Ayhan Can

HIV-Infiziert: Sich outen oder doch nicht?

2.12.2018 15:44 Uhr, von Ayhan Can

Anläßlich des gestrigen Welt-AIDS-Tages wies die Psychologische Psychotherapeutin aus dem hessischen Offenbach, Güldane Atik-Yıldızgördü darauf hin, dass Menschen mit HIV-Infektion sich nicht in jedem Fall outen sollten. "Das geht nicht in jedem Fall gut aus" sagte die Expertin und berichtet über verschiedene Fälle aus ihrer Praxis, bei denen andere Prioritäten gesetzt worden sind.

Seit über 20 Jahren betreut die Offenbacher Psychologin Menschen, die sich mit dem tödlichen HIV-Virus infiziert haben. Im Interview mit Hürriyet.de gibt sie Einblicke in die psychische Welt der HIV-Infizierten und verrät, warum sich die Betroffenen beim Geschlechtsverkehr mit anderen HIV-Infizierten dennoch schützen sollten. "Ansonsten könnte man sich erneut mit dem Virus anstecken, der sich im Körper verändert und deshalb sich die Heilungschance deutlich verringern", so die Expertin.

Was macht diese Krankheit mit der Psyche des Betroffenen?

Güldane A-Y.: Die HIV-Infektion verkürzt die psychische Perspektive, die gesunde Menschen ein Leben lang haben. Wenn ich sage, in zwei Jahren machen wir das oder jenes, dann steht da immer noch die Frage im Raum: Lebe ich dann immer noch? Der Tod, die Angst davor ist allgegenwärtig, wenn der Betroffene allein lebt. Lebt die Person in einer sozialen Begebenheit oder in einer Wohngemeinschaft, dann ist dieses Gefühl nicht so stark ausgeprägt. Bei alleinlebenden HIV-Patienten ist die Todesangst größer, die Hoffnung sehr niedrig, die Perspektive sehr kurz. Sie verlieren das aktive Leben mit Projekten aus den Augen, der Alltag besteht dann nur noch aus Wiederholungen und Achtsamkeit auf den Körper und Geist, was den Betroffenen oftmal in tiefe Depressionen stürzt.

Die Psychologin Güldane Atik-Yıldızgördü therapiert seit über 20 Jahren den HIV-Patienten Murat A.

Racheakte der Infizierten ist nicht selten

Es kommt auch vor, dass gerade Menschen, die sich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung infiziert haben und nicht in einer festen Beziehung oder Familien Gefüge leben, Wut und Hassgefühle gegenüber allen bekommen, die gesund bzw. nicht infiziert sind. Um zu vergessen, dass sie mit einem tödlichen Virus infiziert sind, stürzen sie sich in One-Night-Stand Beziehungen, schützen sich nicht und warnen auch den Geschlechtspartner nicht vor einer möglichen Ansteckung. Auf die Frage warum sie das tun, ist die Antwort häufig “Wenn ich sterben musss, so will ich so viele wie möglich mitnehmen”, oder “mich hat man auch nicht gewarnt und angesteckt und damit mein Todesurteil gefällt”. Vergessen wird hier allerdings, oder viele wissen nicht darüber Bescheid, dass wenn man einmal den HIV-Virus im Körper hat, sich durch einer andere infizierten Person erneut infizieren. Der Virus verändert sich im Körper. Das heißt, auch HIV-Infizierte müssen sich vor solchen Beziehungen schützen, um nicht ein zweites Mal infiziert zu werden. Wiederholte Infizierung würde die Behandlungschancen bzw. Behandlungserfolge verringern.

Mit welchen Symptomen kommen HIV-Infizierte zu Ihnen? Und wie therapieren Sie diese Menschen?

Güldane A-Y.: Diese Menschen kommen mit chronischen Depressionen zu uns, angezeigt durch Müdigkeit, Erschöpfung, Lustlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Lebensunlust. Diverse Ängste begleiten diese Menschen. Diese sind Ängste vor dem Tod und vor den Reaktionen der Mitmenschen, die sich insbesondere in Ausgrenzung, Diffamierung, Abwertung, Vermeidung und Angst äußern. Des Weiteren ist bei den Betroffenen ein höheres Aggressionspotenzial zu beobachten, was als Hilflosigkeit verstanden werden muss. Menschen, die früher sehr umgänglich waren, sind plötzlich sehr streitsüchtig, aggressiv und wütend.

Erste Phase: Psychedukation

In der Therapie steht viel Informationsgabe im Vordergrund. Wir sagen Psychoedukation dazu. Dabei werden die Ansteckungswege, die medikamentöse Behandlung, der Verlauf der Therapie und die Überlebenschancen erläutert. Es werden auch Hinweise gegeben, wie Glücksgefühle wieder entwickelt und Hoffnung geschöpft werden können. Hier stellen wir fest, dass die Betroffenen keinerlei Informationen über die Infektion und Behandlungsmöglichkeiten haben. Die große Angst wird proportional mit der Information die sie erhalten, kleiner.

Zweite Phase: Beistand leisten

Als zweiter Baustein der Therapie ist der Beistand. Also die Versicherung, "ich bin da, ich weiß, dass du infiziert bist, aber ich nehme dich in Deinen Befürchtungen, Ängsten ernst und so an wie du bist und versichere dir, bei Respekt von gemeinsamen Regeln, immer für Dich da zu sein."

Dritte Phase: Aufbau einer Perspektive

In der dritten Phase geht es um den Aufbau einer Perspektive. Wenn die Depressionen und Ängste etwas abgemildert sind, dann schauen wir in dieser Phase und fragen uns, "Was können wir machen?" und "Was steht jetzt an?". Aufbau einer Perspektive heißt, ist die materielle Unabhängigkeit durch eigene Arbeit oder durch Familie oder ein soziales Gefüge dauerhaft zu gewährleisten. Viele haben die Angst davor, wenn die Krankheit ausbricht und sie nicht mehr arbeiten können, in Abhängigkeiten zu verfallen, die sie unglücklich machen werden bzw. dass die Versorgungskette abbricht und sie obdachlos werden. Mit der Klärung dieser Situation nehmen wir die Angst davor weg.

Im Fall Murat A. (Hürriyet.de berichtete gestern darüber) haben wir uns seine Versicherungszeiten angeschaut. Er konnte nicht mehr arbeiten, die Prognose zur Arbeitsfähigkeit war ungünstig, also haben wir die Klärung seiner Versicherungszeiten vorgenommen. Er erfüllte die Bedingungen für die Erwerbsunfähigkeitsrente. Daraufhin haben wir für ihn eine Erwerbsunfähigkeitsrente beantragt. Er bekommt zusätzlich ergänzende Sozialhilfe bzw. Wohnungsgeld, somit haben wir ihn dauerhaft materiell abgesichert. Er ist nicht von der Gunst irgendeiner Person mehr abhängig.

Murat A. ist schon seit über 20 Jahren bei Ihnen in der Therapie. Was waren oder sind noch seine größten Ängste?

Güldane A-Y.: Seine größte Sorge war die Todesangst. Er dachte, er müsste bald sterben. Oder auch die Sorge, wie er es seiner Ehefrau und Familie beichten sollte, war verbunden mit der Angst, dass die Familie auseinanderbrechen könnte. Wir wählten von Anfang an die Strategie der Offenheit. In Absprache mit dem behandelnden Arzt haben wir mit der Ehefrau und dem Onkel über die Erkrankung gesprochen, deren Risiko aufgeklärt und für Verständnis und Unterstützung plädiert. Die Rechnung ging auf. Die Familie hielt bis heute zusammen und sie haben gemeinsam gelernt mit der Krankheit zu leben und diese in ihren Alltag und Familienleben zu integrieren. Hätte er ein Geheimnis aus seiner Krankheit gemacht, wäre er daran zerbrochen. Er muss täglich viele Tabletten einnehmen, auf seine Ernährung und Bewegung achten. Er hätte das nicht verheimlichen können. Hätte er die Wahrheit verschwiegen und die Familie es später erfahren, so hätten sie ihn ausgrenzen können, in Murats Fall war offen zu sein die beste Lösungsmöglichkeit. HIV - im Volksmund als AIDS bekannt - erfordert, wie jede schwere Erkrankung bzw. Infektion, geregelte und ordentliche Lebensverhältnisse sowie familiäre Unterstützung.

Als Dank für das entegegengebrachte Verständnis seiner Frau kümmerte sich mein Patient fürsorglich um seine Familie. Er hilft im Haushaltmit,unterstützt die Kinder wo er nur kann, hat einen Schrebergarten und bewirtet seine Familie in einem Blumenparadies, sie machten gemeinsam Urlaub. Sie sind eine glückliche Familie.


Welche konkrete Hilfestellung haben sie als Psychologin Murat A. gegeben?

Güldane A-Y.: Ich habe ihm Lösungswege aus seiner Verzweiflung aufgezeigt und ihn auf diesem Wege kontinuierlich unterstützt. Sei es beim ersten Aufklärungsgespräch mit der Familie oder bei den Fragestellungen, "Wie gehe ich mit den Nebenwirkungen der Medikamente um?", "Kann ich mit dieser Krankheit in die Türkei reisen?", ''Bin ich mit dieser Erkrankung ein schlechter Mensch?", stand ich ihm mit Rat und Tat zur Seite. Die Verzweiflung kommt generell von der Unwissenheit. Durch Anerkennung, Annahme, Aufklärung, Psychoedukation und Ermutigung konnten wir ein Weg aus seiner Verzweiflung finden und sein Selbstbewußtsein wieder steigern. Hier spielt die Familie auch eine sehr wichtige Rolle. Ich kenne weitere Patienten wie Murat A., die ebenfalls im geschützten familiären Raum wieder ein ganz normales Leben führen. Ich kenne aber auch andere, die im Leben alleine stehen und permanent krank und unglücklich sind.

Sich outen: Ja oder nein?

Güldane A-Y.: Also das "sich outen" und "sich allen mitteilen wollen", hört sich erst mal sehr gut an. Aber das ist nicht in jedem Fall gut. Ich hatte vor drei Wochen einen Fall, bei dem diese Aussage zutrifft. Der Türke ist als Bräutigam nach Deutschland eingereist. Mit Verdacht auf Grippe ging er zum Arzt. Hier wurde die HIV-Virusinfektion diagnostizert. Diese Person spricht kein Deutsch, kennt niemanden, kann nicht mehr in die Türkei zurück, weil er dort weder Arbeit hat noch krankenversichert ist. Was soll dieser Mann seiner Frau und deren Familie sagen? Weil die Ehe noch frisch ist, würde die Familie sofort die Trennung vollziehen. Durch die Scheidung verliert er das recht in Deutschland zu leben und muss ausreisen. Dieser Mann wäre, wenn er sich outen würde, zum Sterben verurteilt. Das bedeutet, wir müssen uns die Situation der Betroffenen als Einzelfall genau anschauen, Aufklärung juristisch, sozial und psychisch leisten und den Betroffenen in seiner persönlichen Entscheidung stärken . Diese Entscheidung kann zurückgenommen werden, wenn sich die Situation verändert hat. Entscheidungen werden zunächst kurz und mittelfristig getroffen.

Wie helfen Sie diesem Mann?

GüldaneA-Y.:Wir haben uns mit seinem behandelnden Arzt zusammengesetzt und überlegt, was wir für Ihn tun können, was für den Betroffenen wichtig ist. Zunächst mußte die Depression abgeschwächt und die Ängste gemindert werden. Hier liegt die Lösung in der ganzheitlichen Betrachtung. Jemand der mittellos ist, kann keine Therapie machen. Erst muss für ein Dach über dem Kopf gesorgt, dann der Aufenthaltsstatus geklärt werden. Finanzielle Mittel müssen sichergestellt sein, damit er sich ernähren kann. Das haben wir mit der betroffenen Person gemeinsam erörtert, gemeinsam Ziele gesetzt, Aufgaben verteilt und langsam umgesetzt. Mit jedem Erfolg, hat sich das Selbstbewusstsein aufgebaut. Als existenzielle Fragen abgeklärt, medizinische Behandlung begonnen wurde, haben wir mit ihm die Frage geklärt, ob ihm ein Lebenswandel mit Neuanfang einer gleichgeschlechtlichen Beziehung oder eine lebenslange Absicherung in einer Familie mit Aufrechterhaltung einer heimlichen Beziehung zum gleichgeschlechtlichen Partner wichtiger ist? Auch Ängste vor dem Tod, Aufbau neuer sozialer Kontakte, die wie Lebenselexier wirken, waren bei den mittelfristigen Zielen dabei. Die Lösung liegt in der ganzheitlichen Betrachtung.

Wie hoch ist die Suizidalitätsrate unter den AIDS-Kranken?

Güldane A-Y.: Ende der 80 er, Anfang der 90 er Jahre lag die Selbstmordrate der mit HIV-Virus infizierten Menschen bei 20 Prozent. Heute ist sie niedriger, da man weiß, es gibt Therapien und man muss nicht sterben. Dank der Informationskampagnen offizieller Stellen und die Ausbildung der Fachleute ist die Suizidalitätsrate immer mehr zurückgegangen.

Wie kann Rückzug und Isolation von AIDS-Patienten verhindert werden?

Güldane A-Y.: Diese Menschen ziehen sich bekanntlich aus Scham und Schuldgefühlen aus dem aktiven Leben zurück. Um diese Personen ins aktive Leben zurückzugewinnen, muss man ihnen Aufgaben geben. Sie müssen sich als wertvoll erleben und das Gefühl bekommen,"ich kann noch was erreichen". Die Betroffenen sind oftmals auch sehr jung. Sie brauchen Lebensaufgaben. Man muss für sie Perspektiven mit tatsächlich erreichbaren Zielen erarbeiten. Im nächsten Schritt sollte der Ist-Stand immer wieder evaluiert werden. Was wurde bisher erreicht und was nicht? Mit dieser Fragestellung erneuern wir alle sechs Monate oder ein Jahr die Perspektiven der Betroffenen.

Betroffene sollten auch in Selbsthilfe Gruppen und sozialen Verbänden integriert werden. Dies hebt das Selbswertgefühl an.