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Die Geschichte der türkisch-amerikanischen Beziehungen

21.1.2021 17:16 Uhr, von Andreas Neubrand

Gestern blickte die ganze Welt auf das Kapitol in Washington D.C., denn dort wurde um 12 Uhr Ortszeit Joseph Robinette "Joe" Biden, Jr. zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Dieser historische Moment ist ein guter Zeitpunkt, um sich etwas näher mit den Beziehungen zwischen den USA und der Türkei zu beschäftigen. Die Wurzeln der Beziehungen liegen im Zweiten Weltkrieg und aus dem daraus resultierenden Kalten Krieg.

Anders als für die USA war die Türkei für Russland schon immer von strategischer Bedeutung. Für Russland war die Kontrolle der türkischen Meerenge Bosporus von enormer geopolitischer Bedeutung. So waren diese beiden Meerengen unter anderem Gegenstand des Vertrags von Lausanne (1923) und des Vertrags von Montreux (1936). Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges übte Moskau Druck auf die Türkei aus, um Kontrolle über die beiden Straßen zu erlangen – ohne Erfolg.

Tauziehen zwischen Moskau und Washington um Ankara

Als sich der Kalte Krieg am Horizont abzeichnete, erneuert Moskau sein Angebot, doch auch in Washington erkannte man die geostrategische Bedeutung der beiden Straßen und bot ebenfalls Hilfe an. Um diese Hilfe zu untermauern, kam es am 5. April 1946 zu einer großen Geste seitens der USA: Das Kriegsschiff USS Missouri traf im Hafen von Istanbul ein. An Bord der Leichnam des in den USA verstorbenen Botschafters Mehmet Münir Ertegün. Offiziell sollte das Schiff nur die sterblichen Überreste des Botschafters in seine Heimat überführen. Doch der wahre Grund war das Zeichen an Ankara: Die USA meinten es mit der militärischen Hilfe für die Türkei ernst.

Doch fast noch wichtiger als das amerikanische Kriegsschiff im Hafen von Istanbul war die Rede, die US-Präsident Harry S. Truman am 12. März vor dem Kongress hielt. In ihr bat er um Unterstützung für Griechenland und die Türkei und formulierte dabei die sogenannte Truman-Doktrin, die besagte, dass die USA "freien Völkern beistehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen". Kurz: Es war die Angst vor einem kommunistischen Griechenland und einer geschwächten Türkei, die letztendlich den Kalten Krieg auslösten.

Am 4. April 1949 wurde die Nato gegründet - ohne die Türkei oder Griechenland. Grund war, dass die Türkei weder im Atlantik noch vollflächig in Europa liegt. Bei Griechenland, welches ebenfalls nicht im Atlantik wohl aber in Europa liegt, verhinderte ein Veto aus London die Mitgliedschaft. Doch ein Ereignis am anderen Ende der Welt veränderte alles: Am 25. Juni 1950 brach der Korea-Krieg aus und an der Seite der USA kämpften auch türkische Truppen. Der Korea-Krieg war aus zwei Gründen bedeutend: Zum einen waren die USA begeistert von der Kampfkraft und dem Mut türkischer Soldaten und zum anderen hatte der Korea-Krieg gezeigt, dass der Kalte Krieg sich auch in einem Land entzünden kann.

Türkei wird stabiler Faktor in der Nato

Am 18. Februar 1952 schloss man die südliche Flanke und nahm Griechenland und die Türkei in die Nato auf. Die Türkei wurde für die Nato (bzw. die USA) zu einem stabilen Faktor im Nahen Osten und arbeitete eng mit den amerikanischen Verbündeten Israel, Iran und Jordanien zusammen. 1959 unterzeichnete die Türkei den Bagdad-Pakt, der es den USA erlaubte, Militärbasen auf türkischem Boden zu errichten und die Stationierung von Jupiter-Raketen (diese wurden dann nach der Kuba-Krise 1962 wieder abgezogen) vorzunehmen. In den 1960er und 1970er entspannte sich die internationale Lage und die Bedeutung der Türkei für die USA nahm ab. Aber auch die wachsenden Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei trugen zu einer Entfremdung und zu einem wachsenden Anti-Amerikanismus in der Türkei bei.

1964 schrieb US-Präsident Lyndon B. Johnson einen Brief an den türkischen Premierminister Ismet Inonu (auch bekannt als der "Johnson-Brief") und erklärte, dass die USA in der Zypern-Frage auf der Seite Griechenlands stünden und Ankara vor einer Intervention auf Zypern dringend abrieten. 1974, zehn Jahre später, besetzten türkische Truppen – teilweise mit Waffen und Equipment der USA – den nördlichen Teil Zyperns, um die türkischen Zyprioten zu beschützen. Als Reaktion darauf fror der US-Kongress ein Jahr später die finanziellen Hilfen für die Türkei ein und verhängte ein Waffenembargo. In den 1980er Jahren entspannten sich die Beziehungen der beiden Länder wieder. Die Gründe waren die iranische Revolution und die sowjetische Invasion in Afghanistan. Der Wegfall eines so bedeutenden Verbündeten wie dem Iran und die Ausdehnung des sowjetischen Einflusses brachte die Türkei zurück auf die geopolitische Agenda. 1980 unterzeichneten die USA und die Türkei das Defence and Economic Cooperation Agreement.

Türkische Truppen am Hindukusch

Das Ende des Kalten Krieges verlangte eine Neubewertung der US-Interessen weltweit und daraus resultierenden Beziehungen – so auch mit der Türkei. Nun war die Türkei nicht mehr ein Schutz vor dem sowjetischen "Reich des Bösen" (Ronald Reagan), sondern wurde von Washington vor allem als Leuchtturm der Demokratie im Nahen Osten und als Transitland für Gas aus dem Kaukasus gesehen. Als Gegenleistung machten sich die USA für einen EU-Beitritt der Türkei stark. Doch die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 veränderten auch die Beziehungen zu der Türkei. Doch nicht sofort. Nachdem die USA sich auf Artikel 5 des Nato-Vertrags beriefen und den Bündnisfall ausgerufen hatten, standen türkische Truppen Seite an Seite mit amerikanischen GIs am Hindukusch.

Doch wie so viele Verbündete verweigerte die Türkei im Feldzug gegen den Irak ihre Gefolgschaft. Ankara erlaubte den USA nicht von türkischem Boden aus zu operieren. Die "Sack-Affäre", bei der Angehörigen des türkischen Militärs in zivil im Norden Iraks von US-Soldaten verhaftet und mit Säcken über dem Kopf abgeführt wurden, befeuerte in der Türkei weiter den Anti-Amerikanismus und diente als Grundlage für den Film "Tal der Wölfe – Irak". In den folgenden Jahren blieben die Beziehungen schwierig. Auf der einen Seite halfen die USA der Türkei im Kampf gegen die PKK und auf der anderen Seite belasteten die schlechten türkisch-israelischen Beziehungen auch das türkische Verhältnis zu Washington. Der Bürgerkrieg in Syrien machte die Lage nur noch komplexer, nachdem die USA angefangen hatten, kurdische Einheiten im Kampf gegen das Assad-Regime zu unterstützen.

Türkei ist Regionalmacht

Auch heute noch sind die Beziehungen, sagen wir schwierig. So hat nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 in der Türkei Ankara auf die Auslieferung des islamischen Predigers Fetullah Gülen gedrängt. Sie sehen den in Pennsylvania wohnenden Geistlichen und seine FETÖ-Bewegung als Drahtzieher des missglückten Staatsstreichs. Auf der anderen Seite sind die USA verärgert, dass die Türkei in Russland das S-400-Raketenabwehrsystem gekauft hat. In Washington fürchtet man, dass Russland über dieses System an sensible Nato-Daten kommen könnte – etwas, was Ankara stets verneint hat.

Doch die Gemeinsamkeiten überwiegen: Beide Länder haben ein Interesse an einem stabilen Nahen Osten. Beide Länder wollen den Einfluss Russlands minimieren. Beide Länder würden lieber heute als morgen Assad in Den Haag auf der Anklagebank sitzen sehen. Beide Länder gehen entschieden gegen Terrorismus vor. Beide Länder sind militärische Schwergewichte in der Nato. Beide Länder kooperieren eng auf den Feldern Energie (dank moderner LNG-Technik ist die Türkei zunehmend in der Lage Erdgas in den USA zu kaufen) und Militärtechnik. Doch die heutige Türkei ist eine Regionalmacht mit eigenen Interessen im Nahen Osten, dem Balkan, dem Kaukasus und Nordafrika. Und die Zeiten, in denen Washington ruft und Ankara kommt, die sind vorbei.

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