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Internationale Presseschau zur Wahl des CDU-Vorsitzes

8.12.2018 12:20 Uhr

Wenige Parteitage in Deutschland sind vom Ausland so interessiert verfolgt worden, wie der der CDU am Freitag. Hier ein paar Stimmen von unseren ausländischen Kollegen.

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz): "Kramp-Karrenbauer wird sich von Merkel lösen müssen. Ansätze gibt es. Kramp-Karrenbauers Ton unterscheidet sich vor allem in Fragen der inneren Sicherheit. Der Staat müsse stark sein gegen kriminelle Clans und gegen "autonome Chaoten". Doch den Worten werden Vorschläge folgen müssen. Auch Merkel hat vor ihrer Wahl zur Kanzlerin für eine deutsche "Leitkultur" getrommelt. Später hat sie vergessen, was das eigentlich ist."

The Guardian (Großbritannien): "Die Partei stand vor einem Dilemma. Entweder den Kurs von Merkel beibehalten - die entschlossen war, die politische Mitte zu sichern, und die CDU zur Befürworterin der Homoehe, des Mindestlohns und einer Frauenquote in der Politik gewandelt hat - oder weiter nach rechts rücken, um Wähler zurückzuholen, die sie an die AfD verloren hat. Mit Annegret Kramp-Karrenbauer hat die Partei wohl eine sicherere Option gewählt. Nicht zuletzt, weil sie wahrscheinlich eine bessere Beziehung zu Angela Merkel im Kanzleramt haben wird als Friedrich Merz, der als jemand gesehen wird, der einen Groll gegen Merkel hegt. Kramp-Karrenbauers Sieg ist ein Zeichen dafür, dass die Partei auf dem von Merkel eingeschlagenen Weg weitergehen will."

Le Figaro (Frankreich): "Annegret Kramp-Karrenbauer "ist wenig bekannt in Frankreich - außer vielleicht im Osten des Landes, der gute regionale Beziehungen zum Saarland unterhält. (Ihre Wahl ist) eine gute Nachricht für Emmanuel Macron. Falls der Präsident die Proteste der "Gelben Westen" übersteht, kann er darauf hoffen, dass das neue deutsche Duo sich daran machen wird, auf seine europäischen Vorschläge zu antworten. Angela Merkel wird von ihrer Thronfolgerin nicht aufgehalten werden und diese selbst weist eine Neigung zum Deutsch-Französischen auf."

El País (Spanien): "Sie hat einen endlos langen Namen und eine lange politische Karriere hinter sich. Annegret Kramp-Karrenbauer war die Konsens-Kandidatin, die vielleicht nicht alle mit Begeisterung erfüllt, aber mit der viele in der Partei das Gefühl haben, koexistieren zu können. Sie ist konservativ, aber nicht zu sehr. Sie ist der Kontinuität verschrieben, aber nicht gänzlich. Vor allem aber hat sie sich als sehr tatkräftige Politikerin erwiesen, die in der Lage ist, in ihrem kleinen Saarland Wahlen zu gewinnen."

Magyar Idök (Ungarn): "In Zeiten zahlloser innerer und äußerer Bedrohungen (...) ruft Europa nach entschlossenen Führern. Merkel ist das nicht. Sie hat sich von der Masseneinwanderung treiben lassen. Ihre Selfies mit lächelnden Migranten werden in die Geschichtsbücher und in die versteckten Akten der CDU verbannt. (...) Die Ära Merkel ging an diesem Freitag zu Ende. Es wird Neuwahlen in Deutschland geben, bevor Merkel ihr bis 2021 laufendes Regierungsmandat ausfüllen wird. Durch die gesamte (deutsche) Gesellschaft zieht sich der Spalt: Mentalitätsmäßig tun sich Abgründe auf zwischen den westlichen und den östlichen Bundesländern, zwischen der Elite und der Arbeiterklasse, zwischen den Parteien der großen Koalition, doch diese Gespaltenheit zerreißt auch die CDU."

Gazeta Wyborcza (Polen): "Die Mitglieder der CDU haben zum zweiten Mal in der fast 70-jährigen Geschichte der Partei einer Frau ihr Vertrauen ausgesprochen. (...) Die neue Chefin wird den bisherigen Kurs der Partei fortsetzen (...). Kramp-Karrenbauer könnte auf den ersten Blick für eine unscheinbare und farblose Politikerin aus der deutschen Provinz gehalten werden. Doch am Rednerpult sprudelte sie vor Energie und brannte regelrecht vor Eifer, sich an die Arbeit zu machen. Man kann von ihr eher eine Wendung zum Sozialen erwarten. (...) Kramp-Karrenbauers Karriere führt auch vor Augen, wie sich die deutsche Gesellschaft verändert hat. (...) Merkel trat 1990 in eine von Männern dominierte Regierung Kohls, auch um zu zeigen, dass Frauen in Deutschland ebenfalls etwas zu sagen haben. Heute ist das Geschlecht der Person, die an der CDU-Spitze steht, nicht entscheidend. Wichtiger ist, inwieweit Kramp-Karrenbauer von Merkel, die Kanzlerin bleibt, unabhängig sein wird, die Kanzlerin bleibt."

La Repubblica (Italien): "Die CDU hat die Schizophrenie vermieden. Sie hat die Gefahr abgewendet, einen Anti-Merkel-Anführer zu ernennen, während Angela Merkel noch Kanzlerin ist. Und sie hat den Wunsch nach einer geordneten Übergabe verwirklicht. (...) AKK ist ohne Zweifel die gemachte Erbin Merkels und garantiert eine gewisse Kontinuität."

The New York Times (USA): "Sie ist eine gemäßigte Politikerin der Mitte mit einem bescheidenen Führungsstil und trockenem Humor. Sie prahlt nicht. Aber sie hat eine nachweisliche Erfolgsbilanz, unwahrscheinliche Konsense zu erzielen - und Wahlen zu gewinnen.

Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Vorsitzende der mächtigsten politischen Partei Deutschlands und wahrscheinliche zukünftige Kanzlerin, klingt damit sehr nach der aktuellen Kanzlerin. Das ist ihre größte Stärke und ihre größte Schwäche, während sie sich darauf vorbereitet, Kanzlerin Angela Merkel nachzufolgen - einer überragenden Persönlichkeit, in ihrer Partei und ihrem Land gleichermaßen geliebt wie verabscheut. (...)

In einer Zeit, in der Wähler anderswo in Europa und der Welt nach radikalen Veränderungen rufen und sich populistischen - und oft männlichen - Führern verschreiben, die einfache Antworten auf komplexe globale Probleme versprechen, hat sich Deutschlands größte Partei am Freitag für das Gegenteil entschieden: eine Frau, die einer anderen Frau nachfolgt, mit einem differenzierten politischen Programm, das allem voran für Kontinuität und Stabilität steht."

(an/dpa)