dpa

Deutscher Wirtschaft steht harte Woche bevor

26.4.2020 23:56 Uhr

In Deutschland jagt in der kommenden Woche eine schlechte Wirtschaftsnachricht die nächste: Die Konjunktur im Abwärtsstrudel, Milliardenverluste der Dax-Konzerne und steigende Arbeitslosenzahlen: Die neue Woche wird allen Erwartungen zufolge deutlich machen, wie schwer die Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft tatsächlich getroffen hat.

Ein Wegweiser:

MONTAG, 27. APRIL: Die ereignisreiche Woche beginnt recht ruhig und für manche mit Erleichterungen. Denn auch in Bayern dürfen nun kleinere Geschäfte wieder öffnen, damit ist Einkaufen in allen Bundesländern grundsätzlich möglich. Auf Unternehmensseite tut sich ebenfalls etwas. Volkswagen will nach mehr als einem Monat Pause auch die wichtigsten Werke - etwa Teile des Stammwerks in Wolfsburg sowie Hannover und Emden - wieder hochfahren. Wie andere Autobauer hatte der weltgrößte Hersteller für viele Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt.

Doch nicht alles ist rosig: Als erste Dax-Unternehmen in dieser Woche legen Adidas und Bayer ihre Zahlen für das erste Quartal vor. Besonders der Sportartikelhersteller wurde von den Corona-Folgen schwer getroffen. So musste das Unternehmen den Großteil seiner Läden auf Anordnung der Behörden schließen, zudem riefen Pläne, die Miete für einige Filialen auszusetzen, starke Kritik hervor. Ein Milliardenkredit der staatlichen Förderbank KfW soll die Liquidität sichern. Analysten erwarten einen deutlichen Rückgang bei Umsatz und Ergebnis, und auch für das Gesamtjahr sind sie skeptisch. Hingegen dürfte die Krise beim Chemie- und Pharmagiganten Bayer kaum Spuren hinterlassen.

DIENSTAG, 28. APRIL: Ein Tag zum Verschnaufen. Höhepunkt ist die Bayer-Hauptversammlung per Video. Vor einem Jahr hatten die Aktionäre Werner Baumann als erstem amtierenden Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Konzerns die Entlastung verweigert. Denn die 63 Milliarden US-Dollar teure Übernahme von Monsanto drohte angesichts Tausender Klagen in den USA wegen angeblicher Krebsrisiken glyphosathaltiger Unkrautvernichter des US-Saatgutherstellers, zu einem rechtlichen Debakel zu werden. Anders als damals stellen sich aber nun zwei einflussreiche Stimmrechtsberater nicht gegen die Bayer-Führung.

MITTWOCH, 29. APRIL: Wie schlimm wird es für die deutsche Wirtschaft? Aufschluss gibt die Frühjahrsprojektion der Bundesregierung, die Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vorstellen will. Er wird aller Voraussicht nach eine schwere Rezession hierzulande voraussagen - wie schon Anfang April die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute: Sie gehen davon aus, dass in diesem Jahr die Wirtschaftsleistung um 4,2 Prozent schrumpft. Dies wäre die schwerste Rezession seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor mehr als zehn Jahren.

Da in Corona-Zeiten aber Vorhersagen noch schwerer zu treffen sind als ohnehin und sich die Lage in den vergangenen drei Wochen erneut stark verändert hat, wird Altmaiers Ausblick deutliche Hinweise geben, wie ernst es derzeit ist - und wie lange es noch ernst bleibt. Die Zahlen haben auch Folgen für den Haushalt: Denn die Projektion bildet die Grundlage für die Steuerschätzung im Mai - wegen der Corona-Krise sind dann weniger Steuereinnahmen zu erwarten.

Das ist noch nicht alles an diesem Tag. Mehrere Dax-Konzerne - Deutsche Bank, Daimler und Deutsche Börse - legen ebenso ihre (endgültigen) Quartalszahlen vor wie auch einige US-Schwergewichte, darunter der ohnehin kriselnde Flugzeugbauer Boeing sowie der Elektroautohersteller Tesla und der Online-Marktplatz Ebay. In den USA steht zudem die Zinsentscheidung der Notenbank Federal Reserve an. Zuletzt hatten die Währungshüter den Leitzins auf fast null Prozent gesenkt, um die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Das hatte aber keinen sichtbaren Effekt.

DONNERSTAG, 30. APRIL: Zum Ende dieser "Woche der Wahrheit" wird mit den April-Daten vom Arbeitsmarkt noch ein wichtiger Hinweis auf die Konjunkturentwicklung erwartet. Experten rechnen damit, dass die Zahl der Arbeitslosen deutlich zulegen wird - denn die März-Daten, als 2,335 Millionen Menschen (5,1 Prozent) ohne Job gemeldet waren, wurden noch vor Ausbruch der Corona-Krise in Deutschland erhoben. Und auch die Kurzarbeit könnte weiter gestiegen sein. Mitte April hatten 725 000 Betriebe - ein Drittel aller berechtigten Unternehmen - mindestens für einen Teil ihrer Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet. Eine Befragung der Hans-Böckler-Stiftung hat für die erste Aprilhälfte vier Millionen Kurzarbeiter in Deutschland ermittelt.

Dass die neuen Zahlen aber wohl noch nicht der Höhepunkt sind, zeigen Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Experten gehen von drei Millionen Arbeitslosen in der Spitze sowie 2,5 Millionen Kurzarbeitern im Jahresdurchschnitt aus. "Die deutsche Wirtschaft stürzt in die schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte", folgert das Forschungsinstitut.

Doch nicht nur in Deutschland wird die Arbeitsmarktstatistik neue Sorgen hervorrufen. In den USA ist die Lage viel dramatischer. Dort haben innerhalb von fünf Wochen mehr als 26 Millionen Menschen ihren Job verloren. In dieser Woche werden - da sind sich Experten sicher - weitere Millionen dazukommen. Denn in den USA, wo die rasante Ausbreitung des Coronavirus das öffentliche Leben ebenfalls weitgehend zum Erliegen gebracht, sind Entlassungen in der Regel einfacher möglich als etwa in Deutschland.

Schließlich wird einen Tag nach der Fed auch die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Zinsentscheidung bekanntgeben. Allerdings liegt der Leitzins im Euroraum bereits bei null Prozent. Experten sind daher skeptisch, ob eine weitere Senkung der bereits historisch niedrigen Zinsen den Konsum tatsächlich ankurbeln würde.

FREITAG, 1. MAI: Feiertag. Während sich viele Menschen am langen Wochenende auf die Rückkehr mancher Freiheiten vom 4. Mai an freuen, werden die Rufe nach einer Exit-Strategie aus der Wirtschaft lauter. Hingegen warnen Virologen vor zu schnellen Lockerungen. Die Zahlen dieser Woche können für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aber wichtige Eckdaten dafür sein, wie lange die "Fahrt auf Sicht" noch andauert.

(an/dpa)

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