Foto: Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa

Irakischer Islamist machte in Berlin “Jagd” auf Motorradfahrer

19.8.2020 15:30 Uhr

Der mutmaßliche Anschlag auf der Berliner Stadtautobahn war nach Einschätzung der Behörden islamistisch motiviert. "Nach jetzigem Stand der Erkenntnisse gehen wir von einem islamistischen Anschlag aus", sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Mittwoch. Es gibt aber auch "Hinweise auf eine psychische Labilität", wie die Berliner Generalstaatsanwaltschaft und die Polizei gemeinsam mitteilten.

Der Angreifer habe am Dienstagabend mit seinem Auto "quasi Jagd" auf Motorradfahrer gemacht, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Der krasse Ausdruck sei angemessen. Betroffen seien zwei Motorradfahrer und ein Rollerfahrer. Die Motorradfahrer und ein Auto seien gerammt worden, ein weiterer Wagen gestreift worden. Die Kollisionen seien als gezielte Anschläge zu werten. Sechs Menschen wurden verletzt, drei davon schwer. Ein Motorradfahrer habe schwerste Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule erlitten.

Kontakt zu islamistischem Gefährder des IS

Als Täter wurde der 30-jährige Iraker Sarmad A. festgenommen, der laut Staatsanwaltschaft in Deutschland geduldet wird. Er hatte die Crashs am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr an drei Stellen auf der Stadtautobahn am südwestlichen Rand der Innenstadt verursacht. Ob weitere Personen in den Anschlag verwickelt gewesen seien, werde untersucht, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Wir werden jeden Stein umdrehen." Gegen den Iraker werde wegen versuchten Mordes in mehreren Fällen ermittelt, sagte er weiter. Die Zusammenstöße seien absichtlich verursacht worden. "Aufgrund der Umstände gehen wir nicht von einem zufälligen Unfallgeschehen aus."

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Laut Polizei hatte der Verdächtige eine vermeintliche Munitionskiste dabei. Als er gestoppt wurde, habe er angekündigt, in der Kiste befände sich ein "gefährlicher Gegenstand", hatte eine Polizeisprecherin gesagt. Das bewahrheitete sich nicht: Die Kiste enthielt nach Angaben der Polizei lediglich Werkzeug. Sprengstoffspuren seien im Auto nicht gefunden worden. Anhaltspunkte für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sahen Generalstaatsanwaltschaft Berlin und Polizei am Mittwoch nicht. Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Deutsche Presse-Agentur, dass der Iraker zu einem als Gefährder bekannten Islamisten in Kontakt gestanden habe. Beide sollen im vergangenen Jahr vier Monate lang in der gleichen Flüchtlingsunterkunft gewohnt haben.

Der Staatsschutz ist eingeschaltet

Der Berliner "Tagesspiegel" berichtete, der Gefährder werde dem Spektrum der Terrormiliz Islamischer Staat zugeordnet. Die unter anderem für Terrorismus zuständige Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ließ sich über die Entwicklungen in Berlin informieren. "Wir stehen im ständigen engen Austausch mit den ermittelnden Behörden in Berlin", sagte ein Sprecher auf Anfrage. Der 30-Jährige sollte einem Haftrichter vorgeführt werden, der über den Erlass eines Haftbefehls wegen versuchten Mordes entscheiden sollte. Eine Ermittlungsgruppe "Motorrad" wurde gegründet. Der für politisch motivierte Taten zuständige Staatsschutz der Kriminalpolizei ermittelt.

Die Kollisionen des Autofahrers mit anderen Fahrzeugen seien als vorsätzliche Angriffe zu werten, hieß es in der Mitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei. "Es handelt sich nach dem derzeitigen Ermittlungsstand um gezielte Angriffe vor allem auf Motorradfahrer mit zum Teil schwerwiegenden Folgen. Äußerungen des Beschuldigten nach seinen Tathandlungen legen eine religiös-islamistische Motivation nahe."

Hat der Täter die Tat auf Facebook angekündigt?

Innensenator Geisel sagte dazu: "Wenn ein Auto gezielt auf Motorradfahrer auffährt, haben diese keine Chance." Unbeteiligte Menschen seien "aus dem Nichts heraus Opfer einer Straftat geworden". Unter den drei Schwerverletzten sei auch ein Feuerwehrmann, der auf dem Heimweg war. "Die gestrigen Ereignisse zeigen uns sehr schmerzhaft, wie verletzlich unsere freie Gesellschaft ist." Berlin stehe "weiterhin im Fokus des islamistischen Terrorismus". Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) zeigte sich in einer Botschaft auf Twitter schockiert und wünschte den Opfern schnelle Genesung.

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Vor der Tat veröffentlichte der mutmaßliche Fahrer im Internet Hinweise auf die geplante Tat. Auf seiner Facebook-Seite postete der Iraker Fotos des Autos, mit dem er später absichtlich mehrere Fahrzeuge rammte, sowie religiöse Sprüche, in denen auch das Wort "Märtyrer" vorkommt. Auf den Fotos ist das Berliner Kennzeichen des schwarzen Wagens zu erkennen, der Stunden später schwer beschädigt auf der Autobahn stand. Nach Angaben auf seinem Facebook-Profil studierte er mutmaßliche spätere Täter Design. Er postete dort im März 2015 auch ein Foto vom Tag der Abschlussfeier an einer irakischen Kunstakademie.

Autobahn seit Mittag wieder befahrbar

Die deutsche Frauenrechtlerin, Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ates, die in Istanbul geboren wurde türkisch-kurdische Wurzeln hat, sagte auf Twitter, dass sie anstelle des Staatsschutzes nach den Hinweisen des Täters auf Facebook das Umfeld einmal genauer unter die Lupe nehmen würde. Gerade die Segens- und Glückwünsche lassen wohl den Verdacht aufkeimen, dass möglicherweise mehr Leute in die Anschlagspläne des Sarmad A. eingeweiht gewesen sein könnten.

Sein stark beschädigtes Auto stand zuletzt auf der Autobahnausfahrt Alboinstraße in Berlin-Tempelhof in Fahrtrichtung Osten und Neukölln. Dort in der Nähe hatte sich wohl der dritte Crash ereignet. Auf der Fahrbahn lagen einige Trümmer und ein Motorradhelm. Ein Motorrad war quer in die Front des Wagens geklemmt, wie auf Fotos zu sehen war. Offenbar hatte der Fahrer das Motorrad mit großer Gewalt gerammt. Generalstaatsanwältin Margarete Koppers wollte am Mittwochnachmittag den Berliner Rechtsausschuss zu den bisherigen Erkenntnissen informieren. Teile der Autobahn waren am Mittwochmorgen wegen der andauernden Untersuchungen noch gesperrt. Bis zum Mittag wurden die Sperrungen weitgehend aufgehoben.

(ce/dpa)

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