffel nach. 70.000 Bewerber wollten teilnehmen, denn man hatte gesehen, auch als Normalbürger konnte man sich in den Olymp der Promis darstellen.

RTL2 und Endemol wollten das Format ausreizen

Und auch die zweite Staffel von "Big Brother" lief ordentlich und endete am 30. Dezember 2000. Dann kam die Pause? Nein, denn die Einschaltquoten waren hoch. Darum wurde am 27. Januar 2001, weniger als ein Jahr nach der Erstausstrahlung, die dritte Staffel ins Rennen geschickt. Da merkte man langsam, dass der Lack bröckelt und es gab nach dem Staffelende am 12. Mai 2001 keine vierte Staffel, die unverzüglich zur Geldvermehrung losgetreten wurde. Ein neues Konzept sollte her – The Battle. Das neue Konzept startete mit Staffel vier am 31. März 2003 und sollte am 7. Juli 2003 enden. Die Bewohner sollten nicht nur "abgammeln" und sich zum Sieg "schlafen", sondern sich betätigen. Dabei wurde ein heimlicher Star erschaffen: Matchmaster "Mac", der den Bewohnern die Ansagen auf dem Match-Field machte.

Bildquelle: imago images / Manfred Siebinger

Endemol wollte, nicht zuletzt wegen das anhaltenden Erfolges, das Konzept in Deutschland noch weiter ausreizen – mit Staffel fünf. Drei Bereiche – der Bereich der Armen (Survivor), der Normalbereich und die Reichen – wurden geschaffen. Wechseln konnte man über den Sieg in Matches. Fans von "Big Brother" halten diese Staffel rückblickend für das Highlight des Formates. Matches, die den Bewohnern alles abverlangten, so zum Beispiel ein legendäres Match mit dem Namen "Blut, Schweiß und Tränen" und Kandidaten, die so alle Hemmungen fallen ließen. Kader Loth mit ihrer nahezu legendären Ohnmacht, Tatjana Gsell, Heiko aka Sachsen-Paule, Ali, der nicht glaubte, dass Menschen weltweit laufend Sex hätten, Dr. Horror Carsten, den die Angst vor Chlamydien packte, Frank Fußbroich, damals schon bekannt durch eine WDR-Dokusoap mit seinen Eltern, Franzi, Survivor-Michael und Sieger Sascha Sirtl – die Staffel wurde durch viele besondere Charaktere getragen, die den Zuschauer vom 2. März 2004 bis zum 1. März 2005 über ein Jahr begleiteten. Sie waren Bestandteil des eigenen Haushalts und durch einen 24/7-Livestream auf dem Sky-Vorläufer "Premiere" omnipräsent.Zuschauer und Fans lebten ein Jahr lang "den großen Bruder" - täglich.

"Big Brother unbegrenzt"? - Nein, eher nicht!

Der Erfolg der fünften Staffel hatte den Sender mutig gemacht – zu mutig? Mit dem Ende der fünften Staffel ging unverzüglich am gleichen Tag noch Staffel sechs los: Das Dorf. Laufzeit: Unbegrenzt. Wieder gab es drei Bereiche: Die Chefs oder die Reichen, die Normals oder Assistenten und die Armen, die Hiwis. Das Konzept zu erklären, würde jeden Rahmen sprengen und wurde später im Jahr gekippt. Da stand aber quasi schon fest, auch die sechste Staffel würde nur ein Jahr laufen, denn das Zuschauerinteresse in der werberelevanten Zielgruppe ging verloren. Man war übersättigt. Das zeigte sich auch an den kommenden Staffeln, bei denen in Staffel neun sogar die Karte gezogen werden musste, die aktuell von Sat1 gezogen wird: Big Brother Reloaded. Die Quoten waren schlecht, richtig schlecht und man wollte gegensteuern – mit eher mäßigem Erfolg. Ein Glücksschuss gelang durch einen sehr kontroversen Cast in Staffel zehn. Die Quoten erreichten ansatzweise das Niveau von Staffel fünf, was an den polarisierenden Charakteren wie Iris Klein, der Mutter von Daniela Katzenberger, Klaus Aichholzer, bekannt als "Porno-Klaus", Uwe Schüder, heute ein Star auf YouTube und bekannt als "Flying Uwe", Carolin Wosnitza, damals bekannt als "Sexy Cora", die im Januar 2011 während einer Brustvergrößerungs-OP von 70F auf 70G verstarb und Co lag. Sie alle sorgten außerhalb des Containers für reichlich Hype, an welchen die nachfolgenden Staffeln nie wieder anknüpfen konnten.BB funktioniert nur, wenn der Zuschauer abgeholt wird, er hassen und lieben kann. Er muss mitfiebern oder das Format verpufft.

Bildquelle: imago images / Becker&Bredel

Nun sollte ab dem 10. Februar 2020 auf Sat1 alles besser werden und man wollte an "alte Zeiten" und alte Quoten anknüpfen. Dass dieses Unterfangen zum gnadenlosen Scheitern verurteilt sein würde, stand spätestens ab dem Moment fest, da bekannt wurde, es würde trotz Twitch, Facebook und Co keinen Livestream geben und am Wochenende würden keine TZF-Sendungen ausgestrahlt. Wer als Fan der ersten BB-Stunde gehalten werden will, der muss mit einem Livestream versorgt werden. Mit Matches – gerade Wissensmatches waren stets ein echtes Highlight, wenn sich die Bewohner hemmungslos blamierten – welche die Bewohner an die Grenzen führen. Und mit einer lückenlosen Tageszusammenfassung, die pünktlich zu einer bestimmten Zeit als TZF über den Bildschirm geht. Plus eine knackige Liveshow, in der es Schmankerl zu bestaunen gibt. Wer dann noch als Sender über die Social Media und das Netz die Stimmungen auffängt, Verbessungsvorschläge aufgreift, hätte auch heute noch mit dem Format Erfolg erzielen können – hätte, hätte, Fahrradkette.

Ist BB13 noch zu retten?

Dabei ist das Grundkonzept der 13. Staffel nicht falsch. Zwei Bereiche, Auf- und Abstieg möglich. Das sorgt für Konfliktstoff. Wenn nichts mehr geht, dann hilft auch mal Schlaf-, Nikotin- oder Essensentzug. Für das Auge des Zuschauers ist die Party unabdingbar, wenn schnell die Hemmungen fallen, weil niemand in den Häusern mehr den Alkoholkonsum verträgt. Vielleicht hätte Sat1 auch viel Geld in die Hände nehmen können und das Modell des amerikanischen "Big Brother", das seit 2001 ausgestrahlt wird und via CBS im Jahr 2019 in die 21. Staffel ging, umsetzen können. Der Zuschauer hat keinerlei Einfluss mehr darauf, wer das Haus verlassen muss. Die Bewohner schmieden ihre Allianzen, um nicht rausgevotet zu werden. Sie lügen, betrügen, hintergehen ihre Allianz, nur um im Haus zu bleiben und am Ende gewinnt der, der von den rausgevoteten Bewohnern als würdig angesehen wird. Problem dabei: Das US-Konzept kostet sehr, sehr viel Geld. Jeder Bewohner bekommt ein Wochensalär, es werden in der Staffel Geld- oder Sachpreise (auch mal ein Auto) bei Matches ausgespielt, der Sieger erhält vor Steuern 500.000 US-Dollar, der Zweite 50.000 Dollar und auch der Dritte geht mit 25.000 US-Dollar heim. Natürlich bekommen die Erstplatzierten die 1000 US-Dollar Wochenlohn nicht, denn sie haben ja ihren Siegerpreis. Doch welcher Sender in Deutschland will das Risiko tragen?


Bildquelle:imago images / Horst Galuschka

Was steht nun nach dem Reload zu erwarten? Kann sich "Big Brother" auf Sat1 bei den Quoten erholen? Das ist schwer zu sagen, aber eigentlich nicht unbedingt zu erwarten, wenn nicht noch ein echter Kracher passiert. Man hatte seine "Dirty Secrets", die bereits trotz maximaler Medienaufmachung verpufft sind. Ein Inzest-Skandal, eine Porno-Vergangenheit und trotzdem sehen es die Zuschauer dem Sender nicht nach, dass er auf wesentliche Merkmale des Formates verzichtet: Livestream, tägliche TZF. Nach fünf Jahren Wartepause waren die Erwartungen in der BB-Fangemeinde hoch. Die wurden weitgehend enttäuscht.

Bildquelle: imago images / T-F-Foto

Um die 13. Staffel noch zu einem Erfolg werden zu lassen, muss Sat1 massiv in die Trickkiste greifen, möglicherweise nachcasten. Doch das wird schwer, denn wenn ein Konzept für das Format einmal steht, kann man es als Sendungsverantwortliche so schnell nicht über den Haufen werfen. Vielleicht hätte sich Sat1 vorher die Stimmen und Erwartungen im Netz anschauen sollen und danach die Sendung ausrichten. Es hätte sicherlich viel Ärger über schwache Quoten erspart. Klar ist jedoch auch: Endet dieser Versuch ein "normales BB" zu senden, wird das mit großer Wahrscheinlichkeit der finale Abgesang für das Format "Big Brother mit normalen Bewohnern" in Deutschland sein. Vielleicht muss TV-Deutschland nach 20 Jahren einsehen, dass man – anders als USA und UK – das Format nach anfänglichen Erfolgen nicht mehr an die Zuschauer bringen kann.

(Hürriyet.de)

0 Kommentare

Bitte geben Sie den Aktivierungscode ein, der an Ihre E-Mail-Adresse gesendet wurde.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.