imago images/Jannis Große

Hanau: Attentäter Tobias R. soll kein Rechtsextremer gewesen sein

28.3.2020 21:10 Uhr

Verschwörungstheorien sollen den Attentäter von Hanau zu seiner Tat bewogen haben. Der Rassismus soll dabei nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, so das Bundeskriminalamt.

Um sicherzugehen, dass seine Botschaft gehört wurde, sprühte Tobias R. mit schwarzer Farbe die Adresse seiner Webseite an diverse Hauswände überall in Hanau. Besucher seiner Homepage erwartete u. a. ein 24-seitiges Pamphlet voller Hass, Rassismus und Verschwörungstheorien. Geheimdienste, so schrieb der gelernte Bankkaufmann, überwachen ihn seit seiner Kindheit und eine geheime Organisation könne seine Gedanken lesen. Doch dabei bleibt es nicht. Für Tobias R. war allein die Existenz bestimmter Völker "ein grundsätzlicher Fehler", den es zu beheben gilt.

Derzeit arbeiten die Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) an einem Abschlussbericht zu dem Anschlag in Hanau. Die darin vertretene These wird für eine Kontroverse sorgen: Nach einer Recherche von WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung gehe man davon aus, dass Tobias R. nicht aus einer rechtsextremen Gesinnung heraus gehandelt habe. Vielmehr habe er die Opfer ausgesucht, weil sie ihm ein Maximum an Aufmerksamkeit für seine Verschwörungstheorien garantieren würden. Dabei sei Rassismus nicht sein Hauptmotiv gewesen.

Seine Videos waren nicht "tatrelevant"

Es mag paradox klingen, dass eine rassistische Tat nicht von einem Rechtsextremen begannen wurde, zumal Tobias R. seine Opfer nach rassistischen Kriterien auswählte. Die Analysten des BKAs stützen sich dabei auf die Auswertung seiner Videos, die allesamt als nicht "tatrelevant" eingestuft wurden. Auch die rassistischen Passagen soll der Attentäter erst nachträglich in sein Manifest eingefügt haben. Den Originaltext hatte Tobias R. als Beweis an den Generalbundesanwalt geschickt, verbunden mit der Bitte, gegen die Geheimdienst-Überwachung zu ermitteln. In dieser früheren Version fehlten die rassistischen Äußerungen komplett.

So konnten die Beamten keine Zeugen finden, der bestätigen konnte, dass sich Tobias R. jemals rassistisch äußerte. Auch seinem dunkelhäutigen Nachbarn mit Behinderung soll er gegenüber immer freundlich und hilfsbereit gewesen sein. So äußerte sich der Vorsitzende seines Schützenvereins, Claus S., gegenüber hürriyet.de, dass Tobias R. nie mit rassistischen Sprüchen aufgefallen sei. Trotz vieler Mitglieder mit ausländischen Wurzeln. Beispiele für eine typische rechtsextreme Radikalisierung konnten die Beamten bei ihren Ermittlungen nicht finden.

Aus diesen Gründen gehen die Beamten nicht davon aus, dass Rassismus die treibende Kraft für seine Tat war. Das Hauptmotiv sehen sie vielmehr in seinen Verschwörungstheorien und seiner Paranoia. Dies sind die vorläufig bekannten Informationen wie sie Florian Flade und Georg Mascolo von der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Ob dies auch die abschließende These sein wird, bleibt abzuwarten.

(an/dpa)

0 Kommentare

Bitte geben Sie den Aktivierungscode ein, der an Ihre E-Mail-Adresse gesendet wurde.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.

Sie müssen angemeldet oder registriert sein, um mitzudiskutieren.