Hamburg: Von folternder Gestapo zu Edelboutiquen

25.12.2018 13:46 Uhr, von Simge Selvi

Mitten in der Hamburger Innenstadt befindet sich einer der ehemaligen Sitze der Gestapo. Dort, wo Menschen grausamste Art und Weise gefoltert wurden. Dort, wo jetzt eine Luxusmeile entstanden ist, mit einer Vielzahl an edlen Boutiquen. Viele sehen das Projekt hochgradig kritisch.

Es sollte ein "würdiges Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Hamburg" werden, so der Senat 2009. Die Gebäude an der Stadthausbrücke sollte der Bedeutungsträger für die Gedenkstättentopografie der Stadt werden. Umso überraschender ist, was nun aus dem Gebäudekomplex geworden ist.

Ort des Schreckens und der Trauer

Der ehemalige Sitz der Ordnungspolizei, also der Gestapo, sowie der Kriminal- und Sicherheitspolizei und weiterer Polizeidienststellen des Dritten Reichs, befinden sich hier, mitten in der Hamburger Innenstadt. In den Jahren1933 bis 1943 war hier nicht nur für Hamburg, sondern auch in weiten Teilen Deutschland die Zentrale des Terrors im Nationalsozialismus.

Für die Deportation zahlreicher Hamburger Jüdinnen und Juden, aber auch Sinti und Roma wurden an diesem Ort damals die Weichen gestellt. Und hier begann der leidvolle Weg der unzähligen Menschen, die dem Regime nicht passten und in die Konzentrationslager gebracht wurden.

Edle Shops und Cafés sollen zum Flanieren einladen

Jetzt findet man in der neuen Flaniermeile kaum etwas, das einer Gedenkstätte ähnelt. Es ist eine Meile des Konsums geworden. Zahlreiche edle Boutiquen, Cafés und Shops findet man, die zum Vergnügen und Genießen einladen sollen. Das Ganze habe einen französischen Charme und soll eine der feinsten Adressen Hamburgs sein - zumindest wirbt damit der Investor Quantom. Ordentlich restauriert und verschönert soll es die Besucher von allerorts anlocken.

In weißer Schrift liest man auf den Baustellen-Zäunen Sprüche wie "Bienvenue zu la grande flânerie" oder "Was für eine famose Chose!". Doch was sagen Kritiker zu alledem?

Instinktlosigkeit

Viele Kritiker sind alles andere als begeistert. Wolfgang Kopitzsch, ehemaliger Polizeipräsident Hamburgs, heute der Leiter der "Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten", äußert sich in einem Gespräch mit Deutschlandfunk dazu:

"Dies alles hat mit Frankreich nichts zu tun. Das ist eine reine Vermarktungsstrategie. Und ich finde, dass macht es so besonders empfindsam gerade für die, deren Familienangehörige hier gequält, gefoltert und in einigen Fällen auch zu Tode gebracht worden sind. Das finde ich schon schockierend und das zeigt, sage ich ganz offen, eine Instinktlosigkeit im Umgang mit Geschichte."

Auf dem knapp 100.000 Quadratmeter großen Bereich gibt es eine kleine Erinnerung an das, was hier passiert ist - jedoch nur marginal. Auf nur 75 Quadratmetern können Besucher hier etwas darüber erfahren, was einst an dieser Stelle passiert ist. 75 Quadratmeter - obwohl es eigentlich 750 sein sollten, wie es laut Vertrag heißt.

Es gibt Reaktionen

Glücklicherweise lassen die Hamburger das nicht auf sich beruhen. Die Hamburger Kulturbehörde hat einen Beirat organisiert, die sich der Situation annehmen und nach Lösungen suchen soll. Es werden bereits auch schon Zugeständnisse seitens der Investoren gefordert.

Auch seitens der Stadt gibt es Unterstützung. Es könnte beispielsweise ein Kunstwerk als Statement vor den Stadthöfen errichtet werden, welches die Vergangenheit nicht nur Vergangenheit sein lässt, sondern sie auch in das Heute importiert. Auch von Schautafeln ist die Rede, als Memoiren an die Geschichte des Ortes. Es bleibt nun abzuwarten, wie sich die neue Luxusmeile Hamburgs weiterentwickelt.