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Die Geographie und Politik von Westeros

24.4.2019 17:11 Uhr

Ostern ist vorbei, Zeit sich wieder den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen: natürlich der letzten Staffel Game of Thrones. Eine gute Gelegenheit anhand von Westeros zu erklären, wie Geographie und Politik Hand in Hand gehen. Kurz: Geopolitik.

Geopolitik ist die Idee, dass die geografische Region zu einem Großteil definiert, wie man lebt und wie eine Gesellschaft sich aufbaut. Kurz: Das Leben in Norwegen birgt andere Schwierigkeiten, als in der Sahara. Sie ist auch die Idee, dass die Geografie die natürlichen Grenzen eines Landes bilden kann und definiert, wer Freund und wer Feind ist. Dieses Konzept gilt auch für Westeros, wo diverse Königreiche um den Sitz auf dem Eisernen Thron und damit um die Weltherrschaft kämpfen.

Die Regionen von Westeros

Westeros ist ungefähr dreimal so groß wie Großbritannien, hat im Groben dessen Form und besteht aus acht geografischen Regionen: Dem Norden, den Eiseninseln, Flusslande, Westlande, Dorne, Kronlande, Sturmlande, Weite, Dorne.

Beginnen wir im Norden: Dort trennt die Mauer den nördlichsten Teil von Westeros von einer unwirtlichen arktischen Schneelandschaft, in denen die Weißen Wanderer existieren sollen, die die Gabe haben, Tote zum Leben zu erwecken und zu versklaven. Um diese potenzielle Invasion aufzuhalten, wurde eine Eliteeinheit, die Nachtwache, an der Mauer stationiert.

Regiert wird die Region vom Haus Stark von der Festung Winterfell aus. Der Norden ist die größte Region in Westeros, aber spärlich besiedelt. Nahe der Mauer sind die Temperaturen oft subarktisch, was Landwirtschaft unmöglich macht. Erst südlicher, nahe der Eng, sind sowohl Klima als auch der Boden so beschaffen, dass die Region für Landwirtschaft nutzbar ist. Der Norden besitzt einen schiffbaren Hafen im Osten, was eingeschränkten Seehandel zulässt. Die geografische Lage im Westen verhindert aber einen Hafen dort, der ökonomische Verbindungen mit Lannisport oder Old Town ermöglichen würde.

Die Marschen der Eng

Im südlichen Teil des Nordens liegt die Eng und fungiert wie der dünne Teil in einem Stundenglas. Der Boden besteht zum größten Teil aus Sumpf und Matsch. Es ist schwer für fremde Armeen dort zu marschieren, aber man kann diese Gegner leicht angreifen. Aus diesem Grund ist es schwierig für jede Armee, den Norden zu erobern. Vom Norden führt eine Straße nach Süden durch die Eng und damit ist buchstäblich eine Straße gemeint: der "Königsweg". Dieser ist zwar breit genug, um als Handelsroute zu dienen, aber auch anfällig für Räuber und Wegelagerer jeder Art.

Peik und die Eisenmänner

Westlich der Region Norden liegt die Bucht der Eisenmänner mit den Eiseninseln. Regiert werden die Inseln von der Dynastie von Graufreud von der Burg „Peik“ aus. Die Einwohner dieser Inselgruppe sind nicht nur stark von Lebensmittellieferungen abhängig, sondern müssen nahezu alle Güter importieren. Daraus folgt, dass die Eiseninseln über eine ausgezeichnete Marine verfügen, um sich im Zweifelsfall Lebensmittel und andere Güter mit Gewalt zu holen.

Die Flusslande mitten im Geschehen

Im Süden grenzt die Region Norden an die Flusslande. Diese werden durch die Wasserscheide des Flusses Trident und seine drei Arme – der Grüne Arm, der Blaue Arme und der Rote Arm – dominiert. Alle drei Flüsse sind schiffbar und können sowohl als Handelsroute als auch für kleinere militärische Marineeinheiten genutzt werden.

Problematisch für die Flusslande ist ihre zentrale Lage, mit nicht weniger als fünf Nachbarn. Auch wenn die Flusslande Häfen sowohl im Osten als auch im Westen von Westeros und dazu eine robuste Marine haben, sind sie durch die Anzahl der vielen Nachbarn oft das Schlachtfeld von Konflikten, die sie nicht beeinflussen können.

Die versiegenden Minen der Lannisters

Einer dieser Nachbarn sind die Westlande im – nun ja – Westen von Westeros. Die Westlande sind besonders durch ihre hohen Vorkommen an Gold und Silber zu sagenhaftem Reichtum gekommen. Doch die Minen sollen versiegt sein und die Herren der Westlande, Haus Lannister, haben sich bei der Eisernen Bank hoch verschuldet. Die Schulden für neue Kriege könnten so hoch sein, dass sie das Haus in eine tiefe Finanzkrise stürzen könnte. Doch noch haben die rund 5.5 Millionen Einwohner eines der höchsten Bruttosozialprodukte von Westeros.

Südlich der Westlande liegt die Weite. Gegenwärtig regiert von Haus Tarly – auch wenn diese, nachdem Königin Daenerys den Patriarchen Randall Tarly und seinen Erben, Dickon, durch ihren Drachen rösten ließ und der letzte verbleibende Sohn, Samwell Tarly, als Mitglied der Nachtwache rein theoretisch keine Titel führen darf, führerlos sind. Das dürfte aber ein kleines Problem sein, denn Samwells bester Freund ist Jon Schnee – der die Macht hat, seinem Freund seine Titel zurückzugeben. Die Westlande zeichnen sich durch sehr fruchtbares Land aus, durchzogen von vielen Städten und Dörfern. Der Fluss Mander und seine diversen Nebenflüsse durchziehen das Land und sind – neben dem Klima – für den fruchtbaren Boden verantwortlich. Kein Wunder, dass die Weite die Kornkammer Westeros ist. Wein, Gewürze und Obst werden über die Rosenstraße sogar bis in die Hauptstadt von Westeros, Königsmund, exportiert.

Kein Wunder, dass die Region ein hohes Pro-Kopf-Einkommen hat. Die Hauptstadt Rosengarten hat den einzigen Hafen der Weite, der – im Vergleich zu anderen Häfen – aber recht klein ist. Ein Teil des Geldes fließt in die größte Bibliothek in Altsass, die das Zentrum des Wissens von Westeros enthält.

Die Wüste von Dorne

Der südlichste Punkt Westeros ist die Dorne mit der Hauptstadt Sonnspeer. Das dornische Meer trennt es von den Sturmlanden und hat drei Küsten. Dort leben auch die meisten Einwohner von Dorne, denn der Rest des Landes besteht weitgehend aus Wüste.

Das Land hat ein Monopol auf Zitrusfrüchte, die, neben Wein, die wichtigsten Exportgüter sind. Aber auch mit Pferden wird gehandelt.

Die Gebirgskette, die sich vom südlichen Westen hin zum östlichen Norden zieht, wirkt wie ein Schild gegen Eroberungen. Kein Wunder also, dass der Name des Hauses Martell mit „ungebeugt“ übersetzt werden kann. Allerdings erschwert es auch die Beziehungen zu den Nachbarländern. Kein Wunder also, dass man tendenziell bessere Beziehungen zu den Küstenstädten in Essos führt, als zu seinen unmittelbaren Nachbarn.

Die Sturmlande und Drachenstein

Im Norden grenzt Dorne an die Sturmlande. Diese bestehen im Wesentlichen aus einer nördlichen und einer südlichen Insel. Nur unterbrochen durch die in der Mitte einfallenden Sturmbucht. Die nördliche Insel reicht bis zu Massies Haken der Kronlande. Im Süden enden die Sturmlande am Zornkap. Dort herrschen meist die schlimmsten Stürme der Meerenge.

Die Hauptstadt Stormsend liegt im Norden der Sturmbucht auf der nördlichen Insel. Trotz der Nähe zur See machen die unwirtliche Region und die vielen Stürme maritimen Handel nahezu unmöglich. Im Gegenzug ist die Region vom Meer aus de facto nicht einnehmbar.

Die Region ist stark von Wäldern geprägt. Im Norden geht sie direkt in den Königswald über und im Süden in üppige Regenwälder, die der Region ein subtropisches Klima verleihen. Durch die stürmische See ist Fischfang nicht in dem Umfang möglich, wie die Nähe zum Meer es annehmen lässt. Traditionell leben die Einwohner der Sturmlande vom Bergbau, Landwirtschaft und dem Holzhandel.

Das Herz von Westeros: Königsmund

Und zu guter Letzt kommen wir zu einer der wichtigsten Region: den Königslanden. Gelegen an der Ostküste zwischen den Sturmlanden im Süden und dem Tal von Arryn im Norden. Die einzige geografische Grenze zwischen den Königslande und den Flusslanden im Westen ist der See Götterauge. Die restliche Region besitzt keine genau definierten Grenzen.

Königsmund ist hervorragend mit den wichtigsten Regionen in Westeros vernetzt. Die meisten Straßen führen also nach Königsmund. Die Stadt selbst besitzt einen der größten Tiefwasserhäfen von Westeros, der Handel mit Essos, als auch einen einfachen Zugang zur Eisernen Bank verspricht.

Es ist also kein Zufall, dass in Königsmund der Eiserne Thron steht, von dem aus ganz Westeros regiert wird. Jahrzehntelang regieren das Haus Targaryen, später das Haus Baratheon und gegenwärtig das Haus Lannister vom Eisernen Thron aus Westeros.

Wie die meisten Hauptstädte ist auch Westeros ein wirtschaftliches Zugpferd für Westeros. Metallhandel, Werften und Pferdehandel machen es zu einer der wohlhabendsten Regionen des Kontinents. Doch dies hat seinen Preis: Die Stadt wird erschüttert von Korruption, Kriminalität und Gewalt. Flankiert von gelegentlichen Lebensmittelengpässen und schneller, oftmals gewalttätiger politischer Veränderungen.

Dies war das geopolitische Klima, mit dem die Einwohner Westeros zu leben haben. Von der Herrschaft der Starks (auch bekannt als die Konsolidierung der Andalen) über die Kriege der Sturmlande bis hin zur Dynastie der Targaryen: Sie alle hatten mit den gleichen geographischen Herausforderungen zu kämpfen.

Und warum geht's?

Unsere Erzählung beginnt mit dem Tod des Königs Robert Baratheon. Dieser beendete das jahrhundertelange Regime des Hauses Targayrens, dessen letzter Repräsentant auch der Irre König genannt wurde. Der Irre König löste eine Rebellion durch Haus Baratheon aus, in dessen Folge Robert den Thron bestieg und bis zu seinem Tode hielt.

Was folgte war business as usual in Westeros. Diverse Adelshäuser kämpften, heirateten und intrigierten, um ihr vielversprechendstes Familienmitglied auf den Thron zu hieven. Und diese instabile Zeit hält meist so lange an, bis durch Krieg und/oder Allianzen eine Fraktion stark genug ist, um den Thron zu besteigen. Doch die Flusslande werden auch weiterhin hart umkämpft werden und die Dorne weiterhin kaum einnehmbar sein.

Erschwert oder begünstigt werden diese Konflikte durch neue politische Ideen oder das Sterben oder Aufkommen von Religionen. Doch eines bleibt bestehen, seit die Kinder des Waldes die Landbrücke zu Essos zerstört haben: die Geografie von Westeros.

Der Winter kommt

Doch zwei Ereignisse ändern das fragile Machtgefüge zwischen den sieben Königreichen: Erstens, der Sommer geht zu Ende und der Winter naht. Auf Westeros verändert sich das Klima langsamer als anderswo und die einzelnen Jahreszeiten dauern teilweise Jahre an. Auf einen langen Sommer folgt nun ein langer Winter, mit großen ökonomischen Konsequenzen. Neue Anbaugebiete für die landwirtschaftliche Güter müssen gefunden und alte aufgegeben werden. Migrationsbewegungen und Verteilungskämpfe sind die natürliche Folge. Doch mit dem Winter kommt eine weitere Gefahr: Die weißen Wanderer mit einer Armee von Untoten.

Das zweite Ereignis ist das Aufkommen einer neuen Technologie: Massenvernichtungswaffen, in diesem Fall Drachen (das Drachen eine alte und nur vergessene Technologie sind, spielt nur eine untergeordnete Rolle – man denke an die Erfindung des Schießpulvers). Diese Massenvernichtungswaffen sind nicht geeignet, um den Eisernen Thron zu erobern, wenn man danach noch ein Volk haben will, das einen mit Wohlwollen betrachten soll. Doch im Kampf gegen die Untoten sind Masse- äh... Drachen eine gute Waffe. Problem dabei ist nur, dass die Weißen Wanderer ebenfalls über einen Drachen verfügen. Man sieht, nicht die Waffe an sich ist das Problem, das Problem ist, wer sie führt.

In den Norden ist der Nachtkönig mit anderen Weißen Wanderer und einer stetig wachsenden Armee an Untoten (inkl. einem untoten Drachen) in Westeros eingefallen. Ihm stellt sich eine Koalition von Daenerys Targaryen und Jon Snow in den Weg. Daenerys verfügt über zwei Drachen, ungefähr 90.000 Dothraki und eine Eliteeinheit von 8.000 Unbefleckten. Im Südwesten hofft die Königin von Westeros, Cersei Lannister, darauf, dass sich beide Parteien solange aufreiben, bis sie nur noch bekämpfen muss, wer übrigbleibt. Damit ist jede Konstellation und jeder Ausgang möglich: Mögen die finalen Spiele beginnen.

(Andreas Neubrand)