Ayhan Can

HIV-Positiv: Mein Leben hängt am seidenen Faden

1.12.2018 11:54 Uhr, von Ayhan Can

Mitten in Deutschland, im Bundesland Hessen führt Murat A. (Name von der Redaktion geändert) ein scheinbar unbemerktes Leben. Der 40-jährige Familienvater von zwei Kindern, fiel aus allen Wolken, als er vor 20 Jahren auf den tödlichen HIV-Virus positiv getestet wurde.

"Als ich die Diagnose erfuhr, brach meine Welt zusammen. Ich wollte nicht mehr leben", sagte der aus der Türkei angeheiratete Murat A.

Wie es zur Infizierung kam, welchen körperlichen und seelischen Belastungen er im Laufe der Jahre standhalten musste, was ihn heute am Leben hält, welche Ängst, Sorgen und Wünsche er hat, schildert Murat A. eindrücklich im Interview mit Hürriyet.de.

Herr Murat A., wie geht es Ihnen heute?

Murat A.: Danke, aktuell geht es mir gut.

Können Sie sich noch erinnern, wie und von wem Sie sich vor 20 Jahren mit dem HIV Virus infiziert hatten?

Murat A.: Bevor ich zu meiner Ehefrau nach Deutschland zog, arbeitete ich Anfang der 90ger Jahre in der Tourismusbranche in der Türkei. Die türkische Riviera bot damals in der Urlaubssaison nicht nur Arbeitsplätze für junge Einheimische im Hotel- und Gastronomiegewerbe, sondern wurde auch von Prostituierten aus Russland und dem Balkan heimgesucht, die auf die schnelle Geld verdienen wollten. Ich war auch damals 20 Jahre jung und habe den sündhaften Fehler gemacht, mich mit einer dieser Damen ungeschützt einzulassen. Es war naiv von mir, zu denken, es könne nichts passieren. Das war der größte Fehler meines Lebens. Für einen unachtsamen Moment büse ich jetzt mein Leben lang. (Murat A. wischt sich im Gespräch die Tränen von den Augen)

Wie hat sich der HIV-Virus in Ihrem Körper bemerkbar gemacht? Was waren die ersten Symptome?

Murat A.: Ich habe es eine längere Zeit nicht bemerkt, dass ich mich mit dem HIV-Virus infiziert hatte. Als ich wieder zurück in Deutschland kam, arbeitete ich in einer Fabrik. Anfangs war ich auf der Arbeit körperlich sehr belastbar. Nach einem knappen Jahr fiel es mir dann auf, dass ich mich schon bei geringer körperlicher Belastungen erschöpft fühlte. Antriebslosigkeit, starker Leistungsabfall, Schweißsausbrüche, Müdigkeit, Fieber, Durchfall und Erbrechen waren weitere Symptome. Ich merkte, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmte. Als ich von meinem Meister auf den Leistungsabfall bei der Arbeit aufmerksam gemacht wurde, suchte ich einen Arzt auf. Dieser konnte die Veränderungen in meinem Körper auch nicht auf anhieb zuordnen. Erst ein Bluttest ergab die sichere Diagnose. Ich wurde ins Krankenhaus eingewiesen. Dort hat man mir gesagt, dass ich mich auf ein Leben mit diesem Virus einzustellen habe.

Mit wem haben/ konnten Sie anfangs über ihre tödliche Infektion gesprochen?

Murat A.: Mit dem Bekanntwerden der Diagnose, brach in mir die Welt zusammen. Ich wollte nicht mehr leben. Mein Arzt empfahl, mich psychologisch betreuen zu lassen. So lernte ich die türkischsprechende Psychologische Psychotheraupeutin, Frau Güldane Atik-Yıldızgördü kennen. Ich habe über Tage, Wochen und Monate nur noch geweint. Ich dachte, ich müsste sterben. Ich hatte Angst mit meiner Familie darüber zu sprechen. Mit professioneller Hilfe und Unterstützung konnte ich meine Situation meiner Frau und einem meiner Onkel offenbaren. Sonst weiß in der Familie keiner über die Krankheit bescheid. Sie denken alle, ich hätte Herzprobleme. Nun bin ich fast 20 Jahre in Behandlung. Meine Psychologin sieht mich wie ihren Sohn. Ich kann sagen, dass ich in erster Linie mein Leben ihr zu verdanken habe. Dank zahlreicher Therapien habe ich keine suizidale Gedanken mehr. Und natürlich sind meine Frau und meine Kinder meine größte Stütze.

Wie reagierte ihre Ehefrau, als die das erstemal von ihrer Erkrankung erfuhr?

Murat A.: Sie erfuhr von der Erkrankung im Beisein meiner Ärzte und Psychologin. Die war sehr überrascht und unwissend. Als sie dann über die Krankheit aufgeklärt wurde, hat sie mir großes Verständnis entegegengebracht. Ich glaube sie hat mir zwar nie verziehen, aber im Verhalten mir gegenüber wirkte sie so, als hätte sie es getan. Dank der Unterstützung und der hervorragenden Betreuung meiner Psychologin, habe ich heute ein intaktes Familienleben. Sie ist für mich wie eine enge Familienangehörige.

Haben sie aufgrund ihrer HIV-Infektion eine Ablehnung oder Diskriminierung in ihrem Umfeld oder Freundeskreis erfahren?

Murat A.: Nein, das habe ich nicht erlebt, da nur meine Ehefrau über meinen Zustand bescheid weiß. Ich hatte Angst diskriminiert zu werden. Wenn ich mich geoutet hätte, wäre der Druck der Gesellschaft sehr groß. Ich weiß nicht, ob meine Frau diesem Druck hätte standhalten können und mich verlassen müsste. Ohne die Unterstützung und Wärme und Pflege meiner Familie wäre ich gestorben.

Wie leben sie heute mit Krankheit? Wie sieht ihr Alltag aus? Auf was müssen sie achten?

Murat A.: Auf meine Ernährung achte ich sehr. Ich wasche das Gemüse gründlich unter fließendem Wasser, um mögliche Keim- oder Bakterienverschleppung zu verhindern. Ausserdem nehme ich meine Medikamente pünktlich ein. Ich bemühe mich regelmäßig zu bewegen. Wenn ich auf diese Sachen achte, dann ist alles normal in meinem Leben oder für Außenstehende wirke ich wie ein normaler Mensch. Wo ich eingeschränkt bin, ist, dass ich keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen kann. Aufgrund meiner geringen körperlichen und psychischen Belastbarkeit, bin ich nicht mehr in der Lage täglich acht Stunden einer ordentlichen Arbeit nachzugehen. Früher nahm ich täglich elf Medikamente ein, jetzt sind sie auf fünf reduziert worden. Diese führen auch zur schnellen Erschöpfung und Müdigkeit.

Welche Ratschläge wollen sie Menschen, die sich in ihrer Situation befinden, mit auf den Weg geben?

Murat A.: Zu allererst empfehle ich es jedem sich beim Geschlechtsverkehr zu schützen. Ansonsten kann das Leben nach einer HIV-Ansteckung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Geschützter Geschlechtsverkehr bedeutet nicht nur Schutz der eigenen Person, sondern auch Schutz des Gegenübers. Idealerweise sollte man nur einen festen Sexualpartner haben, wechselnde Beziehungen oder gar sogenannte One-Night-Stands möglichst vermeiden. Dann ist man auf der sicheren Seite.

Den Betroffenen - wie mich - kann ich nur raten, keine Angst zu haben, und sich umgehend an einen Arzt zu wenden, um professionelle Hilfe bekommen. Im zweiten Schritt sollte man die eigene Familie informieren. Denn ohne deren Unterstützung, wird das Leben unerträglich.

Lesen Sie heute noch das Interview mit der behandelnden psychologischen Psychotherapeutin aus Offenbach, Güldane Atik-Yıldızgördü. Sie gewährt Einblicke in die psychische Welt von HIV-Infizierten und verrät warum sich die Betroffenen beim Geschlechtsverkehr mit anderen HIV-Infizierten ganz besonders schützen sollten.