Yasar Bilgin

Professor Yasar Bilgin: Was ist das Coronavirus?

30.4.2020 9:16 Uhr, von Prof. Dr. Yasar Bilgin

Covid-19: Was ist das Coronavirus? - Ein Gastbeitrag exklusiv für Hürriyet.de von Professor Dr. Yasar Bilgin

Aufgrund der aktuellen weltweiten Pandemie des Coronavirus (Covid-19), die viele Menschen beschäftigt, möchten wir Ihnen als unseren Lesern einige medizinisch relevante Informationen geben.

Bevor ich über die Besonderheiten des Covid19-Virus berichte, möchte ich über Viren im Allgemeinen informieren. Viren sind leblose, organische Strukturen, die über keine Zelle und keinen eigenen Stoffwechsel verfügen. Sie können sich nicht selbst fortpflanzen oder vermehren und bestehen lediglich aus einen Strang mit Erbfunktionen, der aus Nukleinsäuren besteht. Somit können Viren auch nicht sterben, sondern nur ihre Strukturform verlieren und damit inaktiv werden. Einige haben eine proteinhaltige Umhüllung. Die umhüllten Viren sind, was ihre Genstruktur angeht, jedoch instabiler als Viren, die ohne Protein-Umhüllung existieren. Viren sind in der Lage, auch außerhalb eines Wirts einige Zeit bestehen zu bleiben. Je nach Virus variiert dies stark und ist abhängig von äußeren Faktoren wie Temperatur, Feuchtigkeit und Einfluss der Sonnenstrahlen. Viren können sich nur über einen Wirt verbreiten, der die Viren ausscheidet - wie durch Niesen oder Husten. Werden diese Viren von einem anderen Wirt aufgenommen, spricht man von einer Tröpfcheninfektion. Andere Viren verursachen Durchfall, der mit den Viren verseucht ist. Werden diese Viren durch Berühren der kontaminierten Flächen mit den Händen und anschließendem Kontakt der Hände mit den Mund- oder Rachenschleimhäuten von einem neuen Wirt aufgenommen, spricht man von einer Schmierinfektion.

Coronavirus - eine Vervielfältigungsmaschine unter den Viren

Viren können nach der Aufnahme von einem neuen Wirt an dessen Körperzellen andocken. Manche Viren werden vom eigenen Abwehrsystem erkannt und vernichtet. Reagiert das körpereigene Abwehrsystem nicht oder nicht effektiv genug, beispielsweise weil das Virus neu ist oder eine große Menge von Viren den Körper überschwemmen, kann das Virus seine Erbinformationen in die Körperzelle des Wirts einschleusen. Dabei wird die Zelle so umfunktioniert, dass sie die Erbinformationen des Virus ausliest und vervielfältigt. Meist führt dies zu einer hohen Anzahl von Kopien des Virus, so dass die Zelle hierdurch platzen kann und die neuproduzierten Viren freilässt. Diese suchen sich weitere Körperzellen, an denen sie andocken können und diese wieder zur Vervielfältigung ihrer Erbinformation missbrauchen. Bei einigen Viren überlebt die gekaperte Körperzelle einige Zeit und neue Virenkopien verlassen die Zelle regelmäßig, um neue Körperzelle zu besetzen. Allerdings können die Körperzellen ihre eigentliche Funktion für den Körper nicht mehr erfüllen, da sie vollkommen durch die Vervielfältigung des Virus beschäftigt sind und keine Energie mehr für ihre eigentliche Arbeit besitzen.

Es gibt RNA- und DNA-Viren. Der Unterschied bezieht sich auf die Art, wie die Erbinformationen im Virus vorliegen. DNA-Viren sind meist stabiler gegenüber Umwelteinflüsse und können somit länger außerhalb des Wirts aktiv und infektiös bleiben. Bei RNA-Viren, dazu gehören auch die Retroviren, wird die Erbinformation RNA in der Wirtzelle durch ein Enzym in DNA umgeschrieben. Man geht davon aus, dass es zwei Millionen verschiedene Viren gibt - davon sind 3000 bislang identifiziert. Viren befallen auch Tiere, Pflanzen und Pilze. Aber nicht alle Viren machen uns krank, denn unser Immunsystem kann viele Viren erfolgreich bekämpfen. Viren sind sehr klein, man misst ihre Größe in nm (Nanometer), wobei ein nm ein millionste Teil eines Millimeters ist. Die Größe von Viren liegt zwischen 10 nm und 350 nm - das Coronavirus ist rund 160 nm groß.

Viren sind extrem flexibel und mutieren regelmäßig

Viren gibt es schon seit jeher und sie können ihre Struktur durch Mutation verändern. Dadurch kann es auch passieren, dass Viren sich an neue Wirte anpassen und an neue Wirtszellen andocken können. So kann ein Virus, das vorher nur bestimmte Tiere befallen hat, auch Menschen besiedeln. Dies ist in den letzten Jahren bei den Viren geschehen, die die Schweinegrippe und Vogelgrippe ausgelöst haben. Bevor sich diese Viren durch Mutation verändert haben, konnten sie nur bei Schweinen beziehungsweise Vögeln an deren Körperzellen andocken. Nach der Mutation konnten sie auch die menschlichen Zellen besetzen und diese für die Vervielfältigung nutzen, um dadurch die sogenannte Schweinegrippe oder Vogelgrippe auszulösen.

Das Coronavirus ist ein RNA-Virus und relativ groß. Es hat eine Proteinhülle und ist verhältnismäßig instabil. Deshalb kann es außerhalb des Wirts nicht lange aktiv und infektiös bleiben. Es wird durch Tröpfcheninfektion beim Husten oder Niesen übertragen. Auch durch Sprechen kann das Virus in die Umgebungsluft gelangen, allerdings in einer geringeren Menge, als beim Husten oder Niesen. Durch seine Größe bleibt es nicht lange in der Luft hängen und fällt schnell zu Boden. Deshalb ist der Mindestabstand von 1,5 Meter ein wirksamer Schutz, damit die Viren nicht in die eigenen Schleimhäute gelangen können. Sie können durch das Berühren von Gegenständen weitergegeben werden, wenn man mit den Händen, an denen das Virus haftet, Nase, Mund oder Augen – also die Schleimhäute - berührt. Deshalb ist regelmäßige Handdesinfektion durch Waschen mit Seife oder Handdesinfektionsmittel ein wirksamer Schutz vor einer Ansteckung. Da das Virus auf den Boden herabfällt, ist es ratsam, seine Straßenschuhe nicht in der Wohnung zu tragen, da an ihnen Viren anhaften könnten.

Eine Infektion mit Covid-19 kann ausgelöst werden, wenn die Viren in den Mund- und Rachenraum des Menschen gelangen. Dort können sie an menschlichen Körperzellen andocken und diese zur Vervielfältigung zweckentfremden. Gelangt das Virus in die Lunge und nutzt dortige Zellen, kommt es zu einer Lungenentzündung. Es kann auch andere Körperzellen, beispielsweise des Herzens, befallen. Außerdem kann es zu einer Störung der Durchblutung der Kleingefäße kommen, sodass die Lungenfunktion stark eingeschränkt wird. Die Lungenzellen können ihre Funktion nicht mehr erfüllen und der Körper wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Covid-19: Sterblichkeitsrate laut RKI bei vier Prozent

80 Prozent der Infizierten haben milde Symptome. Bei 20 Prozent kommt es zu einer klinischen Verschlechterung und es entsteht eine Luftnot. Die Luftnot führt dazu, dass der Patient bis zu 30 Atemzügen pro Minute macht, um genug Sauerstoff zu bekommen. 17 Prozent aller Fälle in Deutschland wurden und werden im Krankenhaus behandelt. 2,7 Prozent der Fälle haben laut Robert-Koch-Institut eine Lungenentzündung entwickelt. Dass wir eine "noch immer hohe Todesrate" von vier Prozent haben, liegt laut Robert-Koch-Institut daran, dass es in Deutschland noch immer Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen gibt. Im Durchschnitt würden Menschen im Alter von 81 Jahren sterben, so Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts. Rund 5 Prozent der Patienten werden auf der Intensivstation betreut und 4 Prozent müssen künstlich beatmet werden, weil ihre Lungenfunktion stark eingeschränkt ist. Die Mortalitätsrate ist abhängig von vorhandenen Vorerkrankungen wie Hypertonie, Übergewicht, Immun- und Lungenerkrankungen sowie Krebserkrankungen.

Der Nachweis des Virus wird durch einen Abstrich im Nasen-Mund-Rachenbereich in einem Labor durchgeführt. Ein negativer Befund schließt die Erkrankung nicht aus. Wenn die Symptome weiter bestehen, muss der Test wiederholt werden. Die Inkubationszeit beträgt bis zu 14 Tage, im Mittel sind es 5-6 Tage, bis sich die ersten Symptome zeigen. Die Symptome sind meist wie bei einer unspezifischen Atemwegsinfektion. Häufig kann es zu Fieber kommen, Husten mit Schleim oder trocken, Schnupfen mit teilweiser Einschränkung der Riechfähigkeit, manchmal Durchfall und selten Halsschmerzen. Einige Patienten berichten, dass sie sich kurz krank oder geschwächt gefühlt haben, aber sonst keine Symptome aufwiesen. Die Therapie verläuft meist ambulant und der Patient muss sich in häusliche Quarantäne begeben, um keine weiteren Personen anzustecken. Verschlechtert sich der Gesundheitszustand wird der Patient stationär in eine Klinik aufgenommen, die über bestimmte Abteilungen für Corona-Patienten verfügt. Hier wird der Patient von besonders qualifizierten Ärzten und Pflegepersonal betreut.

Das Coronavirus ist wahrscheinlich eine neue Mutation eines Virus, das vorher Fledermäuse oder Beuteltiere infiziert hat. Nun hat es die Fähigkeit auch an menschlichen Zellen anzudocken. Bislang haben wir nur wenig Erfahrung mit diesem Virus und lernen ständig dazu. Das Virus scheint hochansteckend zu sein, aber nur selten letal. Die meisten an diesem Virus Verstorbenen, die man untersucht hat, hatten Übergewicht, Diabetes, andere Vorerkrankungen oder ein hohes Alter. Zurzeit werden verschiedene Medikamente erprobt, aber es gibt noch kein spezifisches Medikament gegen diese Erkrankung. Ein Impfstoff verspricht die beste Lösung für einen Schutz der Bevölkerung zu sein. Dieser wird aber anscheinend frühestens im nächsten Jahr zur Verfügung stehen. Um sich vor dem Virus zu schützen, ist es wichtig, Abstand zu anderen Personen zu halten, sich regelmäßig die Hände zu waschen und Räume gut zu lüften. Aus diesen Gründen sind die aktuelle soziale Distanzierung und Einhaltung der Hygieneempfehlungen auch die besten Maßnahmen, um die Verbreitung des Virus zu verhindern.

Zuletzt aktualisiert neue Sterblickeitsrate via RKI: 4/30/2020 11:5

(ce)

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