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Folgt auf das Coronavirus eine Scheidungswelle in der Türkei?

26.4.2020 8:49 Uhr

Da Menschen auf der ganzen Welt unter Selbstisolation und Quarantäne leben müssen, um so die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, könnte eine anhaltende Isolation laut Experten für psychische Gesundheit und rechtliche Fragen dazu führen, dass viele Beziehungen auch in der Türkei ins Wanken geraten. "Eine Scheidungspandemie könnte vor der Tür stehen", sagte Yudum Söylemez, Dozentin für Psychologie an der Bilgi-Universität in Istanbul.

"Stresssituationen" wie das Leben unter Quarantäne können "alles hervorheben, was sich unter der Oberfläche befindet", erklärte Söylemez, die auch Familien- und Paartherapeutin ist. "Wenn das Paar tief verbunden ist, kommen sie sich noch näher", sagte sie. "Wenn sie sich jedoch voneinander distanziert haben, ihre Liebe und Anziehungskraft zueinander verloren haben oder ungelöste Probleme aus der Vergangenheit im Raum stehen, die zu Konflikten führen, werden sie möglicherweise noch frustrierter miteinander."

Laut Söylemez gibt es viele Paare, die zusammenbleiben, nur weil sie sich den Herausforderungen eines Wandels in ihrem Leben nicht stellen wollen und sie "beschäftigen sich nur mit Kindern, Arbeit, Alkohol und sozialem Leben". So eine Pandemie und Selbstisolation jedoch zwänge die Menschen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, weil sie urplötzlich damit konfrontiert wären. Als das Virus in China auftauchte und Millionen dazu zwang, monatelang im Haus zu bleiben und sie dann wieder die Freiheit nach dem Abklingen der Epidemie erlangten, schnellten die Scheidungsfälle in die Höhe, sagten Medienberichte aus China.

Häusliche Gewalt in der Türkei nimmt in Corona-Zeiten zu

Rechtsanwältin Ilknur Atis Köylüoglu befürchtet eine Zunahme der Scheidungsanträge in der Türkei nicht nur nach dem Ende des Quarantäneprozesses, sondern auf lange Sicht. "Obwohl Wuhan vollständig gesperrt war, haben wir in der Türkei keine vollständige Quarantäne ", sagte Köylüoolu in Bezug auf die Ausgangssperre des Landes am Wochenende in 31 bevölkerungsreichen Provinzen. Köylüoglu wies aber ebenso auf die möglichen wirtschaftlichen Probleme des Virus hin und sagte: "Die Nachfrage nach Scheidungen kann aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten steigen, da Kleinunternehmer ihre Geschäfte schließen müssen und Menschen entlassen werden oder unbezahlten Urlaub nehmen müssen."

Köylüoglu sagte auch, dass häusliche Gewalt zuzunehmen scheint. Laut einer Frauenrechtsgruppe wurden allein im März 2020 in der Türkei insgesamt 29 Frauen getötet. Die in Istanbul ansässige Plattform "We Will Stop Murder of Women" forderte einen besseren Schutz der Frauen, da die Menschen aufgefordert werden, sich selbst unter Quarantäne zu stellen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

(ce)

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