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Fischköpfe und Rechtsextremismus: Horror in der Wiener Oper

6.12.2018 11:28 Uhr

Die Wiener Staatsoper, die mit den Wiener Philharmonikern über eines der besten Opernorchester der Welt verfügt, ist fast immer ausverkauft. Dennoch gilt es als wenig innovativ. Das soll sich mit dem Auftragswerk "Die Weiden" ändern.

"Ein echter Wurf, der international Aufmerksamkeit generieren würde, täte wieder einmal wohl", kritisierte jüngst der "Standard". Jetzt könnte es wieder so weit sein: Am 8. Dezember hat das Auftragswerk "Die Weiden" Premiere, komponiert von dem 44-jährigen Innsbrucker Johannes Maria Staud; der Schriftsteller Durs Grünbein schrieb das Libretto.

Bedrohung der Demokratie

Nicht nur die Musik, die mit elektronischen Einspielungen und Verfremdungen der Stimmen auf der Bühne arbeitet, hat es in sich. Voller Zündstoff ist auch das Textbuch, das in 140 Minuten eine in einem surrealistischen Heute angesiedelte Horrorgeschichte erzählt und die Bedrohung der Demokratie durch rechtsextremistische und populistische Strömungen thematisiert.

Ein Liebespaar landet bei einer Kanufahrt auf der Donau auf einer Insel. Plötzlich wandern die dort wachsenden Weiden auf sie zu und sie selbst beginnen sich zu verwandeln. Ausgedacht hat sich das der englische Autor und Esoteriker Algernon Blackwood vor rund 100 Jahren, Staud und Grünbein haben den Faden weitergesponnen. "Das Genre des Unheimlichen liegt uns", sagte Staud vor der mit Spannung erwarteten Premiere.

In ihrer dritten gemeinsamen Oper überführen Staud und Grünbein den individuellen Schrecken in ein Szenario, das vielen als gesellschaftlich-politischer Horror gilt. Allerlei Wutbürger und eine Figur mit Zügen des rechtsintellektuellen US-Agitators Steve Bannon treten auf. Das Liebespaar, das sich auf der Reise entzweit, gerate immer tiefer in das Dickicht einer Gesellschaftskrise, erzählt Grünbein. Es paddelt durch ein Land, in dem sich die Anwohner des Stromes in Wesen mit Fischköpfen verwandeln und als "Karpfenmenschen" gegen alles Fremde mobilisieren.

Durs Grünbeins "Karpfenmenschen"

Als Dirigenten der Neuproduktion wurde Ingo Metzmacher gewonnen, ein Spezialist für neue Töne; für die Inszenierung ist die wie Grünbein aus Dresden stammende Regisseurin Andrea Moses zuständig. Die Sängerinnen und Sänger rekrutieren sich fast ausnahmslos aus dem hauseigenen Ensemble, darunter der lange Zeit an der Staatsoper engagierte polnische Bassbariton und gefeierte Wagner-Interpret Tomasz Konieczny.

Für den Librettisten Grünbein ist der Hauptheld der Geschichte der schlafende Fluss, die Dorma. Die wird im Laufe der Zeit ihre Farbe ändern, braun und gewaltig werden. An ihren Ufern werden Agitatoren das Volk aufwühlen, ein Komponist namens Krachmeyer wird den drohenden Untergang des Abendlandes beklagen. "Es versinkt vor unseren Augen in einer Flut, einem Überfluss fremder Stimmen und Rhythmen", heißt es dazu im Textbuch der Oper, die schon 2014 in Auftrag gegeben wurde.

Dass die Oper gerade jetzt herauskomme, wo in Österreich die rechtspopulistische FPÖ in der Regierung sitzt, nennt Meyer einen Zufall. Ungeachtet dessen sei es wichtig, dass eine neue Oper auch eine aktuelle gesellschaftliche Problematik widerspiegele. Kurz vor dem Ende seiner Intendanz hat der Staatsopernchef in fast genau einem Jahr noch einen Uraufführungs-Pfeil im Köcher.

(sis/dpa)