imago images / Hannelore Förster

Ein literarischer Spaziergang

18.10.2019 14:21 Uhr, von Andreas Neubrand

Herbstzeit ist Lesezeit. Kein Wunder, dass der literarische Herbst mit der Frankfurter Buchmesse beginnt und im Frühjahr mit der Leipziger Buchmesse endet. Doch von den beiden Messen ist die Frankfurter die bedeutendere Version. Ja, geht man nach der Anzahl der Aussteller und Besucher, dann ist sie die größte Buchmesse der Welt und vermutlich auch die älteste aller Buchausstellungen. Historiker datieren die erste Buchmesse in Frankfurt am Main zurück ins 17. Jahrhundert.

Johannes Gensfleisch, auch Gutenberg genannt, hatte sich wenige Jahre zuvor daran gemacht, den Buchdruck in Europa zu revolutionieren und wurde von dem aufstrebenden Verlagswesen begierig aufgenommen. Wenige Kilometer von Mainz machten sich zu jener Zeit kundige Verleger und Buchdrucker um Johannes Fust und Peter Schöffer daran, aus Frankfurt am Main den größten Umschlagplatz für Bücher zu machen – mit Erfolg.

An diesen Erfolg wollte man 1949 wieder anknüpfen und es gelang der Frankfurter Buchmesse sich wie ein Phoenix aus der Asche des Dritten Reiches zu erheben. Und da neben der Präsentation von Büchern auch ein politisches Statement gesetzt werden sollte, wurde während der Messe der frisch aus der Taufe gehobene "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" in der Paulskirche verliehen. Der erste Preisträger dieser international renommierten Auszeichnung war der der Schriftsteller, Herausgeber und Lektor Max Tau.

Buchmesse - Kein Ort der Ruhe und Besinnlichkeit

Schon kurz nach Kriegsende setzte er sich für die Versöhnung der europäischen Länder mit dem besiegten Deutschland ein. Besonders mit Norwegen, dem Land, das ihm - neben Willy Brandt - als einzigem Deutschen während des Krieges die norwegische Staatsbürgerschaft verlieh. Tragischerweise ist weder der Geist Max Taus noch sein Andenken auf der diesjährigen Buchmesse sonderlich präsent – und das, wo doch Norwegen das Gastland der Messe ist.

Aber wenn man ehrlich ist, dann ist die Buchmesse auch nicht der Ort für Ruhe und Besinnlichkeit - obwohl es sich um DAS Medium handelt, welches wie kein anderes dem Menschen Ruhe und Muse abverlangt. Vielmehr ist die Frankfurter Buchmesse ein Ameisenhaufen, der sich in eine Bibliothek verirrt hat. Über 2000 Aussteller allein aus Deutschland und mehr als 5000 Aussteller aus aller Herren Länder warten auf fast 300.000 Besucher.

Neben den europäischen Literaturen dominieren natürlich die amerikanischen Verlage die Szene. Doch stromert man durch die eher entlegenen Hallen, macht sich eine Art Beruhigung in einem breit: auch in Somalia und der Mongolei, in Afghanistan und Nigeria wird geschrieben, gelesen, gedruckt, verlegt und von der Kritik verrissen. Eine Binsenweisheit? Vielleicht. Natürlich wäre es arrogant zu glauben, dass in diesen Ländern nicht gelesen wird. Aber die Erleichterung hat einen anderen Grund: Es ist die Gewissheit, dass auch in Ländern, die mit dem Bürgerkrieg tanzen, die Leidenschaft für Literatur, für Geschichten und Wissen nicht verschwunden ist. Dass ihre Hallen weniger Besucher haben als die Hallen mit Bertelsmann, ist dann schon fast nicht mehr so schlimm. Blickt man in die Augen der Aussteller aus Kabul und Ulan Bator, dann ist für sie dabei sein schon alles.

Tötet das Internet die Buchkultur?

Deutlich mehr los ist in der Messehalle mit deutschsprachiger Literatur. Der erste Stand, den ich sehe, ist der von Suhrkamp. Dort wird ausgelassen der Literaturnobelpreis für Peter Handke gefeiert. Doch neben dem Glück der Ehrung für Handke wird auch hier geschachert wie auf einem Roßmarkt.

Biegt man nach dem Suhrkamp-Stand zweimal falsch ab (interessanterweise ist es dabei egal in welche Richtung man wollte), landet man beim Stand des Österreichischen Literaturpreises. Dort erklärt ein Funktionär lauthals und sehr seriös die Verdienste der österreichischen Kulturpolitik anhand von Zahlen. Damit ihm trotzdem jemand zuhört, verteilen junge Frauen Wein an alle Gäste, die irgendwie österreichisch oder wichtig aussehen. Ich scheine auch österreichisch und wichtig auszusehen und habe nun auch ein Glas Wein in der Hand und höre zu, wie jemand sich beinahe mit Peter Handke unterhalten hätte, wenn nicht ...

Um meine Wichtigkeit zu unterstreichen, lasse ich mir noch ein Glas Wein geben und versuche nun ebenfalls eine Anekdote über Handke an den Mann zu bringen. Doch so österreichisch wirke ich dann wohl doch nicht und die Menschentraube löst sich auf. Ich trinke aus, stelle mein Glas ab und stromere weiter.

Wenn es zutrifft, dass das Internet die Buchkultur tötet, dann hat man ganz offensichtlich vollkommen vergessen, dies der Buchkultur verständlich mitzuteilen. Wie ich darauf komme? Auf der Buchmesse wimmelt es von Verlagen in allen möglichen Formen und Farben und mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten. Gewerkschaften neben Trotzkisten. Homosexuelle neben einem evangelischen Verlag ... Hier ist der Weltfrieden quasi mit Händen zu greifen. Auch was das Themenspektrum der einzelnen Bücher angeht, kommt man sich vor wie in der Erzählung "Die Bibliothek von Babylon" von Jorge Luis Borges. So findet sich ein Bildband namens "Dirty Girls" ebenso auf der Buchmesse wie ein Kinderkoran mit vielen Bildern.

Kein Termin - kein Small Talk

Wobei man sagen muss, dass das Wort "Buch" in Buchmesse arg strapaziert wird. Längst bieten nicht nur Verlage ihre Waren feil. Nein, auch jedes nationale Kulturinstitut von Welt hat seinen Stand. Darüber hinaus auch Arte, die Stadt Frankfurt, das Land Hessen, ein Hersteller für Genickkissen und die Gin-Marke Hennessy - die einen in Gesellschaft von zwei Cosplayerinnen, die drei Tage zu früh da sind, auf einen Probeschluck einladen. Wahlweise mit Tonic oder Limonade.

Stromert man ziellos über die Buchmesse, wird man zunehmend zu einer Ratte in einem Labyrinth. Man hat auch das Gefühl, man selbst würde immer kleiner und kleiner. Und da ich nur stummer Zaungast bin und einen subjektiven Spaziergang über die Buchmesse beschreiben will, habe ich naturgemäß auch keine Termine. Doch ohne Termine ist selbst Small Talk schwierig geworden. Deshalb ist meine letzte Station die Rare Books & Fine Arts, also die Ausstellung antiquarischer Bücher. Dort erstehe ich ein Buch des Norwegers Jan Kjaerstad, allein aus Respekt gegenüber dem diesjährigen Gastland. Leider muss ich gestehen, dass sich bei meinem Spaziergang Norwegen stark zurückgehalten hat. Die Kulturprogramme finden erst abends statt, Mette und Haarkon sind schon weg und die norwegische Literatur gibt sich scheuer als ein Elch in der Brunftzeit.

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