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Erster türkischer Abgeordnete aus Zypern

27.5.2019 19:32 Uhr, von Andreas Neubrand

Die Wahlen für das Europäische Parlament hielten so manche Überraschung parat. Eine davon ist die Wahl des türkischen Zyprioten Niyazi Kizilyürek ins Europaparlament. Damit wäre der Professor für Politik der erste türkische Zypriote im Europaparlament seit 1964. In diesem Jahr - Kizilyürek war damals fünf Jahre alt - war die Insel erst ein Jahr lang in einen griechischen Süden und den türkischen Norden getrennt.

In den 1980er Jahren ging Kizilyürek zum Studieren ins Ausland und ließ sich danach im griechischen Teil der Insel nieder. Streng genommen gehört auch der türkische Norden zur Europäischen Union. Doch bis es zu einer einvernehmlichen Lösung kommt, bleiben alle Verträge suspendiert. Aus diesem Grund können die zypriotischen Sitze im Europaparlament nur von der griechischen Seite aus besetzt werden.

Da Kizilyürek als Einzelkandidat chancenlos gewesen wäre, ließ er sich von der linken Partei Akel aufstellen. Sie war als einzige mutig genug, einen Zyperntürken als Kandidaten zu nominieren - dabei ist er nicht einmal Mitglied der Partei. Der Partei waren dabei zwei Sitze so gut wie sicher. Aich das Wahlsystem Zypern spielte der Akel und Kizilyürek in die Hände: neben einer Partei kann man auch zwei bevorzugte Kandidaten direkt ankreuzen.

Wahlkampf auf beiden Seiten der Insel

Trotzdem war die Wahl kein Selbstläufer und Kizil seit Januar auf Wahlwerbetour. Dabei war er der erste Kandidat, der dabei durch ganz Zypern reiste. "Ich mache Wahlkampf auf beiden Seiten der green line - zum ersten Mal in der Geschichte, sagt er gegenüber der tageszeitung (taz). An einem Abend spreche er im türkischen Teil Nikosias und am anderen Tag im griechischen Dorf Kato Pyros, nahe der Grenze.

So sitzen nun fünfzig Leute unter einer mächtigen Eiche und hören zu, was Kizilyürek zu sagen hat, berichtet die taz. Unter die Griechen aus dem Dorf haben sich Zyperntürken von jenseits der Grenze gemischt. Sie würde es freuen, wenn Kizilyürek gewinnen würde, denn das wirtschaftliche Gleichgewicht sei aus der Bahn geraten. "Würde ich bei den Griechen arbeiten, bekäme ich das Drei- oder Vierfache an Lohn", so ein Zyperntürke.

Wenig verwunderlich, dass seine Art bei türkischen Nationalisten nicht gut ankommt. Immer wieder versuchen sie, seine Auftritte juristisch zu verbieten - bisher ohne Erfolg. Es fehle einfach ein Gesetz, welches den Nationalisten dazu eine Handhabe biete. Dabei ist Kizilyüreks Ziel die Einigung und nicht die Spaltung: Ihm schwebe ein türkisch-griechischer Schüleraustausch und ein bilinguales Fernsehprogramm vor, um die beiden Teile der Insel zu vereinen. Sein großes Vorbild dabei: Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.

Für seine Vision eines geeinten Zypern, mit gleichen Rechten für alle Bürger brauche er in Brüssel 18.000 Stimmen. Schwer, aber nicht unmöglich. Und Kizilyürek wirkt wie ein Mann, der Herausforderungen schätzt. Doch trotz seiner visionären Ideen ist Niyzai Kizilyürek niemand, der seine Wurzeln verleugnen will. In Brüssel wolle er auch Reden neben Griechisch auch auf Türkisch halten: immerhin die zweite Amtssprache der Insel, die er vertritt.