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Die Geschichte vom Nikolaus

6.12.2019 20:04 Uhr, von Andreas Neubrand

Heute ist Nikolaustag - der Tag, an dem artige Kinder Süßigkeiten und kleine Geschenke und unartige Kinder die Rute bekommen. Überall in Europa (und in gewisser Weise auch in den USA) freuen sich Kinder auf diesen Tag und er ist ein integraler Bestandteil der Vorweihnachtszeit. Doch die Ursprünge dieses uralten Brauchs begannen vor Hunderten von Jahren in einem kleinen Dorf in der Türkei.

Irgendwann zwischen den Jahren 270 und 286 nach Christus wurde Nikolaus von Myra geboren. Zumindest, wenn man den Überlieferungen des Hymnendichters Andreas von Kreta folgt. Sicher hingegen ist der Geburtsort Patar, der in der Nähe von Lykien liegt. Zu seiner Zeit war Myra (heute besser bekannt als Demre) nicht nur ein kleines Dorf 100 km südwestlich von Antalya, sondern auch der Sitz des Bischofs.

Der Nikolaus als Retter junger Frauen

Schon im Kindesalter zeigte sich seine enorme Frömmigkeit. So verlangte er an den zwei Fastentage der Woche, Mittwoch und Freitag, nur einmal am Tag die Brust der Mutter. Und bei seinem ersten Bade saß er nicht in der Wanne, sondern stand allein und ohne fremde Hilfe aufrecht. Wenn man den Überlieferungen denn Glauben schenken möchte.

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In dieser Legende sind schon die drei Motive, welche sein Leben durchziehen werden, angelegt: Kinder, Frömmigkeit und Wasser. Die Tatsache, dass er Spross einer wohlhabenden Familie war, machte ihn umso freigiebiger. Eine der bekanntesten Geschichten, die von dem jungen Nikolaus überliefert ist, ist die Geschichte seines Nachbarn und dessen drei Töchter:

Ein Nachbar von Nikolaus, so die Legende, hatte drei Töchter. Doch die Familie war zu arm, um die Mädchen verheiraten zu können. Aus purer Verzweiflung wollte der Vater seine Töchter in die Prostitution verkaufen. Als Nikolaus von diesem Plan erfuhr, schlich er sich in der Nacht in den Garten des Nachbars und warf einen Beutel oder Klumpen Gold durch das offene Fenster in das Haus und rettete so die älteste Tochter vor dem ältesten Gewerbe der Welt. So verfuhr er auch mit der Rettung der beiden anderen Töchter. "Aber beim letzten Mal erwachte der Mann beim Geräusch des fallenden Beutels, eilte hinaus und erwischte den Davoneilenden. Als er Nikolaus erkannte, warf er sich vor ihm zu Boden und wollte ihm die Füße küssen. Der Jüngling aber hinderte ihn daran und nahm ihm das Versprechen ab, nie darüber zu sprechen, so lange er lebe.", so Albert Christian Sellner in seinem "Immerwährenden Heiligen-Kalender".

Konnte der Nikolaus wahre Wunder verbringen?

Mit 19 Jahren weihte ihn sein Onkel zum Priester und er ging in das Kloster Sinon. Danach sind nur noch zwei Momente in seinem Leben dokumentiert: Eine Festnahme und Folter um das Jahr 310 herum, begangen im Zuge der allgemeinen Christenverfolgung und sein Tod am 6. Dezember (das Todesjahr spannt sich von 326 bis 365 nach Christi).

Umso bekannter hingegen sind seine Wunder, die er erst als Priester und später als Bischof verübte: So rettete er viele Seefahrer vor Stürmen und damit dem sicheren Tod und unzählige Kinder vor ihren Peinigern und aus bitterer Armut. Einmal soll er sogar die Stadt Myra vor dem Hungertod gerettet haben. Dabei erschien er Seeleuten eines Handelsschiffes und trieb das Schiff in den Hafen von Myra. Dort angekommen überzeugte er die Mannschaft davon, dass sie einen Teil der Ladung in Myra lassen sollten. Zunächst weigerten sich die Seeleute, da sie die genaue Ladung abzuliefern haben. Doch Nikolaus überzeugte sie davon, dass sie keinen Schaden nehmen werden. Daraufhin teilten sie ihr Getreide mit der Stadt und segelten von dannen. In ihrem Heimathafen stellten sie jedoch fest, dass ihnen nicht ein Korn fehlte. Die Stadt Myra jedoch konnte von dem Getreide zwei volle Jahre leben und ward gerettet.

Nach dem Tod wurde Nikolaus zum "Star"

Nach dem Tod Nikolaus von Myra wuchs sein Ruhm ins Unermessliche. So geht die Befragung der Kinder nach ihren Tugenden und Sünden des letzten Jahres auf das "Gleichnis von den anvertrauten Talenten zurück", welches sowohl im Evangelium von Matthäus, als auch bei Lukas zu finden ist. Die Geschenke, welche der heilige Nikolaus bringt, gehen auf seine Rettung der drei Schwestern zurück und verband diese Geschichte mit seinen Wundern zu See. So waren es kleine Schiffe, die gebastelt wurden, damit Nikolaus seine Gaben hineinlegen konnte, das sogenannte "Schiffchensetzen". Erst im Laufe der Jahre wurden die Schiffchen durch Stiefel, Schuhe und mancherorts Strümpfe ersetzt.

In dieser Zeit war der Nikolaustag mit Weihnachten identisch. Dies sollte sich erst mit der Reformation durch Martin Luther ändern, dem jede Heiligenverehrung ein Dorn im Auge war. Er führte stattdessen das Weihnachtsfest ein paar Wochen später ein und machte aus dem Heiligen Nikolaus das Christkind (in den USA wird der Nikolaus zum Vorbild des Weihnachtsmannes).

Nikolaus überlebte die Jahrhunderte und den Wandel

Doch in vielen – nicht nur katholischen – Regionen Europas überlebte der Brauch am 6. Dezember zu Ehren des Bischofs. Doch dort, wo er noch erscheint, erscheint er selten allein. Selbst (oder gerade?) eine Lichtgestalt wie der Heilige Nikolaus braucht einen unheimlichen Widerpart. Und wie so oft bei christlichen Festtagen, bricht auch hier das heidnische Element hervor. Die leicht teuflischen Züge seines ständigen Begleiters sind durchaus erwünscht und die Wurzeln des diabolischen Helfers reichen bis in die Zeit der Griechen und Römer zurück. Dabei streiten sich die Gelehrten, ob es sich eher um Anleihen bei den römischen Saturnalien (ein römischer Feiertag zu Ehren des Gottes Saturn) handelt oder ob seine Gestalt aus einem Fest zu Ehren des griechischen Gottes Pan zurückgeht. Allgemein akzeptiert ist jedoch, dass es sich aus kulturhistorischer Sicht um das personifiziert Böse in domestizierter Form handelt.

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Sicher ist nur, dass dieser kleine Teufel so viele Namen wie Formen hat. In Bayern nennt er sich Butzenbercht und in Hessen Fraache - oder kleine Frau, denn wer hat gesagt, dass die teuflische Gestalt immer männlich sein muss? Im Rheinland bestraft Hans Muff die unartigen Mädchen und Jungen und im früheren Ostpreußen ist es der Schimmelreiter. Die Kinder im Elsass fürchten sich vor dem Hans Trapp, einem Ritter aus dem magdeburgischen Adelsgeschlecht der Trotha. Dort tritt er mit weißem Bart, Zipfelmütze und Rute auf und bringt den Kindern eine Rute, die nicht singen und beten.

Der ehemals böse Helfer des Nikolaus

Bekannter hingegen sind der österreichische Krampus und die Figur des Knecht Ruprecht. Der Krampus ist ein in Schaf- oder Ziegenfell gehüllter Teufel, der springend und polternd um die ängstlichen Kinder herumspringt und laut mit seinen Ketten rasselt, während Nikolaus die artigen Kinder beschert. Der Kinderschreck Knecht Ruprecht erscheint meist als dunkle, gedrungene Gestalt neben dem strahlenden Nikolaus. Meist bewaffnet mit einem knorrigen Stock und einem Sack, in den er die bösen Kinder steckt, um sie dann daheim besser fressen zu können.

Doch selbst ein Kinderfresser wie Knecht Ruprecht wandelt sich in den Geschichten über die Jahrhunderte. So wird aus dem bösen, kinderverschlingenden Teufel der Helfer des Heiligen Bischofs. So wurde schließlich auch Knecht Ruprecht vom Weihnachtszauber gepackt - oder wie es in dem gleichnamigen Gedicht von Theodor Storm heißt:

Von drauß vom Walde komm ich her;

ich muß Euch sagen, es weihnachtet sehr!

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