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Deutschland 2020: Hysterie gegen das Maskentragen ist die neue Gurtpflichtdebatte

5.8.2020 13:01 Uhr, von Christian Ehrhardt - Kommentar

Dinge in Deutschland scheinen sich zyklisch zu wiederholen. Den Eindruck kann man jedenfalls im Zusammenhang mit den Maßnahmen gegen das Coronavirus gewinnen. "Boomer" müssen sich momentan wie auf einer Zeitreise zurück in die 1970er Jahre fühlen. Damals ging es um die Gurtpflicht. Der Gurt sollte Leben retten und wurde dabei zum Zankapfel. Das verbal in teils aggressiven Dimensionen, wie man das in Berlin am Samstag erlebte. Die Gurtpflicht liegt zu weit zurück? Wie wäre es dann mit einer Reise zurück ins Jahr 2007? Da trat am 1. September das Nichtraucherschutzgesetz in Kraft und auch das sorgte für einen massiven Aufschrei mit hysterischen Untertönen. Doch warum tun sich Menschen in Deutschland so schwer damit, wenn man sie schützen will? Reisen wir in die 1970er Jahre zurück.

Wir schreiben den 1. Januar 1976. Veränderungen treten in Deutschland in Kraft: Es herrscht Gurtpflicht auf den Vordersitzen in Pkw. Das Ganze damals allerdings noch sanktionsfrei. Mit Bußgeldern wurde das Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes erst ab dem 1. August 1984 geahndet und ab dann kostete es 40 D-Mark, wurde man nicht-angeschnallt erwischt. Medienschaffende in Deutschland wollten in den ersten Wochen im Januar 1976 wissen, warum Menschen den Gurt anlegten oder warum sie den Gurt verweigerten. Durch den gewaltigen Aufschrei sah sich das Bundesverkehrsministerium zudem genötigt, eine aus Steuergeldern finanziert Studie in Auftrag zu geben, wo denn das Problem läge, sich im Pkw anzuschnallen.

Der "Dunja-Hayali-Effekt"

Dabei spielten sich, ähnlich wie am Wochenende in Berlin, teils hysterische und von verbaler Aggression geprägte Szenen ab. Die Fragenden – Interviewer der Gurtstudie oder Journalistinnen und Journalisten – wurden von "Gurtmuffeln" verbal aufs Schärfste attackiert, die Regierung beschimpft und der eigentlich als liberal geltende Staat der Bundesrepublik Deutschland als "Diktatur" wie die DDR verschrien. Es gab ihn auch damals schon, den "Dunja Hayali"-Effekt. Die Wut über die Einführung von Sicherheitsstandards konzentrierte sich auf die, die greifbar waren: Journalistinnen, Journalisten und Durchführende der Studie des Verkehrsministeriums. Sie wurden zu stellvertretenden Sündenböcken.

Spannend waren danach die Ergebnisse der psychologischen Studie. Man konnte den Gurtverweigerern nämlich über die Auswertung attestieren, dass bei ihnen eine "affektierte Verfestigung" in Kombination mit einer ausgeprägten "Bereitschaft zu kämpferischen Konfliktlösungen" vorläge, die oftmals auf "Spannungen im Umfeld" sowie "unausgetragenen Konfliktherden" basierte. Zudem kam ans Tageslicht, dass der Gurt mit dem Negativerlebnis beim Fahren schlechthin verbunden würde: einem Unfall. Wer gurtet, der schließt nicht aus, einen Unfall zu bauen. Dass der Gurt vor den schlimmen Folgen eines möglichen Unfalls schützen sollte, wurde einfach verdrängt.

Psychologische Zwickmühle

Wie bei der Maske. Sie soll schützen und sagt nicht aus, dass man krank ist oder gar unter Covid-19 leidet. Es entstand, so die damalige Studie, eine psychologische Zwickmühle. Der Gurt schützte, aber er machte deutlich, es gibt beim Autofahren ein Unfallrisiko – etwas, das man gerne von sich schiebt. Es verunfallen ja grundsätzlich "nur die anderen und nie man selbst". Bis es dann doch knallt. Ähnlich wie bei der Maske. Es zeigt, das Coronavirus ist gegenwärtig – aber krank wird man nie selbst, sondern nur die Anderen und die landen an Beatmungsgeräten oder auf dem Friedhof. Unter dem Strich war zu Beginn der 1970er Jahre klar, man müsse etwas tun. Mehr als 21.000 Unfalltote im Jahr 1970 waren ein alarmierendes Signal. 2019 gab es noch etwas mehr als 3000 Verkehrstote, ein Siebtel der Toten von 1970 – bei zweistellig an Millionen mehr Bürgerinnen und Bürgern, beim fast vierfachen Verkehrsaufkommen.

Der Ruf nach "Freiheit"

Doch war die Gurtpflicht die einzige Hysteriewelle, die Deutschland in den Würgegriff nahm? Nein, längst nicht. In den 1970er Jahren kam die Helmpflicht für Motorräder, was zu einem weiteren Aufschrei der "Freiheits-Liebenden" führte – gemeint war wohl die Freiheit, auf Landstraßen und unter Leitplanken unbehelmt zu sterben. Durch das Schicksal von Rock Hudson Mitte der 1980er Jahre wurde klar, dass Kondome beim Geschlechtsverkehr nicht nur vor ungewollter Schwangerschaft, sondern ebenso vor HIV und Aids schützen und man damit Leben retten kann. Auch hier gab es viele Menschen, die sich dem verweigerten – sich infizierten, Dritte ansteckten und dann nach kostenintensiver Behandlung starben. Geschwindkeitsbegrenzungen auf Landstraßen, Richtgeschwindigkeit auf Autobahnen, 30er-Zonen, Nichtrauchergesetze – immer dann, wenn Gesetze Menschen schützen sollen, wird in Deutschland rebelliert. Das hat Tradition. "Da simmer dabei, das ist prima" könnte das deutsche Motto bei Verweigerungshaltungen lauten.

Doch kehren wir zur Gurtpflicht zurück. Wie bei der Maskenfrage heute, gab es im Grunde keinerlei rationale Gründe, auf das Anlegen des Gurtes zu verzichten. Horrorgeschichten – das Verbrennen im Auto oder das Ertrinken – wurden schnell widerlegt. Doch all das half nicht. Die Fraktion der "Gurtmuffel" war – wie die Gemengelage in Berlin – für rationale Argumentationen nicht erreichbar. Warum? Das Auto galt damals als "Symbol der Freiheit". Dass man in dieser "Freiheits-Ikone" auch sterben kann, wenn es denn mal knallt, wurde gerne verdrängt. Auch dass der Gurt nicht die eigene Unfähigkeit symbolisiert, sondern man im Straßenverkehr auch mit der Unachtsamkeit anderer Verkehrsteilnehmer rechnen muss, die zu Unfällen führen kann, wurde achtlos weggeschoben.

Die Vorsichtigen sind "Spaßverderber"?

Das heißt: #B0108 (Berlin, 1. August 2020) ist für "Boomer" nicht neu. Gerade die Gurtpflicht dokumentierte ihn bereits: den knallharten Glaubenskrieg. Und der wurde schon damals mit allen Mitteln ausgetragen. Menschen entzweiten sich, es gab soziale Konflikte und Konsequenzen. Gurtträger waren Feiglinge, Spießer, lehnten die Freiheit ab, wollten den unbegurteten Freigeistern den "Spaß am Fahren" nehmen. Sprach man den gurtmuffeligen Beifahrer an, sich doch bitte anzuschnallen, kam es in Fahrzeugen zu Dramen und Grundsatzdiskussionen. Warum? Man sei ein "Gurt-Missionar". Man nerve mit seiner Angst. Klingt vertraut in Bezug auf die Maskenpflicht? Das soll es auch. Dann gab es die Ängstlichen, die soziale Ächtung vermeiden wollten und gegen ihre Überzeugungen nicht "zuerst klickten und dann starteten".

Doch auch die Gegenseite, hier die Gurtbefürworter, fuhr schweres Geschütz auf. Der Nichtgurter war ein Egoist. Er war verantwortungslos. Schnell wurde der Ruf laut, dass Gurtmuffel mit einem Entzug der Fahrerlaubnis oder einem temporären Fahrverbot zu belegen sein sollten. Oder dass sie bei einem Unfall selbst die Kosten tragen sollten, waren sie nicht angegurtet. Die Frage nach "Mitschuld bei einem unverschuldeten Unfall" kam auf – wenn man nicht angegurtet war. Und wie immer entdeckten sehr schnell Anwälte das lohnende Geschäft. Darf der Bürger selbst entscheiden, wie er sich vom Diesseits ins Jenseits befördert – und wenn es mit dem Kopf voran durch die Windschutzscheibe ist – oder nicht? Erst als der fehlende Gurt mit einem Bußgeld belegt wurde, kletterte die Gurtquote, denn den Muffeln wurde es schlicht zu teuer, gegen den Gurt zu rebellieren. Heute liegt die Gurtquote bei rund 98 Prozent. Niemand zweifelt mehr daran, dass der Sicherheitsgurt "Lebensretter Nummer Eins" im Wagen ist. Doch dem gingen in den 1970er und 1980er Jahren fast zehn Jahre hysterischer, aggressiver Streitereien voraus.

Mund-Nasen-Schutz in Asien allgegenwärtig

Ein ähnliches Szenario droht auch in Bezug auf die Masken. Und Menschen, die bereits in Japan waren, werden ob der Diskussion in Deutschland nur mitleidig den Kopf schütteln. Mundschutz ist in Japan und anderen Ländern Asiens seit vielen Jahrzehnten angesagt und erlebte durch die Schweinegrippe 2009 seinen Boom. Heute ist der Mund-Nasen-Schutz allgegenwärtig. Es hat sich in Japan eine echte Maskenmode entwickelt. Vielleicht lernt man auch in Deutschland zeitnah, die Maske als modisches Accessoire und Gesundheitsvorsorge zu sehen – auch wenn das wegen des latenten Hanges zu Hysterie bei gesetzlichen Vorgaben leider bezweifelt werden darf. Vielleicht braucht Deutschland auch seinen zyklischen "Sturm im Wasserglas" für die seelische Gesundheit. Um irgendwann – in der Regel nach allen anderen Ländern – zu verstehen, es geht nicht um Beschränkungen, sondern um Schutzmaßnahmen. Für sich selbst und Dritte. Wie beim Sicherheitsgurt.

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