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Holocaust-Überlebender Friedländer verwundert über AfD-Applaus

7.2.2019 14:26 Uhr

Der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer war über die Reaktion der AfD auf seine Rede in der Bundestags-Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus überrascht, denn sie applaudierten.

"Die politische Haltung der AfD beim Thema Migration ist für mich unannehmbar", sagte Friedländer in einem Interview der "Neuen Zürcher Zeitung" ("NZZ"/Donnerstag). "Aber ich habe gestaunt: Die Abgeordneten der AfD sind nach meiner Rede nicht sitzen geblieben. Sie haben applaudiert, obwohl ihnen meine Rede insgesamt sicher nicht gefallen konnte."

Friedländer über die NS-Zeit

Der 86-Jährige hatte bei der Gedenkstunde vergangene Woche vor weltweit aufkeimenden autoritären Tendenzen und Fremdenhass gewarnt. Deutschland bezeichnete er dank der langjährigen Wandlung des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg als "eines der starken Bollwerke" gegen die Gefahren des Nationalismus.

"Die NS-Periode war eine Impfung für die Deutschen, aber es brauchte lange, bis sie wirkte", sagte er der "NZZ". "Früher hatte ich Panikattacken, wenn ich nach Deutschland kam", erzählte der israelische Historiker. "Ich habe diese Rede hauptsächlich gehalten, weil ich mich selbst überzeugt habe, dass Deutschland heute ganz anders ist."

"Es sind Neonazis, die mit mir diskutieren möchten"

In dem Interview wurde Friedländer auch darauf angesprochen, man habe beim Lesen seiner Memoiren den Eindruck, dass für ihn in Deutschland überall kleine und große Verletzungen lauerten. "Bis in die späten 1980er Jahre war es tatsächlich so", sagte er. Heute bekomme er manchmal noch Briefe und E-Mails aus Deutschland mit Fragen wie: "Glauben Sie nicht auch, Herr Friedländer, dass die Juden schuld sind am Antisemitismus?" "Es sind Neonazis, die mit mir diskutieren möchten."

Friedländer war 1932 als Kind deutschsprachiger Juden in Prag geboren worden. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet, er selbst überlebte in einem katholischen Internat in Frankreich. Friedländer wurde ein bedeutender Historiker - als seine bekannteste Arbeit gilt das zweibändige Standardwerk "Das Dritte Reich und die Juden".

(gi/dpa)