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Die Bedeutung des Boeing-Desasters für den Flugzeugmarkt

14.3.2019 22:34 Uhr

Airbus könnte der Profiteur der Krise bei Boeing werden. Dessen 737 MAX 8 ist innerhalb von wenigen Monaten zweimal abgestürzt. "Dauern die Flugverbote länger an als ein bis zwei Wochen, wäre das für Boeing schon bedenklich", sagt Klaus-Heiner Röhl, Luftverkehrs-Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der Nachrichtenagentur AFP. Schon jetzt hänge Boeing auf der Kurz- und Mittelstrecke hinter Airbus zurück.

Am Sonntagmorgen war eine 737 MAX 8 der Ethiopian Airlines kurz nach dem Start in Addis Abeba abgestürzt, 157 Menschen kamen ums Leben. Erst im vergangenen Oktober war eine Lion-Air-Maschine des gleichen Typs vor der Insel Java verunglückt, damals gab es 189 Tote. Es ist höchst ungewöhnlich, dass binnen kurzer Zeit zwei Flugzeuge eines neuen Modells abstürzen. Zahlreiche Länder sperrten ihren Luftraum für Maschinen des betroffenen Typs.

"Das kostet natürlich Vertrauen", sagt Röhl. Für Boeing drohen die Abstürze jetzt zum finanziellen Desaster zu werden, denn die 737 MAX 8 ist der Verkaufsschlager des Konzerns. Seit 2017 erhielt Boeing 5111 Bestellungen für das Modell, 350 Maschinen lieferte der Konzern bislang aus. Viele Airlines warten laut Röhl auf Modelle, die vorerst nutzlos geworden sind. Der Billigflieger Norwegian Air Shuttle, der 18 Maschinen des Unglücksmodells besitzt, kündigte bereits Entschädigungsforderungen an. Der IW-Experte hält es für "nicht unwahrscheinlich, dass Fluggesellschaften zu Airbus wechseln".

Airbus verkauft sich besser

Dabei verkauft sich das direkte Konkurrenzmodell A320 neo des europäischen Luftfahrtkonzerns mit 6500 Bestellungen und 687 Auslieferungen seit 2016 ohnehin besser als die 737 MAX 8. "Airbus war einfach schneller im Markt und hat daher einen Vorteil", fasst Röhl zusammen. Boeing habe nur noch auf die A320-neo-Familie reagieren können. Dabei hätten viele Experten zunächst Zweifel gehegt, ob sich die alte 737-Serie wegen ihres kurzen Fahrwerks überhaupt würde modernisieren lassen.

Tatsächlich musste Boeing die verbrauchseffizienteren, aber auch größeren und schwereren Triebwerke der neuen 737 MAX weiter vorne anbringen. Dadurch veränderten sich Aerodynamik und Schwerpunkt der Maschinen. Der Flugzeugbauer führte daraufhin das Flugkontrollsystem MCAS ein, das Strömungsabrisse verhindern sollte - und jetzt womöglich für die Abstürze verantwortlich gewesen sein könnte.

"Beim zweiten Absturz könnte zudem noch ein Pilotenfehler dazugekommen sein, wenn sich die Vermutung über die Absturzursache bewahrheitet", sagt Röhl. Denn nach dem Unfall vom Oktober habe Boeing die Piloten darüber unterrichtet, wie sich das System bei Fehlern außer Kraft setzen lasse. Es müsse jetzt geklärt werden, ob "die Flugzeugführer das nicht versucht haben oder ob es nicht funktioniert hat". In jedem Fall werde Boeing versuchen, die Probleme durch ein Software-Update zu beheben.

Dass sich jetzt ein dritter Anbieter in den Markt drängt und das Flugzeug-Duopol unter Druck setzt, hält Röhl allerdings für unwahrscheinlich. "Bombardier ist bei Airbus eingegliedert und der brasilianische Flugzeugbauer Embraer arbeitet mit Boeing zusammen", erklärt der Experte. Langfristig könnte höchstens die geplante russisch-chinesische Luftfahrtkooperation den beiden Marktführern gefährlich werden.

(an/afp)